Armeniens Handel mit Russland bricht ein – Einigung über Importbeschränkungen angekündigt

Armeniens Handel mit Russland bricht ein – Einigung über Importbeschränkungen angekündigt

Der Handelskonflikt zwischen Russland und Armenien hinterlässt inzwischen deutliche Spuren. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres sank der bilaterale Warenverkehr gegenüber dem gleichen Zeitraum 2025 um 21,5 Prozent auf knapp 2,2 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig versuchen beide Regierungen, den Streit über russische Importbeschränkungen für armenische Waren zumindest vorläufig zu entschärfen.

Armeniens Ministerpräsident Nikol Paschinjan erklärte nach einem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Michail Mischustin im russischen Jekaterinburg, beide Seiten hätten eine Reihe von Vereinbarungen erzielt. Das Gespräch sei offen, aufrichtig und freundschaftlich verlaufen. Einzelheiten wollte Paschinjan zunächst nicht nennen. Die Ergebnisse sollten sichtbar werden, sobald die Absprachen praktisch umgesetzt seien.

Im Mittelpunkt stehen Beschränkungen, die Russland seit Ende Mai schrittweise gegen armenische Produkte verhängt hat. Betroffen waren unter anderem Blumen, Gemüse und Obst, Trockenfrüchte, Alkohol, Mineralwasser sowie Fisch und Fischprodukte. Die russischen Aufsichtsbehörden begründeten die Maßnahmen mit Verstößen gegen phytosanitäre und lebensmittelrechtliche Vorschriften. In Armenien wurden sie dagegen als politisch motivierte Reaktion auf die zunehmende Annäherung des Landes an die Europäische Union betrachtet.

Die nun veröffentlichten Handelszahlen zeigen allerdings, dass die wirtschaftlichen Beziehungen schon vor einer möglichen Aufhebung einzelner Beschränkungen erheblich an Dynamik verloren haben. Von Januar bis Mai 2026 betrug der russisch-armenische Warenverkehr 2,196 Milliarden Dollar. Der Anteil Russlands am gesamten armenischen Außenhandel sank innerhalb eines Jahres von 35,1 auf 28 Prozent.

Auch die Bedeutung der von Russland geführten Eurasischen Wirtschaftsunion, EAWU, ging für Armenien zurück. Der Anteil der EAWU-Staaten am armenischen Außenhandel verringerte sich von 36,7 auf 29,8 Prozent. Dabei entwickelte sich der Handel mit den übrigen Mitgliedsländern allerdings gegenläufig: Der Warenverkehr mit Belarus stieg um 8,3 Prozent, mit Kasachstan um zehn Prozent und mit Kirgisistan sogar um fast 195 Prozent.

Der Einbruch im Russlandgeschäft ist besonders auffällig, weil der bilaterale Handel in den vergangenen Jahren stark gewachsen war. Armenien war nach Beginn des Ukrainekriegs zu einem wichtigen Umschlagplatz für Waren geworden, die Russland wegen westlicher Sanktionen nicht mehr direkt oder nur noch eingeschränkt beziehen konnte. Ein Teil des früheren Handelsbooms dürfte daher weniger auf eine nachhaltige Ausweitung des armenischen Binnenmarktes als auf Reexporte zurückzuführen gewesen sein.

Der aktuelle Rückgang ist somit nicht allein als Ergebnis der jüngsten russischen Einfuhrbeschränkungen zu verstehen. Er deutet zugleich darauf hin, dass sich Handelsströme verändern und die Phase des außergewöhnlichen Wachstums im Geschäft mit Russland ihrem Ende entgegengehen könnte. Die im Mai und Juni verhängten Beschränkungen haben diese Entwicklung allerdings zusätzlich verschärft.

Hinter dem Handelsstreit steht eine grundsätzlichere politische Auseinandersetzung. Die armenische Regierung sucht seit längerem eine engere Anbindung an die EU und distanziert sich zugleich von mehreren russisch dominierten Strukturen. Armenien hat seine Beteiligung an der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit eingefroren und Moskaus Rolle als entscheidende Schutz- und Vermittlungsmacht im Konflikt mit Aserbaidschan zunehmend infrage gestellt.

Russland wiederum macht deutlich, dass eine weitere politische und wirtschaftliche Annäherung Armeniens an die EU Folgen für die bisherigen Sonderbedingungen haben könnte. Der russische Vizepremier Alexej Owerrtschuk hatte bereits erklärt, eine gleichzeitige Mitgliedschaft in der EU und der Eurasischen Wirtschaftsunion sei wegen der unterschiedlichen Zoll- und Binnenmarktregeln nicht möglich.

Damit stehen beide Länder vor einem Widerspruch: Politisch entfernt sich Armenien von Russland, wirtschaftlich bleibt es jedoch stark vom russischen Markt, von russischen Investitionen und von vergleichsweise günstigen Energieimporten abhängig. Moskau besitzt deshalb weiterhin erhebliche Möglichkeiten, wirtschaftlichen Druck auszuüben. Zugleich kann Russland kein Interesse daran haben, Armenien vollständig aus seinem wirtschaftlichen Einflussbereich zu verlieren.

Das Treffen zwischen Paschinjan und Mischustin deutet darauf hin, dass beide Seiten eine weitere Eskalation zunächst vermeiden wollen. Eine mögliche Lockerung der Importbeschränkungen könnte kurzfristig für Entspannung sorgen. Der Rückgang des Handels um mehr als ein Fünftel zeigt jedoch, dass sich das Verhältnis zwischen Armenien und Russland bereits strukturell verändert hat. Die politische Neuorientierung Eriwans ist längst auch in der Wirtschaftsstatistik angekommen.

 

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