„Der neue Weg heißt Lokalisierung“Präsident von Tatarstan Rustam Minnichanow und  Vorstandsmitglied der Linde AG Aldo Belloni

„Der neue Weg heißt Lokalisierung“

Gespräch mit dem Wirtschaftsvertreter der Republik Tatarstan  in Deutschland Takhir Gataulin

Herr Gataulin, die WM in Russland läuft. Freuen sich die Bewohner von der Republik Tatarstan darauf?

Takhir Gataulin: Die Republik Tatarstan ist eine der sportlichsten Regionen Russlands so zu sagen. Denn wir sind für unsere Stadien und internationale Sportveranstaltungen bekannt. So wurde in unserer Hauptstadt Kasan 2013 die Sommer-Unviersiade ausgetragen, 2015 fand bei uns die Schwimm-WM statt, seit zwei Jahren ist Kasan der Veranstaltungsort der Red Bill Air Race Weltmeisterschaft. Und natürlich sind wir ein Teil der Fußball-WM: In der Kasan-Arena finden sechs Spiele statt. Also wird Sport in Tatarstan großgeschrieben. In Kasan ist vor der WM sehr viel gemacht worden. Wir haben eine tolle Fan-Zone, es ist ein tolles Begleitungsprogramm mit russischen Popstars vorbereitet, schöne Ausstellungen finden statt, Hotels gibt es auch genug.  Und vor allem müssen Sie wissen, unsere Menschen sind sehr gastfreundlich. Ich bin mir sicher, dass alle unsere Gäste davon überzeugt werden.

Was ist an der Republik Tatarstan Besonders?

Takhir Gataulin: Seit Jahrhunderten leben bei uns Moslems und Christen friedlich miteinander. Im Kasaner Kreml stehen eine Moschee und eine russische-orthodoxe Kirche vìs-a-vìs.

Seit 2014 gibt es die wirtschaftliche Vertretung der Industrie- und Handelsministeriums der Republik Tatarstan in Deutschland. Was ist ihre wichtigste Aufgabe hier?

Takhir Gataulin: Unser Ziel ist, das Exportpotenzial der Republik Tatarstan auf dem europäischen Markt voranzutreiben. Es gibt Produkte, die schon lange nach Deutschland geliefert werden (vor allem Öl, Kautschuk, Polyäthylen). Aber wir wollen auch Klein- und Mittelständischen Unternehmen helfen, neue Märkte zu erschließen. Wenn z.B. ein Unternehmen nicht soweit ist, was die Qualität angeht, so unterstützen wir es mit Wirtschaftsprüfung, mit der Weiterbildung des Personals usw. Außerdem helfen wir bei der Zertifizierung und überhaupt bei allen juristischen Angelegenheiten.

Können Sie Erfolgsstorys nennen?

Takhir Gataulin: Das tatarische Nationalgebäck Tschak Tschak  z.B. hat es schon bis in die russische Supermarktkette in Deutschland geschafft, und demnächst wird man es auch in deutschen Geschäften kaufen können. Oder das Unternehmen Tatspirtprom beliefert den deutschen Markt mit seinem Wodka „Tundra“.

Haben auch deutsche Unternehmen Interesse an Tatarstan?

Takhir Gataulin: Selbstverständlich! Die Republik Tatarstan ist eine der wirtschaftlich stärksten und basierend auf ihren Öl‐Und Gasvorkommen reichsten Regionen Russlands.  Unsere Führung ist natürlich sehr an deutschen Investoren interessiert. In unserer Republik sind Konzerne wie Daimler, Siemens oder ZF Friedrichshafen aktiv. Auch die Linde AG will bei uns lokalisieren. Seit 2016 war der Präsident von Tatarstan Rustam Minnichanow, 15 Mal in Deutschland, um in unsere wirtschaftlichen Kontakte zu intensivieren.  Denn auch Klein- und Mittelständler wollen den Schritt nach Tatarstan wagen.  Wir haben ja auch viel zu bieten, z.B. mit unserer freien Wirtschaftszone Alabuga, die mit ihren niedrigen Steuern und anderen Vorteilen sehr attraktiv für Investoren ist.

Was hat sich seit der Einführung der Sanktionen verändert?

Takhir Gataulin: Ich bin immer positiv eingestellt und bin mir sicher, dass in jeder Krise was Positives steckt. Schwierigkeiten bei der Finanzierung der bestehenden Projekte oder sogar die Unmöglichkeit, nach Tatarstan zu exportieren haben auch Impulse für die Entwicklung der einheimischen Produktion gegeben. 2015/ 2016 konnte man eine gewisse Stagnation beobachten, die Unternehmen haben sich umorientieren müssen und geschaut, wie sie unter neuen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen bestehen. Das deutsche Business  ist seit mehr als 25 Jahren auf dem russischen Markt und will den Markt und bestehende wirtschaftliche Beziehungen nicht verlieren. Deswegen haben deutsche Unternehmen einen neuen Weg gefunden, und er heißt – Lokalisierung. Und so hatte die Krise ihre positive Seite: deutsche Unternehmen suchen jetzt aktiv nach Möglichkeiten, ihre Produktion in Russland zu starten.

[Daria Boll-Palievskaya/russland.CAPITAL]

Kommentare