In Russland werden wieder mehr Unternehmen gegründet als geschlossen. Doch die Zahlen zeigen zugleich, wie fragil ein großer Teil der russischen Wirtschaft bleibt: Von den 2022 gegründeten Firmen und Einzelunternehmen war Ende 2025 nur noch jede zweite aktiv. Das geht aus einer Studie der Totschka-Bank zum Tag des russischen Unternehmertums hervor, über die der Kommersant berichtet.
Demnach setzen 50 Prozent der im Jahr 2022 registrierten Unternehmen und Einzelunternehmer ihre Tätigkeit drei Jahre später noch fort. Bei älteren Gründungsjahrgängen fällt die Bilanz noch ernüchternder aus: Von den 2020 gegründeten Firmen sind nach fünf Jahren nur noch 42 Prozent am Markt. Die langfristige Stabilität kleiner und mittlerer Unternehmen bleibt damit ein Schwachpunkt der russischen Wirtschaft.
Regional zeigen sich deutliche Unterschiede. Die höchste Fünfjahres-Überlebensrate verzeichnen der Zentralrussische und der Nordwestrussische Föderationskreis mit jeweils 45 Prozent. Dahinter folgen der Ferne Osten und der Ural mit jeweils 42 Prozent. Bei der Dreijahresquote liegt der Nordwesten mit 54 Prozent an der Spitze, gefolgt vom Fernen Osten mit 53 und Zentralrussland mit 52 Prozent.
Gleichzeitig bleibt die Gründungsdynamik hoch. Zwischen Mai 2025 und April 2026 wurden in Russland 1,284 Millionen juristische Personen und Einzelunternehmer neu registriert. Das waren 6,9 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Im gleichen Zeitraum wurden 1,022 Millionen Unternehmen und Einzelunternehmer liquidiert. Damit lag die Zahl der Neugründungen um 26 Prozent über der Zahl der Schließungen. Der Nettozuwachs betrug knapp 262.000 wirtschaftliche Einheiten. Insgesamt waren zuletzt 8,08 Millionen Unternehmen und Einzelunternehmer in Russland aktiv — 3,24 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Auf den ersten Blick spricht dies für Widerstandsfähigkeit. Trotz Sanktionen, hoher Zinsen, Personalmangels und logistischer Probleme entstehen weiter neue Geschäftsmodelle. Besonders kleine Dienstleister, Einzelhändler und Selbständige reagieren flexibel auf veränderte Nachfrage und auf Lücken, die durch den Rückzug westlicher Unternehmen oder durch Umstellungen im Binnenmarkt entstanden sind.
Doch der hohe Anteil kurzlebiger Firmen relativiert das Bild. Viele Neugründungen scheinen eher Ausdruck von Anpassungsdruck als von dauerhaftem Wachstum zu sein. Unternehmen entstehen, versuchen sich in einem schwierigen Umfeld und verschwinden häufig wieder, bevor sie stabile Strukturen aufbauen können. Die Statistik der Totschka-Bank zeigt deshalb weniger einen ungebrochenen Boom als eine stark rotierende Unternehmenslandschaft.
Im Durchschnitt kommen in Russland 5,5 aktive Unternehmen oder Einzelunternehmer auf 100 Einwohner. Die höchste Dichte verzeichnen Zentralrussland, der Nordwesten und Südrussland. Die Bank erklärt dies in Zentral- und Nordwestrussland mit dem Gewicht großer Agglomerationen wie Moskau und St. Petersburg. Im Süden spielen Tourismus, Dienstleistungen, Einzelhandel und ein hoher Anteil von Einzelunternehmern eine größere Rolle.
Auch die Struktur des Unternehmertums ist aufschlussreich. Der Medianunternehmer in Russland ist 40 Jahre alt. Am jüngsten ist das Unternehmerprofil im Nordkaukasus, wo der Median bei 38 Jahren liegt. Frauen stellen landesweit 37,6 Prozent der Unternehmer, Männer 62,4 Prozent. Die Mehrheit wählt die Form des Einzelunternehmers: 60,9 Prozent aller registrierten wirtschaftlichen Einheiten sind individuelle Unternehmer, 39,1 Prozent juristische Personen.
Für die russische Wirtschaft ergibt sich daraus ein gemischtes Bild. Die Gründungszahlen sind positiv und zeigen eine gewisse Anpassungsfähigkeit. Zugleich deutet die geringe Überlebensrate darauf hin, dass viele Geschäftsmodelle unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum belastbar sind. Hinter dem statistischen Wachstum steht also nicht unbedingt eine stabile Expansion, sondern ein ständiges Kommen und Gehen kleiner Unternehmen.
Gerade deshalb sind die Zahlen politisch interessant. Offizielle Stellen betonen gern die Anpassungsfähigkeit der russischen Wirtschaft. Die Totschka-Daten liefern dafür Argumente — aber auch Gegenargumente. Ja, es entstehen mehr Unternehmen als verschwinden. Doch wenn nach drei Jahren nur die Hälfte und nach fünf Jahren deutlich weniger als die Hälfte der Neugründungen übrigbleibt, spricht das auch für ein raues Geschäftsklima, hohe Unsicherheit und begrenzte Planungssicherheit.

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