Russland setzt die Exportzölle auf wichtige Getreidearten bis Jahresende aus. Doch die Entlastung trifft auf eine Transportkrise: Die Ausfuhren sind eingebrochen, große Terminals am Schwarzen Meer stehen still. Ersatzrouten über die Ostsee gewinnen an Bedeutung, können die ausgefallenen Mengen bislang aber nicht auffangen.
Die russische Regierung versucht, den Getreideexport durch einen Verzicht auf Ausfuhrabgaben zu stützen. Bis zum 31. Dezember 2026 werden für Weizen, Gerste und Mais keine Exportzölle erhoben. Der am 19. September unterzeichnete Beschluss gilt rückwirkend ab dem 1. September. Das Landwirtschaftsministerium begründet die Maßnahme ausdrücklich mit dem notwendigen Umbau der Exportlogistik: Produzenten und Händler sollen geringere Kosten und verlässlichere Absatzbedingungen erhalten.
Auch bei Sonnenblumenöl und Sonnenblumenschrot greift die Regierung ein. Deren Exportabgaben werden allerdings nicht gestrichen, sondern bis Jahresende auf das Augustniveau begrenzt. Die Entlastungen sollen einer Branche helfen, deren Schwierigkeiten inzwischen weit über die Höhe staatlicher Abgaben hinausgehen.
Wie stark der Absatz stockt, zeigen Angaben des Russischen Getreideverbandes, über die Kommersant berichtet. Vom 11. bis 20. September wurden rund 381.000 Tonnen der wichtigsten Getreidearten für den Export verladen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 1,6 Millionen Tonnen gewesen. Das entspricht einem Rückgang um etwa 76 Prozent.
Allein bei Weizen sank die Menge von rund 1,3 Millionen auf 347.000 Tonnen. Die Gerstenausfuhren schrumpften auf 21.900 Tonnen und damit auf etwa ein Zehntel des Vorjahreswertes; bei Mais gingen sie auf 11.800 Tonnen zurück, ungefähr ein Drittel der damaligen Menge.
Für den gesamten September erwartet der Getreideverband höchstens eine Million Tonnen Weizenexporte. Im September des Vorjahres waren 5,7 Millionen Tonnen verschifft worden. Sollte sich die Prognose bestätigen, läge der Rückgang bei mindestens 82 Prozent. Dabei handelt es sich noch nicht um eine Monatsbilanz, sondern um eine Erwartung während des laufenden Septembers.
Der entscheidende Engpass liegt im Süden. Nach den von Kommersant wiedergegebenen Angaben haben ukrainische Angriffe auf Getreideterminals und Schiffe die Exportlogistik schwer beeinträchtigt. Die drei großen Tiefwasserterminals NKHP, NZT und KSK in Noworossijsk stellten demnach am 12. August ihren Betrieb ein. Ihre gemeinsame jährliche Umschlagkapazität beträgt 26,1 Millionen Tonnen. Auch die Schifffahrt im Asowschen Meer ist erschwert.
Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am 22. September, russisches Getreide erreiche bereits über alternative Routen die Auslandsmärkte. Die Umleitung erfolge auf Anweisung Wladimir Putins. Welche Mengen auf diesen Wegen transportiert werden, ließ er offen. Seine Erklärung fiel im Zusammenhang mit einem türkischen Vorschlag, Angriffe auf Schiffe im Schwarzen Meer zu beenden und dadurch Getreidelieferungen zu erleichtern.
Tatsächlich gewinnen die russischen Ostseehäfen an Bedeutung. Nach den von Ekonomitschna Prawda zusammengetragenen Angaben wurden in der ersten Septemberdekade in Ust-Luga 77.000 Tonnen und in Wysotsk 95.000 Tonnen Getreide verladen. Für September werden über die russischen Ostseehäfen etwa 500.000 Tonnen Weizen erwartet – ein möglicher Monatsrekord für diese Route.
Die Zahlen beschreiben allerdings unterschiedliche Zeiträume und Warenmengen: Die Hafenangaben betreffen Getreide in den ersten zehn Septembertagen, die landesweiten 381.000 Tonnen die zweite Dekade. Die Prognose von 500.000 Tonnen bezieht sich wiederum auf Weizen und den gesamten Monat. Gemeinsam zeigen sie eine Verlagerung der Transporte, aber noch keinen Ausgleich der Ausfälle im Süden.
Von den russischen Ostseehäfen zu unterscheiden sind mögliche zusätzliche Exportwege über Lettland, Litauen und Estland. Für diese gelten eigene politische und administrative Bedingungen. Russische Häfen wie Ust-Luga und Wysotsk sind dagegen Teil der eigenen Infrastruktur. Ihr Ausbau und ihre stärkere Nutzung lösen jedoch nicht automatisch die Frage, wie zusätzliche Getreidemengen rechtzeitig per Bahn an die Küste gelangen.
Damit setzt die Regierung an der finanziellen Seite eines Problems an, dessen Kern inzwischen in der Transportleistung liegt. Ein Zollverzicht kann ein Exportgeschäft günstiger machen. Er ersetzt weder ein stillstehendes Terminal noch zusätzliche Bahn- und Verladekapazitäten.
Peskows Hinweis auf alternative Routen und die drastisch gesunkenen Ausfuhren widersprechen sich deshalb nicht. Ersatzwege werden genutzt; sie reichen bislang nur nicht aus. Ob die staatliche Entlastung Wirkung entfaltet, wird sich an den tatsächlich verschifften Mengen zeigen. Zollfrei heißt für Russlands Getreide noch lange nicht freie Fahrt.

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