Importsubstitution auf Chinesisch: Russland übernimmt ganze Fabriksysteme

Importsubstitution auf Chinesisch: Russland übernimmt ganze Fabriksysteme

Russland wollte seine technologische Abhängigkeit vom Westen überwinden. Gelungen ist bislang vor allem ein Wechsel des Lieferanten: Chinesische Unternehmen verkaufen nicht mehr nur Autos, Maschinen oder Industrieroboter nach Russland. Sie liefern zunehmend komplette Produktionssysteme – einschließlich Software, technischer Standards, Zulieferketten und langfristiger Wartung.

Besonders sichtbar wird diese neue Form der Abhängigkeit in der russischen Automobilindustrie. Nach dem Rückzug westlicher Hersteller standen dort moderne Fabriken bereit, doch es fehlten Modelle, Komponenten und Partner, die den Betrieb der komplexen Anlagen gewährleisten konnten. Chinesische Unternehmen bringen diese Werke nun wieder zum Laufen. Dabei übernehmen sie jedoch nicht nur die Rolle der früheren Maschinenlieferanten, sondern bestimmen zunehmend die gesamte industrielle Architektur.

Vor 2022 war die russische Industrie ebenfalls stark importabhängig. Der Markt war jedoch auf mehrere Anbieter verteilt. Industrieroboter kamen etwa vom deutschen Hersteller Kuka, von den japanischen Unternehmen Fanuc und Yaskawa oder vom schweizerisch-schwedischen Konzern ABB. Steuerungssysteme, Sensoren und Software konnten wiederum von anderen Herstellern stammen, während russische Ingenieurunternehmen die einzelnen Komponenten zu einer Produktionslinie verbanden.

Die Abhängigkeit war damit zwar erheblich, aber zumindest geografisch und technisch verteilt. Seit den westlichen Sanktionen sind Direktlieferungen, Garantien, Softwarezugänge und reguläre Wartungsverträge vielfach weggefallen. Bestehende Anlagen werden weiter repariert, Ersatzteile gelangen teilweise über Parallelimporte ins Land. Neue Großprojekte lassen sich auf dieser Grundlage jedoch kaum planen.

In diese Lücke ist China gestoßen. Nach einer im April veröffentlichten Untersuchung des russischen Technologiekonzerns T1 und der Universität Innopolis stammen inzwischen mehr als 65 Prozent der in Russland angebotenen Industrieroboter aus China. Nur rund fünf Prozent der eingesetzten Maschinen seien vollständig in Russland hergestellt. Selbst viele offiziell russische Roboter enthielten chinesische Getriebe, Servoantriebe, Steuerungen und elektronische Bauteile.

Die Importabhängigkeit ist also nicht verschwunden. Sie hat ihre Richtung geändert.

Mehr als ein Roboterarm

Der Herstellername auf einem Roboter sagt allerdings nur wenig darüber aus, wer die Produktion tatsächlich kontrolliert. Ein Industrieroboter benötigt Greifwerkzeuge, Sensoren, Bildverarbeitung, Steuerungssoftware und die genaue Programmierung seiner Arbeitsschritte. Die einzelnen Maschinen müssen außerdem mit dem gesamten Produktionsablauf verbunden werden.

Nach einer von Expert zitierten Untersuchung können solche Integrationsleistungen rund zwei Drittel des Endpreises einer Roboteranlage ausmachen. Entscheidend ist deshalb nicht allein, wer den mechanischen Arm liefert. Wichtiger ist, wer die Produktionslinie plant, programmiert, wartet und weiterentwickeln kann.

Russland verfügt weiterhin über eigene Ingenieure und zahlreiche kleinere Integrationsunternehmen. Ihnen fehlen nach Einschätzung russischer Fachleute jedoch häufig Kapital, große Serien und eine heimische Komponentenbasis. Dadurch können sie zwar einzelne Anlagen anpassen oder reparieren, aber nur schwer komplette industrielle Systeme anbieten.

Chinesische Unternehmen verfolgen inzwischen ein anderes Modell. Sie verkaufen nicht mehr lediglich Maschinen, sondern organisieren ganze Produktionspakete. Dazu gehören das Produkt, die technische Ausstattung, Software, Zulieferer und die Umrüstung des Werkes. Russland stellt die vorhandenen Fabrikhallen, Arbeitskräfte und den Absatzmarkt bereit.

Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit der russischen AGR Holding mit dem chinesischen Unternehmen Defetoo. Defetoo wird von der Verwaltung der Wirtschafts- und Technologiezone der chinesischen Stadt Wuhu kontrolliert und koordiniert nach Darstellung von Expert zahlreiche spezialisierte Hersteller und Entwicklungsfirmen.

Im früheren Volkswagen-Werk in Kaluga wurde mit ihrer Hilfe die Produktion von Fahrzeugen der Marke Tenet eingerichtet. Dafür wurde unter anderem die Schweißerei auf neue Karosserien umgestellt und neu programmiert. Der Automatisierungsgrad soll dort bei bis zu 90 Prozent liegen.

Defetoo war anschließend auch an der Wiederbelebung des ehemaligen General-Motors-Werkes in Schuschary bei St. Petersburg beteiligt. Die seit Jahren stillgelegte Fabrik wurde innerhalb von weniger als acht Monaten umgerüstet. Im Sommer 2026 begann dort die Produktion des Tenet A8; als mögliche Jahreskapazität werden bis zu 100.000 Fahrzeuge genannt.

Die „chinesische Betriebssoftware“ der Fabrik

Für Russland ist dieses Modell zunächst attraktiv. Stillgelegte Werke können vergleichsweise schnell wieder produzieren, ohne dass eine eigene Modellplattform, eine vollständige Zulieferkette und neue Automatisierungstechnik von Grund auf entwickelt werden müssen.

Der Preis dieser Geschwindigkeit zeigt sich erst langfristig. Werden Steuerungen, digitale Produktionsmodelle, Schnittstellen, Werkzeuge und Software auf chinesische Standards zugeschnitten, wird ein späterer Wechsel des Lieferanten immer schwieriger und teurer. Die Abhängigkeit entsteht nicht beim Kauf einer einzelnen Maschine, sondern während des gesamten Lebenszyklus der Fabrik.

China verkauft damit gewissermaßen das Betriebssystem der Produktion. Wer es kontrolliert, entscheidet über Ersatzteile, Erweiterungen, Modellwechsel und technische Modernisierung. Russische Unternehmen können zwar einzelne Komponenten lokalisieren, bleiben aber vom übergeordneten System abhängig.

Das Kräfteverhältnis ist eindeutig. China betrieb 2024 nach Angaben der International Federation of Robotics mehr als zwei Millionen Industrieroboter. Russland kam laut T1 und Innopolis auf etwa 20.800 Maschinen. Selbst diese Zahl ist nicht unumstritten: Der russische Robotikverband hatte für Ende 2024 lediglich rund 14.400 Roboter ausgewiesen. Die erheblichen Unterschiede erklären sich aus unvollständigen Meldungen und verschiedenen Definitionen.

Unabhängig von der genauen Zahl bleibt der Abstand gewaltig. China kann neue Technik auf dem größten Robotermarkt der Welt entwickeln, erproben und in großen Stückzahlen produzieren. Russland kann diesen Skalenvorteil weder durch staatliche Zuschüsse noch durch einzelne neue Hersteller rasch aufholen.

Dabei verfolgt Moskau ehrgeizige Ziele. Bis 2030 soll die Roboterdichte auf 145 Maschinen je 10.000 Beschäftigte steigen. Für 2025 nennt die T1-Studie lediglich 40. Der Staat plant bis zum Ende des Jahrzehnts Fördermaßnahmen im Umfang von rund 350 Milliarden Rubel. Unternehmen können beim Kauf russischer Roboter oder bei deren Integration erhebliche Zuschüsse erhalten.

Doch auch ein formal in Russland montierter Roboter bedeutet noch keine technologische Unabhängigkeit, wenn seine entscheidenden Bauteile, Steuerungen und Programme aus China kommen. Noch deutlicher wird das Problem, wenn nicht nur die Maschine, sondern die gesamte Fabrik nach chinesischen Vorgaben arbeitet.

China hat damit eine neue Stufe seiner wirtschaftlichen Expansion erreicht. Zunächst exportierte das Land Waren. Danach lieferte es die Maschinen, mit denen diese Waren hergestellt werden. Nun kommen zusätzlich Standards, Software, Service und Organisation der Produktion.

Auf den wiedereröffneten russischen Autofabriken ist diese dritte Stufe bereits sichtbar. Russland gewinnt kurzfristig funktionierende Fließbänder. China gewinnt langfristig einen Absatzmarkt für sein gesamtes industrielles System.

Die russische Importsubstitution hat die Abhängigkeit vom Ausland deshalb nicht beendet. Aus einer verteilten westlichen Abhängigkeit wird zunehmend eine konzentrierte chinesische – und sie reicht inzwischen bis tief in das Innenleben der Fabriken hinein.

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