Bis 2042 sollen 38 neue Reaktorblöcke entstehen. Ein erheblicher Teil ersetzt jedoch alte Anlagen. Zugleich verbindet Moskau den Ausbau mit neuen Industrieprojekten, Rechenzentren und dem Exportgeschäft von Rosatom.
Russland bereitet einen der größten Umbauten seiner Kernenergie seit Jahrzehnten vor. Bis 2042 sollen 38 neue Reaktorblöcke mit einer Gesamtleistung von knapp 30 Gigawatt gebaut werden. Neue Standorte sind vor allem im Ural, in Sibirien und im Fernen Osten vorgesehen. Präsident Wladimir Putin begründete das Programm bei einer Sitzung zur Entwicklung der Kernenergie nicht nur mit dem Ersatz alter Kraftwerke. Die neuen Anlagen sollen auch den Strom für rohstoffverarbeitende Betriebe, Elektromobilität, Robotik, Rechenzentren und Anwendungen künstlicher Intelligenz liefern.
Die Zahl von 30 Gigawatt klingt zunächst beinahe wie eine Verdoppelung der russischen Kernkraftkapazität. Tatsächlich handelt es sich jedoch um den geplanten Bruttozubau. Nach Angaben von Rosatom-Chef Alexej Lichatschow müssen allein in den kommenden zehn Jahren 13 ältere Reaktorblöcke mit zusammen mehr als zehn Gigawatt stillgelegt werden. Sie entsprechen etwa einem Drittel des gegenwärtigen Kraftwerksparks. Ein erheblicher Teil der Neubauten dient daher zunächst als Ersatz.
Langfristig soll die Kernenergie dennoch an Bedeutung gewinnen. Gegenwärtig liefert sie nach russischen Angaben rund 20 Prozent des Stroms; bis 2045 soll ihr Anteil auf 25 Prozent steigen. Die Ende 2024 von der Regierung beschlossene Generalplanung bis 2042 sieht 38 Blöcke mit zusammen 29,3 Gigawatt vor. Insgesamt sollen im russischen Kraftwerkspark in diesem Zeitraum mehr als 80 Gigawatt neue Erzeugungsleistung entstehen.
Neue Kraftwerke für den Osten
Die territoriale Verschiebung ist mindestens so wichtig wie die Gesamtleistung. Bislang konzentrieren sich Russlands große Kernkraftwerke überwiegend im europäischen Teil des Landes. Künftig sollen neue Anlagen unter anderem im Gebiet Tscheljabinsk, in Sibirien sowie in den Regionen Primorje und Chabarowsk entstehen. Hinzu kommen kleine Reaktoren für abgelegene und teilweise isolierte Stromnetze, etwa in Jakutien und im Raum Norilsk.
Damit folgt die Energieversorgung der wirtschaftspolitischen Stoßrichtung des Kremls. Putin nannte ausdrücklich die tiefere Verarbeitung der Rohstoffe aus der Arktis, Sibirien und dem Fernen Osten. Kernkraftwerke sollen dort nicht nur einen bereits vorhandenen Bedarf decken, sondern die Ansiedlung neuer energieintensiver Betriebe überhaupt erst ermöglichen. Auch der wachsende Strombedarf von Datenzentren und KI-Systemen wird nun als Begründung für den langfristigen Kraftwerksbau angeführt.
Nach Lichatschows Angaben werden gegenwärtig an neun russischen Standorten insgesamt 18 große, kleine oder schwimmende Reaktorblöcke errichtet. Diese weite Definition geht über die internationale Statistik hinaus: Die Internationale Atomenergie-Organisation führte zuletzt fünf russische Leistungsreaktoren mit insgesamt rund fünf Gigawatt offiziell als im Bau. Unterschiede entstehen unter anderem dadurch, dass Rosatom auch kleine und schwimmende Anlagen sowie Projekte in frühen Bauphasen einbezieht.
Auch die russische Bestandszahl bedarf einer Einordnung. Lichatschow sprach von 34 Blöcken an elf Kernkraftwerken und rechnete dabei die sechs Blöcke des von Russland kontrollierten ukrainischen Kernkraftwerks Saporischschja mit. Diese befinden sich im kalten Stillstand und erzeugen keinen Strom. International wird die Anlage weiterhin der Ukraine zugerechnet.
Rosatom wirbt mit der „gesamten Kette“
Putin stellte den Ausbau als Ergebnis einer besonderen technologischen Stellung Russlands dar. Das Land sei „wahrscheinlich“ das einzige, das über Kompetenzen entlang der gesamten kerntechnischen Kette verfüge. Gemeint sind unter anderem Uranförderung und -anreicherung, Brennstoffherstellung, Reaktorentwicklung und Kraftwerksbau sowie die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente. Als uneingeschränkte Feststellung lässt sich diese Alleinstellung allerdings kaum prüfen; auch andere große Kernenergieländer verfügen über weitreichende Fähigkeiten in zahlreichen Gliedern dieser Kette.
Zugleich machte Putin selbst deutlich, dass Russland seine Rohstoffbasis stärken müsse. Er forderte zusätzliche geologische Erkundung und die Erschließung neuer Lagerstätten, um die langfristige Brennstoffversorgung zu sichern. Die Beherrschung der technischen Verarbeitungskette bedeutet somit nicht automatisch vollständige Unabhängigkeit bei den benötigten Rohstoffen.
Eine zentrale Rolle spielt Rosatoms Projekt eines geschlossenen Brennstoffkreislaufs. Schnelle Reaktoren sollen einen größeren Teil des Urans nutzbar machen und bestimmte langlebige Bestandteile des radioaktiven Abfalls weiterverwerten. Als Demonstrationsanlage entsteht in Sewersk der bleigekühlte Reaktor BREST-OD-300 mit Anlagen zur Wiederaufarbeitung und erneuten Brennstoffherstellung am selben Standort. Rosatom will den Komplex bis 2030 in Betrieb nehmen und spricht bereits von Kernenergiesystemen der vierten Generation. Der großtechnische und wirtschaftliche Nachweis dieser Technologie steht jedoch noch aus.
28 Blöcke im Ausland – und weitere 17 in Aussicht
Parallel zum Inlandsprogramm will Rosatom sein internationales Geschäft ausbauen. Nach Angaben Lichatschows errichtet der Staatskonzern gegenwärtig 28 Reaktorblöcke unterschiedlicher Größe in neun Ländern. Ausdrücklich nannte er Indien, China, die Türkei, Ägypten, Iran, Bangladesch und Ungarn. In Usbekistan wurde im Juni mit einem kombinierten Projekt aus kleinen und großen Reaktoren begonnen; in Kasachstan waren nach seiner Darstellung die Untersuchungen am vorgesehenen Standort nahezu abgeschlossen. Auch hier verwendet Rosatom den Begriff „im Bau“ somit weiter, als es die übliche internationale Reaktorstatistik tut.
Mit sechs weiteren Staaten gebe es unterzeichnete Vereinbarungen über insgesamt 17 Blöcke. Als jüngstes Beispiel nannte Lichatschow ein Regierungsabkommen mit Vietnam. Zudem führe Rosatom Gespräche mit 15 Ländern über bis zu 50 mögliche Reaktoren.
Diese Zahlen beschreiben allerdings einen Auftragskorridor und nicht 45 gesicherte Baustellen. Zwischen einer politischen Absichtserklärung, einem Regierungsabkommen, einem finanzierten Bauvertrag und dem tatsächlichen Baubeginn können Jahre liegen. Gerade bei Kernkraftwerken hängen Projekte häufig von russischen Staatskrediten, langfristigen Abnahmegarantien und den politischen Beziehungen zum jeweiligen Partnerland ab.
Auch für das russische Ausbauprogramm wurden bei der Sitzung weder Gesamtkosten noch ein konkretes Finanzierungsmodell genannt. Putin bezeichnete eine tragfähige Finanzierung angesichts der hohen Investitionen und langen Amortisationszeiten selbst als eine der fünf zentralen Aufgaben. Damit ist die strategische Richtung festgelegt, ihre wirtschaftliche Umsetzung aber noch nicht vollständig beantwortet.
Russlands Atomprogramm ist deshalb mehr als ein Kraftwerksplan. Es verbindet den Ersatz einer alternden Reaktorflotte mit der industriellen Erschließung des Ostens, dem wachsenden Strombedarf der Digitalwirtschaft und Rosatoms Rolle als außenwirtschaftliches Instrument. Ob daraus bis 2042 tatsächlich 38 neue Blöcke werden, wird sich weniger an den heute verkündeten Gigawattzahlen entscheiden als an Bauzeiten, Finanzierung und der Fähigkeit, viele technisch unterschiedliche Projekte gleichzeitig umzusetzen.
Kommentare