Die russische Regierung hat die Anforderungen an die Qualität von Ottokraftstoff vorübergehend gelockert. Bis zum 1. Juli 2027 dürfen in Russland wieder Benzinsorten der Umweltklassen K2, K3 und K4 hergestellt, importiert und verkauft werden. Sie entsprechen ungefähr den europäischen Abgasnormen Euro 2, Euro 3 und Euro 4.
Das entsprechende Dekret wurde von Ministerpräsident Michail Mischustin unterzeichnet. Nach Angaben des russischen Energieministeriums soll die Maßnahme die Versorgung des Binnenmarktes stabilisieren und möglichen weiteren Engpässen vorbeugen.
Das Ministerium bezeichnete die Lockerung als zeitlich begrenzte „Antikrisenmaßnahme“. Eine grundsätzliche Abkehr von den langfristigen Anforderungen an die Kraftstoffqualität sei damit nicht verbunden.
Tankstellen müssen künftig deutlich sichtbar angeben, welcher Umweltklasse der angebotene Kraftstoff entspricht. Autofahrer sollen dadurch nach Darstellung des Ministeriums selbst entscheiden können, welchen Kraftstoff sie kaufen.
Russland hatte Benzin der Klasse Euro 2 im Jahr 2013 aus dem regulären Verkauf genommen. Die vollständige Umstellung auf Euro 5 wurde 2016 abgeschlossen. Der wichtigste Unterschied zwischen den Klassen liegt unter anderem im zulässigen Schwefelgehalt. Während Euro-5-Benzin höchstens zehn Milligramm Schwefel je Kilogramm enthalten darf, sind bei Euro 4 bis zu 50, bei Euro 3 bis zu 150 und bei Euro 2 bis zu 500 Milligramm zulässig.
Ein höherer Schwefelgehalt erhöht den Ausstoß von Schwefelverbindungen und kann Katalysatoren und Abgasreinigungssysteme moderner Fahrzeuge stärker belasten.
Bereits Anfang Juli hatte die Regierung die Qualitätsvorschriften teilweise gelockert. Bis Ende 2026 dürfen Raffinerien Benzin und Dieselkraftstoff produzieren, die offiziell weiterhin als Klasse K5 geführt werden, bei einzelnen Eigenschaften jedoch nur niedrigeren Umweltstandards entsprechen. Für Benzin wurde der zulässige Schwefelgehalt dabei von zehn auf 150 Milligramm pro Kilogramm erhöht, für Dieselkraftstoff auf bis zu 350 Milligramm.
Die jetzt beschlossene Regelung geht darüber hinaus. Sie erlaubt ausdrücklich Herstellung, Einfuhr und Verkauf von Benzin der älteren Klassen K2 bis K4.
Hintergrund sind anhaltende Schwierigkeiten auf dem russischen Kraftstoffmarkt. In mehreren Regionen wurden in den vergangenen Monaten Lieferengpässe, zeitweise Verkaufsbeschränkungen und Warteschlangen an Tankstellen gemeldet. Zugleich mussten mehrere Raffinerien ihre Produktion nach ukrainischen Drohnenangriffen vorübergehend unterbrechen oder reduzieren. Hinzu kommen planmäßige Reparaturen, Transportprobleme und eine saisonal erhöhte Nachfrage.
Zur Sicherung des Binnenmarktes verlängerte die Regierung außerdem die Beschränkungen für den Export von Benzin und Dieselkraftstoff bis Ende Januar 2027.
Nach Angaben von Rosstat lagen die durchschnittlichen Benzinpreise Anfang August um 17,7 Prozent über dem Stand zu Jahresbeginn. In der Woche bis zum 3. August sanken sie erstmals wieder um 1,4 Prozent auf durchschnittlich 77,69 Rubel je Liter.
Mit der vorübergehenden Zulassung älterer Kraftstoffklassen erweitert die Regierung die möglichen Bezugs- und Produktionsquellen. Zugleich nimmt sie für die Dauer der Versorgungsprobleme höhere Schadstoffwerte und mögliche zusätzliche Belastungen für die Abgasreinigung moderner Fahrzeuge in Kauf.

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