In Russland wächst der Druck auf die Zentralbank, den Leitzins weiter zu senken. Vor der nächsten Sitzung des Direktoriums am 19. Juni rechnen Vertreter der Wirtschaft mit einem weiteren, aber wohl nur kleinen Zinsschritt. Der Leitzins liegt derzeit bei 14,5 Prozent. Ende April hatte die Bank von Russland ihn um 0,5 Prozentpunkte gesenkt. Es war bereits die achte Zinssenkung in Folge, nachdem der Satz im vergangenen Jahr noch deutlich höher gelegen hatte.
Auf dem Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum machten Unternehmer und Bankenvertreter deutlich, dass die hohen Finanzierungskosten inzwischen als Bremse für Investitionen wirken. German Gref, Chef der Sberbank, nannte einen Leitzins von 10 bis 12 Prozent eine „psychologische Grenze“ für Unternehmen. Erst in diesem Bereich könne der Investitionszyklus aus Sicht vieler Firmen wieder spürbar anspringen. Zwar sei der Leitzins optisch bereits deutlich gefallen, die reale Zinsbelastung bleibe für die Wirtschaft aber weiterhin hoch.
Auch Alexander Schochin, Präsident des russischen Unternehmerverbandes RSPP, erwartet im Juni eine weitere Senkung. Nach seiner Einschätzung könnte die Zentralbank den Leitzins von 14,5 auf 14 Prozent reduzieren. Die Wirtschaft hoffe zwar auf stärkere Lockerungen, rechne aber damit, dass der Regulator sehr vorsichtig vorgehen werde. Unter den derzeitigen Bedingungen sei es aus seiner Sicht unwahrscheinlich, dass der Leitzins bis Jahresende deutlich unter 12 Prozent fällt.
Die Zentralbank selbst dämpft solche Erwartungen. Ihr stellvertretender Vorsitzender Alexej Sabotkin erklärte auf dem Wirtschaftsforum, der Spielraum für eine Zinssenkung im Juni habe sich nicht vergrößert. Bis zur Sitzung am 19. Juni würden noch zahlreiche neue Daten vorliegen, die in die Entscheidung einfließen müssten. Eine weitere Senkung sei nicht ausgeschlossen, aber keineswegs für jede Sitzung vorgezeichnet.
Damit bleibt die Bank von Russland bei ihrer Linie eines langsamen und datenabhängigen Kurses. Sie verweist weiterhin auf Inflationsrisiken, Unsicherheiten bei der Haushalts- und Außenwirtschaftspolitik sowie auf die Notwendigkeit, die Preisentwicklung dauerhaft unter Kontrolle zu bringen. Nach Angaben der Zentralbank liegen die Indikatoren des nachhaltigen Preiswachstums weiterhin im Bereich von 4 bis 5 Prozent auf Jahresbasis. Das ist zwar nicht mehr die Hochinflation früherer Phasen, aber aus Sicht der Währungshüter noch kein Grund für eine schnelle Lockerung.
Für die russische Wirtschaft ist die Zinspolitik inzwischen zu einem zentralen Thema geworden. Hohe Zinsen verteuern Kredite, bremsen Investitionen und erschweren Unternehmen die Finanzierung neuer Projekte. Besonders betroffen sind Branchen mit hohem Kapitalbedarf, etwa Industrie, Bauwirtschaft, Infrastruktur und Maschinenbau. Gleichzeitig hat der hohe Leitzins in den vergangenen Monaten dazu beigetragen, Konsum- und Kreditnachfrage zu dämpfen und den Rubel zu stabilisieren.
Die Debatte zeigt den klassischen Zielkonflikt der russischen Wirtschaftspolitik. Unternehmen wünschen sich niedrigere Finanzierungskosten, um Produktion und Investitionen anzukurbeln. Die Zentralbank fürchtet dagegen, dass eine zu schnelle Zinssenkung die Inflationserwartungen wieder anheizen und die erreichte Stabilisierung gefährden könnte. Hinzu kommt, dass staatliche Ausgaben, Sanktionen, Arbeitskräftemangel und strukturelle Engpässe weiterhin preistreibend wirken können.
Für den 19. Juni zeichnet sich deshalb eher ein vorsichtiger Schritt als eine geldpolitische Wende ab. Eine Senkung um 0,25 oder 0,5 Prozentpunkte wäre ein Signal an die Wirtschaft, dass die Phase extrem hoher Zinsen weiter ausläuft. Zugleich würde sie den Kurs der Zentralbank bestätigen, Lockerungen nur schrittweise vorzunehmen.
Die eigentliche Frage ist damit nicht, ob der Leitzins sinkt, sondern wie schnell und wie weit. Für die Unternehmen beginnt der interessante Bereich nach Einschätzung Grefs erst bei 10 bis 12 Prozent. Die Zentralbank hingegen signalisiert, dass sie diesen Weg nur dann gehen will, wenn die Inflationsdaten und die Erwartungen der Verbraucher dies zulassen. Russlands Geldpolitik bleibt damit ein Balanceakt zwischen Wachstumswunsch und Inflationsangst.

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