Eugen Kaspersky, Gründer und Chef der „Kaspersky Labs“, sieht den Markt für Künstliche Intelligenz überhitzt, hält die Technologie selbst aber für unumkehrbar. Zugleich kritisierte er Einschränkungen im Internet als Belastung für international arbeitende Unternehmen.
Der russische IT-Unternehmer Eugen Kaspersky hat sich in einem Interview mit dem Magazin „Expert“ skeptisch über den aktuellen Investitionsboom rund um Künstliche Intelligenz geäußert. Der Markt sei aus seiner Sicht „überhitzt“, sagte der Gründer und Generaldirektor von Kaspersky Labs. Das bedeute jedoch nicht zwangsläufig, dass die Entwicklung wie beim Platzen der Dotcom-Blase ende. Denkbar sei auch ein wellenförmiger Verlauf wie bei Bitcoin. In jedem Fall, so Kaspersky, werde die Technologie nicht verschwinden.
Kaspersky selbst nutzt nach eigenen Angaben keine neuronalen Netze im Alltag. Wenn er ein Bild brauche, wisse er, „an wen er sich wenden“ könne, sagte er im Interview. Für Kinder hält er den Einsatz von KI bei Schulaufgaben für problematisch. Bildung diene nicht nur der Wissensvermittlung, sondern vor allem dem Training der Fähigkeit zu lernen. Gerade bei Mathematikaufgaben solle man Kinder nicht an neuronale Netze gewöhnen, sondern an Mathematik selbst.
Gleichzeitig sieht Kaspersky KI langfristig als allgegenwärtige Technologie. Selbst schwere Zwischenfälle würden seiner Einschätzung nach nicht dazu führen, dass die Menschheit auf KI verzichtet. Er verglich die künftige Rolle der Technologie mit Elektrizität: KI werde überall sein, auch wenn er den russischen Begriff für „Künstliche Intelligenz“ für irreführend hält, weil heutige Systeme aus seiner Sicht nicht wirklich dem menschlichen Intellekt entsprechen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Interviews waren Internetbeschränkungen und digitale Souveränität. Kaspersky räumte ein, dass Einschränkungen im russischen Internet das Geschäft seines Unternehmens „ein wenig“ beeinflusst hätten. Das größte Problem sei die eingeschränkte Nutzung gewohnter Messenger gewesen. Kaspersky Labs sei ein globales Unternehmen mit 37 Büros weltweit, verfüge jedoch über einen eigenen Messenger.
Der Unternehmer erklärte außerdem, warum er den russischen Nationalmessenger Max nicht auf seinem Telefon nutzt. Sein Unternehmenshandy laufe auf KasperskyOS, und Max funktioniere darauf bislang nicht. Für ihn sei das Telefon vor allem ein Gerät zum Telefonieren. Kaspersky betonte, er nutze ein besonders abgesichertes Gerät, dessen Architektur von russischen Ingenieuren entwickelt worden sei, auch wenn darin chinesische Komponenten verbaut seien.
Ausführlich verteidigte Kaspersky auch die Bedeutung von VPN-Technologien. In der öffentlichen Debatte werde VPN häufig einseitig als Instrument zur Umgehung von Sperren betrachtet. Tatsächlich sei die Hauptfunktion aber die sichere Verbindung räumlich getrennter Unternehmensstandorte und Mitarbeiter. Er selbst nutze VPN seit rund 35 Jahren täglich. Ohne VPN könne ein größeres Unternehmen zwar theoretisch weiterarbeiten, praktisch würden Abläufe aber stark verlangsamt.
Beim Thema digitale Souveränität zeigte sich Kaspersky grundsätzlich zustimmend, aber nicht euphorisch. IT sei inzwischen kritische Infrastruktur, vergleichbar mit Stromversorgung. Staaten wollten daher Daten und zentrale Technologien zunehmend innerhalb eigener nationaler Systeme halten. Zugleich warnte er vor den ökonomischen Folgen technischer Abschottung: Wenn Länder parallel dieselben Systeme entwickelten, müssten erfolgreiche Anbieter Exportmärkte finden, sonst verwandelten sich Investitionen in Verluste.
Für Russland sieht Kaspersky dabei ein strukturelles Dilemma. Das Land verfüge über technische Kompetenzen und Fachkräfte, der Binnenmarkt sei aber zu klein, um große IT-Projekte ohne Export dauerhaft wirtschaftlich zu tragen. Russland könne zwar Produkte entwickeln, müsse sie aber auch international verkaufen können.

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