Nach drei Wachstumsjahren ist die russische Weinproduktion deutlich eingebrochen. Gleichzeitig gibt es so viele Weinunternehmen wie seit fünf Jahren nicht mehr. Während heimische Hersteller über hohe Kosten und schwache Nachfrage klagen, gewinnen italienische und andere ausländische Schaumweine Marktanteile.
Der jahrelang politisch geförderte Aufschwung des russischen Weinbaus ist vorerst beendet. Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Russland 15,44 Millionen Dekaliter stiller Wein erzeugt. Das waren 12,6 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Produktion von Schaumwein sank um 14 Prozent auf 6,16 Millionen Dekaliter.
Besonders stark traf es Likörweine: Hier brach die Produktion um 31,6 Prozent auf 441.100 Dekaliter ein. Der Rückgang erstreckt sich auf nahezu alle wichtigen Weinregionen des Landes.
Damit hat sich der Markt nach drei Jahren kräftigen Wachstums gedreht. Noch 2025 war die Produktion stiller Weine um 13,6 Prozent gestiegen, bei Schaumwein betrug das Plus 7,7 Prozent. Ein Teil dieses Booms beruhte jedoch offenbar auf zu optimistischen Erwartungen. Die Hersteller orientierten sich am konsumstarken Jahr 2024 und produzierten Mengen, für die sich später nicht genügend Käufer fanden.
Inzwischen haben sich bei den Kellereien Lagerbestände angesammelt. Da eine weitere Produktion auf Vorrat Kapital bindet und zusätzliche Kosten verursacht, füllen viele Unternehmen nur noch so viel Wein ab, wie sie kurzfristig verkaufen können. Mehrere große Hersteller unterbrachen ihre Produktion für zwei Monate oder länger.
Hinzu kamen regulatorisch bedingte Ausfälle. Die Aufsichtsbehörde Rosalkogoltabakkontrol setzte im April die Lizenz des Petersburger Herstellers „Igristyje Wina“ aus, der unter anderem den Schaumwein „Lew Golizyn“ produziert. Erst am 6. Juli konnte das Unternehmen seine Arbeit wieder aufnehmen.
So viele Weinunternehmen wie seit fünf Jahren nicht
Der Produktionsrückgang steht in auffälligem Gegensatz zur wachsenden Zahl der Anbieter. Nach Berechnungen von Rusprofile waren am 24. Juli 222 auf Weinproduktion spezialisierte Unternehmen registriert – der höchste Wert seit fünf Jahren. Im ersten Halbjahr kamen vier Betriebe hinzu, während drei ihre Tätigkeit einstellten.
Der Wirtschaftsdienst Kontur.Fokus verwendet eine breitere Abgrenzung und zählt auch Winzer, Traubenproduzenten und Einzelunternehmer. Danach gab es Anfang Juli 1.870 Marktteilnehmer, vier Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Fast die Hälfte befindet sich in der Region Krasnodar, Dagestan und auf der Krim.
Die unterschiedlichen Zahlen widersprechen sich nicht, sondern zeigen, wie kleinteilig der Markt inzwischen geworden ist. Der Staat hat die Gründung neuer Weingüter und den Ausbau der Rebflächen gefördert. Für 2025 und 2026 wurden jeweils vier Milliarden Rubel zur Unterstützung des Weinbaus bereitgestellt.
Zugleich verteuerte Russland 2023 Weine aus sogenannten unfreundlichen Staaten durch erhöhte Einfuhrzölle. Gegenwärtig betragen sie 25 Prozent, mindestens jedoch zwei Dollar je Liter. Die Maßnahmen verschafften den heimischen Produzenten zunächst zusätzlichen Raum im Regal – lösten aber nicht das zentrale Problem, genügend Käufer zu finden.
Wein wurde zu teuer
Die Verkäufe stiller Weine gingen im ersten Halbjahr um 2,7 Prozent auf 26,38 Millionen Dekaliter zurück. Schaumwein entwickelte sich mit einem Plus von 3,9 Prozent auf 9,99 Millionen Dekaliter zwar besser. Innerhalb dieses wachsenden Segments verloren russische Hersteller jedoch Marktanteile.
Nach Berechnungen von Marktteilnehmern sank die Nachfrage nach russischen stillen Weinen um 4,9 Prozent. Ihr Marktanteil verringerte sich von 60,2 auf 59,5 Prozent. Bei russischem Schaumwein ging der Anteil von 71,7 auf 70,9 Prozent zurück.
Als Hauptproblem gilt der Preis. Eine Flasche, die vor zwei Jahren 500 Rubel kostete, wird nach Angaben des Weinhandels heute häufig für rund 1.000 Rubel angeboten. Als komfortabel empfinden viele Käufer dagegen einen Preis zwischen 300 und 400 Rubel – doch in diesem Bereich sei kaum noch ein überzeugendes Angebot zu finden.
Laut Rosstat kostete ein Liter stiller Wein im Juni durchschnittlich 726,70 Rubel, 8,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig belasteten die Produzenten höhere Preise für Treibstoff, Pflanzenschutzmittel, Maschinen und andere Betriebsmittel, teure Kredite sowie Arbeitskräftemangel. Auf der Krim, wo 18,5 Prozent der russischen Wein- und Traubenproduzenten registriert sind, erschweren zusätzlich Kraftstoffmangel und Transportprobleme die Produktion.
Der höhere Zoll auf westliche Weine hat den heimischen Herstellern damit möglicherweise nur vorübergehend geholfen. Als die ausländische Konkurrenz im Preisbereich zwischen 500 und 700 Rubel weitgehend verschwand, erhöhten auch russische Anbieter ihre Preise. Die geschützte Weinwirtschaft nutzte den freigewordenen Spielraum – bis ihre Produkte für einen Teil der Kundschaft ebenfalls zu teuer wurden.
Italienischer Schaumwein legt weiter zu
Von der Schwäche der russischen Anbieter profitieren nicht nur Lieferanten aus politisch befreundeten Staaten. Italienischer Schaumwein verzeichnete unter den großen Herkunftsländern den stärksten absoluten Zuwachs. Die Verkäufe stiegen im ersten Halbjahr um 7,7 Prozent auf 2,34 Millionen Dekaliter; Italiens Marktanteil erhöhte sich auf 22,5 Prozent.
Bei kleineren Lieferanten waren die Wachstumsraten noch erheblich höher. Der Absatz serbischer Schaumweine stieg um 249 Prozent, der argentinischer Produkte um 148 Prozent und der moldauischer um 73,7 Prozent. Auch Südafrika, Chile, Portugal und Deutschland legten zu. Russische Schaumweine verzeichneten dagegen lediglich ein Verkaufsplus von 2,3 Prozent auf 7,38 Millionen Dekaliter.
Auch bei stillen Weinen wichen Verbraucher verstärkt auf andere Herkunftsländer aus. Die Verkäufe argentinischer Weine wuchsen um 30,8 Prozent, moldauische legten um 28,8 Prozent und chilenische um 20 Prozent zu.
Damit zeigt sich die Grenze staatlicher Importsubstitution: Zölle können ausländische Flaschen verteuern und vorgeschriebene Regalanteile können russische Marken sichtbarer machen. Sie können jedoch weder Kaufkraft noch Markenvertrauen herstellen.
Ab März 2027 soll der Handel mindestens 20 Prozent seiner angebotenen Weinpositionen mit heimischen Produkten besetzen. Bislang entfallen nur etwa 13 Prozent der gelisteten Artikel auf russische Weine. Für spezialisierte Weinhandlungen könnte es schwierig werden, die Quote mit ausreichend unterschiedlichen Marken zu erfüllen. Schon heute steigt die Zahl der angebotenen russischen Positionen schneller als ihr tatsächlicher Absatz.
Das Ergebnis ist eine Branche, die strukturell wächst, während ihr Markt schrumpft: mehr Winzer, mehr Marken und mehr staatlicher Schutz – aber weniger produzierter Wein und sinkende heimische Marktanteile. Noch schärfer formuliert: Russland hat erfolgreich eine Weinwirtschaft herangezogen. Nun stellt sich heraus, dass es dafür auch Weintrinker braucht.

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