Die geplante Reform zur Unterstützung der staatlichen Posta Rossii droht nach Einschätzung von Branchenverbänden den russischen Markt für Paket- und Zustelldienste massiv umzubauen. Nach einer Warnung aus der Branche könnten im Fall der Verabschiedung bis zu 80 Prozent der privaten Logistikunternehmen vom Markt verschwinden. Betroffen wären damit nicht nur kleine Zusteller, sondern mittelbar auch Marktplätze, Händler und Verbraucher.
Im Kern geht es um einen Gesetzentwurf des Digitalministeriums, der der Posta Rossii einen Sonderstatus verschaffen und zugleich die Anforderungen an andere Zustellunternehmen deutlich verschärfen würde. Nach einer früheren Darstellung der Zeitung Kommersant sollen konkurrierende Anbieter künftig ein Eigenkapital von mindestens einer Milliarde Rubel nachweisen müssen, bei landesweiter Tätigkeit sogar von zwei Milliarden. Gleichzeitig würden die Lizenzkosten je nach Tätigkeitsprofil von bislang einer Million Rubel auf fünf bis 100 Millionen Rubel steigen. Zusätzlich ist eine Abgabe von drei Prozent der Einnahmen aus interregionaler Paketzustellung für einen Sonderfonds vorgesehen, aus dem Filialen der Post in ländlichen und schwer zugänglichen Regionen modernisiert werden sollen.
Aus Sicht der Wirtschaft wäre das keine bloße Marktregulierung mehr, sondern ein harter Eingriff in den Wettbewerb. Bereits im März hatte Opora Rossii die Regierung aufgefordert, die Pläne zu entschärfen. Die Organisation warnte, die neuen Vorgaben würden vor allem kleineren Kurier- und Lieferdiensten die Luft abschnüren. Schon jetzt ist die Zahl der aktiven Lizenzen nach Kommersant stark gesunken: von 813 im April 2025 auf 288 aktuell. Die neuen Hürden könnten diese Konzentration weiter beschleunigen.
In der neueren Zuspitzung meldete Kommersant dann unter Verweis auf ein Schreiben der Assoziation für grenzüberschreitenden E-Commerce und Expresszustellung an Premier Michail Mischustin, dass bis zu 80 Prozent der privaten Anbieter vom Markt gedrängt werden könnten. Die Folgen wären laut Verband steigende Tarife, sinkender Wettbewerb und eine Verschlechterung des Service. Kritisiert werden zudem unklare Formulierungen im Entwurf und fehlende Abstimmung mit dem Fachpublikum. Der Verband fordert, die Diskussion neu aufzusetzen und einen Ausgleich zwischen den Interessen des Staates und denen privater Unternehmen zu suchen.
Besonders brisant ist der mögliche Effekt auf die großen Onlineplattformen. Bereits die frühere Kommersant-Berichterstattung bezifferte die zusätzlichen Kosten für große Marktplätze und andere Unternehmen mit ausgebauter Logistikinfrastruktur auf mehr als 90 Milliarden Rubel pro Jahr. Diese Belastung träfe also nicht nur die Kurierbranche selbst, sondern den gesamten Onlinehandel, große Einzelhändler und Transportdienstleister. Das würde am Ende auch für Verbraucher spürbar werden — entweder über höhere Lieferkosten oder über weniger Auswahl und längere Zustellzeiten.
Befürworter der Reform argumentieren, dass der Staat auf die Posta Rossii als kritische Infrastruktur nicht verzichten könne. Nach Kommersant ist das Unternehmen wirtschaftlich angeschlagen: In den ersten neun Monaten 2025 sank der Umsatz nach russischen Rechnungslegungsstandards um 1,7 Prozent auf 158,1 Milliarden Rubel, die Erlöse aus den Kerndiensten gingen um 4,5 Prozent zurück, der Nettoverlust lag bei fast neun Milliarden Rubel. Aus dieser Sicht soll die Reform die Post stabilisieren und in einem schwierigen Wettbewerbsumfeld absichern.
Die Kritik aus der Branche zielt jedoch genau auf diesen Punkt: Die Probleme der Posta Rossii seien strukturell und nicht schlicht Folge privater Konkurrenz. Wenn der Staat die Post stützen wolle, dürfe dies nicht über neue Lasten für den gesamten übrigen Markt geschehen. Genau darin liegt die politische und wirtschaftliche Brisanz des Projekts: Die Sanierung eines staatsnahen Konzerns könnte mit einer weitreichenden Verdrängung privater Anbieter bezahlt werden.

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