Ladensterben in Russland: Erstmals seit 25 Jahren sinkt die Zahl der Geschäfte

Ladensterben in Russland: Erstmals seit 25 Jahren sinkt die Zahl der Geschäfte

In Russland schrumpft erstmals seit einem Vierteljahrhundert die Gesamtzahl der Einzelhandelsgeschäfte. Besonders sichtbar ist der Trend in den beiden größten Städten des Landes: In Moskau sank die Zahl der Verkaufsstellen binnen eines Jahres von 87.000 auf 82.500, in St. Petersburg von 44.000 auf 42.200. Darauf verweisen sowohl Kommersant als auch The Bell unter Berufung auf Daten des Marktforschungsinstituts INFOLine.

Der Befund reicht dabei weit über die Metropolen hinaus. Nach Einschätzung von INFOLine betrifft die Entwicklung praktisch alle Segmente des stationären Handels: kleine Lebensmittelläden, Supermärkte, Obstkioske, Mobilfunkshops und Bekleidungsgeschäfte. The Bell hebt hervor, dass sich der Rückgang landesweit zeigt; Kommersant zitiert aus einer INFOLine-Studie, wonach die Lage „im ganzen Land nicht besser als in den Hauptstädten“ sei.

Besonders stark ist die Abschwächung im klassischen Nahversorger-Geschäft. Kommersant berichtet, dass die Zahl der Eröffnungen von „Läden am Wohnort“ 2025 landesweit um das Sechsfache zurückgegangen sei — ein derart starker Einbruch sei erstmals seit 2017 registriert worden. Schon von Januar bis September 2025 eröffneten die größten Lebensmittelketten nur noch rund 5300 neue Filialen, 30 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Zudem schlossen im Gesamtjahr 2025 rund 12 Prozent der Bekleidungsgeschäfte.

Als Ursachen nennen beide Berichte vor allem einen strukturellen Wandel im Handel. The Bell verweist auf die wachsende Dominanz der Marktplätze, die Käufer aus dem stationären Geschäft abziehen. Gleichzeitig steigen für die Händler die Kosten für Personal, Mieten und Logistik, während die Margen sinken. Hinzu kommen laut The Bell Veränderungen im Migrationsrecht und steigende Löhne im Einzelhandel, die den Betrieb zusätzlich verteuern.

Kommersant setzt einen etwas anderen Akzent und verweist besonders auf die Probleme kleiner Ladenformate. Demnach traf der Rückgang vor allem Alkoholgeschäfte, die in vielen Regionen mit neuen Beschränkungen der Behörden konfrontiert wurden. Zugleich steigen die Kosten für die Eröffnung kleiner Filialen, was die Amortisationszeit verlängert und neue Projekte unattraktiver macht.

Ein weiterer Druckfaktor ist die Steuerpolitik. The Bell schreibt, dass seit 2026 die Einkommensschwelle für das vereinfachte Steuersystem drastisch gesenkt wurde — von 60 Millionen auf 20 Millionen Rubel pro Monat. Für viele Geschäfte bedeute das eine deutlich höhere Steuerlast; in manchen Fällen werde das Geschäft damit unrentabel. Zugleich verweisen Analysten laut The Bell auf eine schwache Konsumdynamik: Selbst steigende Umsätze seien häufig eher Ausdruck der Lebensmittelinflation als real wachsender Nachfrage.

Zusammengenommen zeichnen beide Texte das Bild eines Handels, der nicht nur unter einer momentanen Konjunkturschwäche leidet, sondern unter einem tieferen Umbau. Der stationäre Laden verliert an Boden, während digitale Verkaufsplattformen, höhere Regulierung und steigende Betriebskosten den klassischen Einzelhandel von mehreren Seiten unter Druck setzen. Dass die Gesamtzahl der Geschäfte nun erstmals seit 25 Jahren sinkt, ist deshalb mehr als nur eine Statistik: Es ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich Russlands Alltagsökonomie grundlegend verändert.

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