In Russland werden immer weniger Löhne am Fiskus vorbei ausgezahlt. Gleichzeitig beteiligen sich weniger Menschen an Sammlungen für Soldaten und kriegsbetroffene Zivilisten. Zwei Umfragen beleuchten unterschiedliche Seiten des Umgangs mit Geld – und werfen die Frage auf, wie viel Sicherheit und Solidarität sich die Menschen leisten können und wollen.
Auf den ersten Blick erzählt die vom Meinungsforschungsinstitut WZIOM vorgelegte Untersuchung eine Erfolgsgeschichte staatlicher Ordnungspolitik. Nach einem Bericht von Kommersant sank der Anteil der Erwerbstätigen, die ihren Lohn vollständig oder teilweise inoffiziell erhalten, von 19 Prozent im Jahr 2006 auf neun Prozent 2026. Der sprichwörtliche Umschlag verliert an Bedeutung.
Als Erklärungen nennt der Bericht schärfere Kontrollen und den Arbeitskräftemangel. Die föderale Steuerbehörde nimmt auffällige Lohnzahlungen und mögliche Umgehungskonstruktionen stärker ins Visier. Zugleich müssen Arbeitgeber um Personal konkurrieren. Eine offizielle Anstellung kann dabei ein Vorteil sein.
Ein grundlegender Gesinnungswandel lässt sich aus der Entwicklung jedoch nicht ableiten. Der Anteil der Befragten, die inoffiziellen Lohnzahlungen mit Verständnis begegnen, stieg innerhalb von drei Jahren um vier Prozentpunkte auf 46 Prozent. Bei einem um die Hälfte höheren Gehalt wären 55 Prozent bereit, eine inoffizielle Bezahlung zu akzeptieren.
Die tatsächliche Bezahlung wird damit stärker formalisiert, während die Bereitschaft zum Ausweichen bestehen bleibt. Das ist kein logischer Widerspruch: Wer heute offiziell beschäftigt ist, kann unter anderen finanziellen Bedingungen eine andere Wahl bevorzugen. Zudem beschreibt die Antwort auf ein hypothetisches Angebot noch keine tatsächliche Entscheidung.
Auch die Gleichsetzung von legaler Beschäftigung und sozialer Absicherung greift zu kurz. Darauf weist WZIOM selbst hin. Ein Teil der früheren Schattenwirtschaft hat inzwischen durch registrierte Selbstständigkeit oder zivilrechtliche Verträge eine legale Form gefunden. Damit sind jedoch nicht dieselben Ansprüche auf bezahlten Urlaub, Lohnfortzahlung bei Krankheit oder Kündigungsschutz verbunden wie bei einem regulären Arbeitsverhältnis. Steuerliche Sichtbarkeit und soziale Sicherheit wachsen nicht zwangsläufig gemeinsam.
Eine andere Form finanzieller Beteiligung untersucht das Lewada-Zentrum in seiner Erhebung zum bürgerlichen Engagement. Im August berichteten 28 Prozent der Befragten, innerhalb der vergangenen zwölf Monate Geld oder Sachen für russische Soldaten gesammelt zu haben. Zuvor hatte dieser Anteil etwa zwei Jahre lang bei rund 40 Prozent gelegen. Die Beteiligung an Sammlungen für kriegsbetroffene Bewohner der Grenzregionen sank gegenüber September 2025 von 24 auf 14 Prozent.
Damit geht sowohl militärbezogene als auch zivile Hilfe zurück. Die Befragung misst allerdings die Beteiligung an solchen Aktivitäten, nicht die insgesamt gespendeten Geldbeträge. Aus weniger Beteiligten folgt deshalb nicht zwingend ein entsprechend kleineres Spendenaufkommen.
Lewadas Daten zeigen zudem, dass persönliche Ressourcen und Betroffenheit eine Rolle spielen: Finanziell besser gestellte Befragte und Menschen, die sich stark vom Krieg betroffen fühlen, berichten häufiger von Hilfe. Die Erhebung beruht auf 1.600 persönlichen Interviews vom 18. bis 28. August.
Zusammengenommen erlauben die Untersuchungen keine einfache Diagnose. Sie behandeln unterschiedliche Fragen und Zeiträume: hier eine zwanzigjährige Entwicklung der Lohnpraxis, dort jüngere Veränderungen gesellschaftlicher Beteiligung. Sie zeigen auch nicht, ob Menschen, die eine höhere inoffizielle Bezahlung bevorzugen würden, zugleich ihre Hilfe eingestellt haben.
Dennoch entsteht eine plausible Frage: Gewinnt die Sicherung des unmittelbar verfügbaren eigenen Geldes an Bedeutung? Die Bereitschaft, für einen erheblichen Einkommenszuwachs auf vertragliche Sicherheiten zu verzichten, passt zu einer solchen Lesart. Sinkende Hilfsbeteiligung könnte ebenfalls finanzielle Grenzen oder Erschöpfung widerspiegeln. Belegt ist dieser gemeinsame Hintergrund durch die beiden Umfragen nicht.
„Mehr beim Finanzamt, weniger im Spendentopf?“ bleibt deshalb eine zugespitzte Frage. Weder steigende Steuereinnahmen noch sinkende Spendensummen wurden hier nachgewiesen. Sichtbar wird aber eine bemerkenswerte Gleichzeitigkeit: Die Arbeitswelt wird formeller, ohne dass inoffizielle Bezahlung ihre Attraktivität verliert. Und die Beteiligung an konkreter Hilfe nimmt ab, ohne dass daraus unmittelbar politische Ablehnung abzulesen wäre.

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