In Russland sind die ausstehenden Lohnzahlungen von Unternehmen im April deutlich gestiegen. Nach Angaben des Statistikamts Rosstat, über die The Bell berichtet, belief sich die überfällige Lohnschuld russischer Organisationen Ende April 2026 auf 2,88 Milliarden Rubel. Das ist der höchste Wert seit Dezember 2019, als die Rückstände bei 2,9 Milliarden Rubel lagen.
Gegenüber März stieg die Summe um 750,3 Millionen Rubel oder 35 Prozent. Im Vergleich zum April 2025 haben sich die Lohnrückstände nahezu verdoppelt: Der Zuwachs betrug 1,4 Milliarden Rubel oder 94,3 Prozent. Betroffen waren laut Rosstat rund 19.000 Beschäftigte. Das entspricht zwar weniger als einem Prozent aller Arbeitnehmer, zeigt aber eine deutliche Verschärfung bei Unternehmen, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr rechtzeitig nachkommen.
Als wichtigste Ursache nennt Rosstat fehlende Eigenmittel der Unternehmen. Auf diesen Grund entfielen 2,09 Milliarden Rubel der Rückstände. Weitere 787,6 Millionen Rubel wurden mit verspätet eingegangenen Haushaltsmitteln erklärt. Besonders auffällig ist dabei der sprunghafte Anstieg dieser zweiten Kategorie: Gegenüber März soll sie sich nach Rosstat-Angaben um das 62-Fache erhöht haben.
Mehr als die Hälfte der offenen Lohnzahlungen – 1,6 Milliarden Rubel oder 55,1 Prozent – entstand erst im laufenden Jahr 2026. Weitere 985 Millionen Rubel stammen aus dem Jahr 2025, ältere Schulden aus 2024 und früher machen 309,5 Millionen Rubel aus.
Nach Wirtschaftsbereichen konzentrieren sich die Rückstände vor allem auf die Versorgung mit Strom, Gas, Dampf und Klimatisierung. Auf diesen Sektor entfielen 42,3 Prozent der gesamten Lohnschulden. Es folgen das Baugewerbe mit 22,5 Prozent und das verarbeitende Gewerbe mit 20,4 Prozent.
Die Zahlen passen nicht zum offiziellen Bild einer robusten russischen Wirtschaft, die trotz Sanktionen, hoher Staatsausgaben und Kriegsbelastungen stabil bleiben soll. Gerade deshalb ist bemerkenswert, wie vorsichtig die staatliche Informationslandschaft offenbar mit der Statistik umgeht. Meduza berichtete unter Berufung auf eigene Informationen, staatlichen russischen Medien sei empfohlen worden, die Daten zu den um ein Drittel gestiegenen Lohnrückständen „maximal zu ignorieren“. Zum Zeitpunkt der Meduza-Veröffentlichung hätten führende russische Nachrichtenagenturen die Rosstat-Zahlen zu den Lohnschulden nicht aufgegriffen, obwohl sie andere Daten aus demselben Bericht veröffentlicht hätten.
Damit wird aus einer zunächst technischen Statistik eine politisch empfindliche Nachricht. Denn Lohnrückstände gelten in Russland traditionell als soziales Warnsignal: Sie verweisen nicht nur auf Liquiditätsprobleme einzelner Betriebe, sondern können auch anzeigen, dass die finanzielle Belastung in Teilen der Realwirtschaft zunimmt. Noch ist die Zahl der offiziell betroffenen Beschäftigten begrenzt. Der schnelle Anstieg binnen eines Monats und die starke Zunahme gegenüber dem Vorjahr zeigen jedoch, dass sich die Lage in einzelnen Branchen spürbar verschlechtert hat.

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