Die Europäische Union hat ihre Einfuhren aus dem russischen Flüssiggasprojekt „Yamal LNG“ im ersten Halbjahr 2026 auf einen neuen Höchststand gesteigert. Kurz vor dem vollständigen EU-Importverbot wurden nahezu sämtliche Lieferungen der Anlage in europäischen Häfen gelöscht.
Die europäischen Staaten haben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres so viel Flüssigerdgas aus der russischen Anlage „Yamal LNG“ bezogen wie nie zuvor. Nach Berechnungen des Analyseunternehmens Kpler kamen zwischen Januar und Juni 136 Ladungen mit insgesamt knapp zehn Millionen Tonnen LNG in der Europäischen Union an.
Je nach Auswertung wird die Liefermenge mit 9,89 oder 9,97 Millionen Tonnen angegeben. Damit lagen die Einfuhren um 16 bis 18 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Die geringfügig unterschiedlichen Zahlen gehen auf die von Reuters beziehungsweise der „Financial Times“ verwendeten Datensätze zurück.
Größter Abnehmer war Frankreich mit rund 3,6 Millionen Tonnen. Es folgten Belgien mit 2,9 Millionen und Spanien mit 2,7 Millionen Tonnen. Nach Berechnungen der deutschen Umweltorganisation Urgewald könnten europäische Unternehmen für die Lieferungen insgesamt knapp sechs Milliarden Euro bezahlt haben.
Besonders auffällig ist, dass mehr als 97 Prozent aller Ausfuhren von „Yamal LNG“ im ersten Halbjahr in europäischen Häfen ankamen. Damit blieb beinahe die gesamte Produktion des Projekts auf dem europäischen Markt.
Eine Ursache dafür liegt offenbar in den inzwischen geltenden Beschränkungen für die Umladung russischen Flüssiggases. Früher wurden beträchtliche Mengen in europäischen Häfen von eisgängigen Spezialtankern auf gewöhnliche LNG-Schiffe umgeladen und anschließend in asiatische oder andere außereuropäische Märkte weitertransportiert. Seit die EU diese Umladungen untersagt hat, verbleibt ein größerer Teil der Lieferungen in Europa.
Hinzu kommt, dass europäische Energieunternehmen offenbar noch möglichst große Mengen aus bestehenden Verträgen abrufen, bevor das geplante vollständige Importverbot greift. Seit April sind bereits Lieferungen auf der Grundlage kurzfristiger Verträge untersagt. Langfristige Verträge dürfen jedoch noch bis zum 1. Januar 2027 erfüllt werden. Für russisches Pipelinegas soll das Verbot ab September 2027 gelten.
„Yamal LNG“ gehört zu den wichtigsten russischen Flüssiggasprojekten. Betreiber und größter Anteilseigner ist der private russische Gaskonzern Novatek. Weitere Beteiligungen halten der französische Energiekonzern TotalEnergies sowie chinesische Unternehmen.
Die Anlage auf der Jamal-Halbinsel ist bislang nicht direkt von umfassenden westlichen Sanktionen gegen russisches Flüssiggas betroffen. Das unterscheidet sie unter anderem vom neueren Projekt „Arctic LNG 2“, dessen Vermarktung durch amerikanische Sanktionen erheblich erschwert wurde.
Die Rekordlieferungen zeigen den weiterhin bestehenden Widerspruch in der europäischen Energiepolitik. Während die EU ihre Abhängigkeit von russischem Pipelinegas seit 2022 stark reduziert hat, blieb russisches Flüssiggas zunächst weitgehend von den Sanktionen ausgenommen. Russland konnte deshalb einen Teil der weggebrochenen Pipelineverkäufe durch steigende LNG-Lieferungen ersetzen.
Mit dem angekündigten Importverbot soll diese Lücke nun geschlossen werden. Kurz vor dessen Inkrafttreten erreicht der Handel jedoch noch einmal einen historischen Höchststand.

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