Russlands verarbeitende Industrie ist im Juni erstmals seit mehr als einem Jahr wieder in die Wachstumszone zurückgekehrt. Der Einkaufsmanagerindex PMI von S&P Global stieg von 48,8 Punkten im Mai auf 50,3 Punkte im Juni. Werte über 50 signalisieren eine Ausweitung der Geschäftstätigkeit, Werte darunter eine Schrumpfung. S&P Global veröffentlichte die Daten am 1. Juli; auch Reuters und Moscow Times berichteten darüber.
Der Anstieg fällt zwar nur knapp aus, ist aber symbolisch bedeutsam: Erstmals seit gut einem Jahr meldet die russische Industrie nicht mehr insgesamt rückläufige, sondern leicht verbesserte Geschäftsbedingungen. Die Produktion legte den zweiten Monat in Folge zu und erreichte laut Reuters das höchste Wachstumstempo seit Januar 2025. Die Neuaufträge stabilisierten sich nach zwölf Monaten ununterbrochenen Rückgangs.
Von einer breiten Entwarnung kann dennoch keine Rede sein. Die Exportnachfrage blieb schwach. Neue Auslandsaufträge gingen den achten Monat in Folge zurück, und zwar so stark wie seit September 2025 nicht mehr. Unternehmen verwiesen dabei auf schwache Auslandsmärkte, ungünstige Wechselkursentwicklungen und stärkeren Wettbewerb.
Auch der Arbeitsmarkt sendet keine Erholungssignale. Russische Industrieunternehmen bauten im Juni den siebten Monat in Folge Stellen ab. Laut Umfrage wurden Beschäftigte, die freiwillig ausschieden, vielfach nicht ersetzt, weil in den Betrieben freie Kapazitäten vorhanden waren. Gleichzeitig gingen die Auftragsrückstände bereits den 17. Monat in Folge zurück, wenn auch deutlich langsamer als im Mai.
Ein weiteres gemischtes Signal kommt von Kosten und Lieferketten. Die Inflation bei Einkaufs- und Verkaufspreisen schwächte sich im Vergleich zum Mai leicht ab. Gleichzeitig verlängerten sich die Lieferzeiten so stark wie seit Januar nicht mehr. Als Gründe wurden logistische Störungen und Importprobleme genannt, unter anderem im Zusammenhang mit dem Konflikt im Nahen Osten.
Die Unternehmen erhöhten ihre Einkaufsaktivität den zweiten Monat in Folge und bauten Vorräte an Vorprodukten so stark auf wie seit Februar 2023 nicht mehr. Das deutet auf die Erwartung künftiger Aufträge hin, kann aber auch als Vorsichtsmaßnahme gegen Lieferprobleme gelesen werden. Der Geschäftsausblick für die kommenden zwölf Monate verschlechterte sich zugleich leicht und fiel auf den niedrigsten Stand seit drei Monaten.
Damit passt der PMI-Anstieg in das widersprüchliche Bild der russischen Wirtschaft. Einerseits gibt es Hinweise, dass die Industrie nach einer längeren Schwächephase nicht weiter abrutscht. Andererseits bleiben die strukturellen Probleme sichtbar: schwache Exportmärkte, sinkende Beschäftigung, unausgelastete Kapazitäten und störanfällige Lieferketten.
Der Juni-Wert von 50,3 Punkten ist daher weniger ein Signal eines kräftigen Aufschwungs als ein Hinweis auf eine fragile Stabilisierung. Für die russische Regierung ist die Zahl politisch willkommen, weil sie der These einer harten industriellen Abkühlung widerspricht. Für Unternehmen und Analysten bleibt jedoch entscheidend, ob der Index in den kommenden Monaten oberhalb der Wachstumsschwelle bleibt — oder ob der Juni nur eine kurze technische Erholung nach einem langen Rückgang war.

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