Moskau wirbt wieder um westliche Unternehmen – zu russischen Bedingungen

Moskau wirbt wieder um westliche Unternehmen – zu russischen Bedingungen

Aus Moskau sind neue, fast ungewohnt geschmeidige Töne gegenüber westlichen Unternehmen zu hören. Auf dem Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum erklärten gleich mehrere Vertreter der russischen Führung, Russland sei offen für die Rückkehr westlicher Firmen und für eine Wiederbelebung wirtschaftlicher Kontakte mit Deutschland. Von einer einfachen Rückkehr in die Zeit vor 2022 ist dabei allerdings keine Rede. Die Botschaft lautet: Willkommen – aber nur, wenn es Russland nützt.

Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte am Rande des Forums, Russland sei offen für die Rückkehr westlicher Unternehmen. Jede Wirtschaft müsse sich mit einem möglichst großen Zufluss ausländischer Investitionen entwickeln, erklärte er. Investitionen brächten zudem Wettbewerb. Das klingt fast wie ein Satz aus der Zeit vor der großen Entkopplung zwischen Russland und dem Westen.

Doch die russische Einladung kommt nicht aus einer Position der Reue, sondern aus einer Position der Neuverhandlung. Russland will ausländisches Kapital, Technologie und Wettbewerb zurückhaben, aber nicht mehr zu den alten Spielregeln. Wer kommt, soll sich in eine durch Sanktionen, Gegensanktionen, neue Eigentumsverhältnisse und staatliche Eingriffe veränderte russische Wirtschaftsordnung einfügen.

Auch Industrieminister Anton Alichanow setzte auf dem Wirtschaftsforum ein Signal. Russland bewege sich planmäßig auf den Neustart aller von ausländischen Investoren verlassenen Autowerke zu. Ende vergangenen Jahres seien bereits mehr als 80 Prozent der früher aufgegebenen Produktionsstandorte wieder angelaufen. Nun gehe es in Richtung 100 Prozent. Als Beispiel nannte Alichanow unter anderem die frühere Toyota-Fabrik in Schuschary bei St. Petersburg, wo inzwischen russische Fahrzeuge der Marke Senat produziert werden.

Damit verbindet Moskau zwei Botschaften. Nach innen lautet sie: Der Abzug westlicher Hersteller hat Russland nicht dauerhaft lahmgelegt. Die Fabriken laufen wieder, Arbeitsplätze wurden erhalten, industrielle Kapazitäten bleiben im Land. Nach außen lautet sie subtiler: Wer gegangen ist, sieht seinen Platz nicht leer, sondern neu besetzt. Eine Rückkehr ist möglich, aber sie findet nicht mehr auf unberührtem Terrain statt.

Besonders interessant sind die Aussagen von Kirill Dmitrijew, dem Sonderbeauftragten des russischen Präsidenten für internationale Wirtschafts- und Investitionszusammenarbeit. Er bestätigte, russische Unternehmen seien zur Zusammenarbeit mit Deutschland bereit – allerdings selektiv und nur zu Bedingungen, die für Russland vorteilhaft seien. Gleichzeitig verwies er auf angeblich vorhandene „gesunde Kräfte“ in Europa und Deutschland, die über eine Wiederherstellung wirtschaftlicher Beziehungen mit Russland nachdächten, einschließlich der Nord-Stream-Pipelines.

Diese Formulierung ist politisch aufgeladen. Moskau spricht damit gezielt jene Kreise in Deutschland an, die Energiepreise, Deindustrialisierung und Sanktionspolitik miteinander verbinden. In Russland werden solche Stimmen gern als Beweis dafür präsentiert, dass die westliche Einheitsfront bröckelt. Dass der AfD-Politiker Markus Frohnmaier in diesem Zusammenhang genannt wird, zeigt allerdings auch, wie begrenzt die politische Anschlussfähigkeit solcher Signale in Deutschland derzeit ist.

Der wirtschaftliche Hintergrund ist dennoch real. Kommersant verweist auf eine Umfrage der Russisch-Deutschen Auslandshandelskammer unter mehr als 260 Unternehmen. Demnach wollen viele der noch in Russland aktiven europäischen, vor allem deutschen Firmen, ihre Tätigkeit nicht beenden. Ein großer Teil der befragten Unternehmen mit deutschem Kapital spricht sich sogar für eine möglichst baldige Wiederaufnahme deutscher Öl- und Gasimporte aus Russland aus. Viele Unternehmen begründen ihre Zurückhaltung beim Rückzug pragmatisch: Sie wollen den russischen Markt nicht chinesischen oder anderen asiatischen Konkurrenten überlassen.

Für die Bundesregierung ist das kein politisches Angebot, sondern ein Problem. Die offizielle Linie bleibt Sanktionsdruck, Reduzierung von Abhängigkeiten und keine Rückkehr zu den alten Energiebeziehungen. Zugleich gibt es aber eine unternehmerische Realität: Einige deutsche Firmen sind weiter in Russland aktiv, andere haben sich zurückgezogen, ohne alle Brücken endgültig abzubrechen. Moskau versucht nun, genau diese Grauzone politisch und wirtschaftlich zu nutzen.

Die neuen Flötentöne aus Moskau sind deshalb weniger Ausdruck einer Entspannung als ein taktisches Werben. Russland signalisiert: Der Westen kann zurückkommen, aber nicht als Lehrmeister, sondern als Bittsteller, Partner auf Probe oder Lieferant nützlicher Technologie. Die Formel „zu für Russland vorteilhaften Bedingungen“ ist dabei der entscheidende Zusatz.

So entsteht ein widersprüchliches Bild. Russland betont seinen erfolgreichen Ersatz westlicher Unternehmen und wirbt gleichzeitig um deren Rückkehr. Es feiert die Wiederbelebung ehemaliger westlicher Produktionsstätten und macht zugleich deutlich, dass westliches Kapital weiterhin willkommen wäre. Das ist kein Zeichen russischer Schwäche allein, sondern auch ein Hinweis auf die Grenzen der vollständigen wirtschaftlichen Entkopplung.

Für Deutschland bleibt die russische Botschaft heikel. Sie spielt mit realen Sorgen der Industrie, mit der Erinnerung an billige Energie und mit der Frage, ob Sanktionen nicht auch der deutschen Wirtschaft schaden. Politisch aber ist eine Rückkehr zu alten Geschäftsmodellen kaum denkbar, solange der Krieg gegen die Ukraine andauert und Sanktionen in Kraft sind.

Moskau weiß das. Gerade deshalb klingen die neuen Töne so auffällig weich. Sie sind kein Friedensangebot, sondern ein wirtschaftspolitischer Lockruf: Wer zurück will, soll kommen – aber diesmal durch eine Tür, deren Schlüssel in Moskau liegt.

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