Die russische Zentralbank hat ihre Goldbestände seit Jahresbeginn deutlich reduziert. Zum 1. Juli lag die physische Menge so niedrig wie seit mehr als sechs Jahren nicht mehr. Der Rückgang fällt in eine Zeit wachsender Haushaltsprobleme – ein direkter Zusammenhang ist anhand der veröffentlichten Daten allerdings nicht belegt.
Die Goldreserven der russischen Zentralbank sind auf den niedrigsten Stand seit Februar 2020 gefallen. Nach Angaben des Regulierers befanden sich zum 1. Juli noch 73,4 Millionen Feinunzen Gold in den internationalen Reserven des Landes. Dies entspricht rund 2.292 Tonnen.
Zu Jahresbeginn hatte der Bestand noch 74,8 Millionen Feinunzen betragen. Seither verringerte er sich nahezu kontinuierlich. Allein im Juni sank die Menge um 300.000 Feinunzen oder rund 9,3 Tonnen. Im Mai waren weitere rund sechs Tonnen abgegeben worden.
Aus der Differenz zwischen Januar und Juli ergibt sich rechnerisch ein Rückgang um etwa 43,5 Tonnen. Der vom Weltgoldrat genannte Wert von 34 Tonnen erfasst offenbar lediglich die Verkäufe bis einschließlich Mai. Zusammen mit dem Juni-Rückgang stimmen beide Angaben weitgehend überein.
Gegen den weltweiten Trend
Russland bewegt sich damit entgegen der gegenwärtigen Entwicklung bei vielen anderen Zentralbanken. Diese kauften nach Angaben des Weltgoldrats allein im Mai netto 41 Tonnen Gold hinzu. Vor allem Schwellenländer nutzen das Edelmetall, um ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern und ihre Reserven gegen geopolitische Risiken abzusichern.
Russland selbst hatte seine Goldbestände 17 Jahre lang nahezu ununterbrochen ausgebaut und gehörte zeitweise zu den größten Käufern weltweit. Bis 2020 hatte die Zentralbank ihren Bestand mehr als verdoppelt. Danach stellte sie die umfangreichen Käufe weitgehend ein; seit 2025 nimmt die physische Menge ab.
Im Mai 2024 hatte der russische Goldbestand mit 75,1 Millionen Feinunzen seinen bisherigen Höchststand erreicht. Die aktuelle Menge liegt knapp 53 Tonnen darunter.
Unter den Zentralbanken mit den größten Goldverkäufen befand sich Russland in den ersten Monaten dieses Jahres an zweiter Stelle. Noch mehr Gold gab laut Weltgoldrat nur die Türkei ab, deren Reserven sich um 81 Tonnen verringerten.
Wert der Reserven um rund 100 Milliarden Dollar gesunken
Noch stärker als die physische Menge ist der in Dollar berechnete Wert des russischen Goldbestandes zurückgegangen. Anfang Februar hatte er erstmals die Marke von 400 Milliarden Dollar überschritten. Damals entfielen 48,3 Prozent der gesamten russischen Währungsreserven auf Gold – der höchste Anteil seit 1995.
Zum 1. Juli wurde das Gold nur noch mit 298,9 Milliarden Dollar bewertet. Sein Anteil an den internationalen Reserven sank auf 41,5 Prozent. Bereits im März war er innerhalb eines Monats von 47,5 auf 44,6 Prozent gefallen – der stärkste Rückgang seit 2013.
Der Verlust von gut 100 Milliarden Dollar bedeutet allerdings nicht, dass Russland Gold in diesem Umfang verkauft hat. Der Wert der Reserven verändert sich auch mit dem Weltmarktpreis. Die Verringerung beruht somit auf einer Kombination aus tatsächlich abgegebenem Metall und einer niedrigeren Bewertung des verbliebenen Bestandes.
Zusammenhang mit Haushaltsdefizit bleibt offen
Politisch auffällig ist der Zeitpunkt der Verkäufe. Der russische Staatshaushalt wies im ersten Halbjahr ein Defizit von fast sechs Billionen Rubel aus. Zugleich gingen die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft zurück, während die Staatsausgaben deutlich über dem Vorjahresniveau lagen.
Die Zentralbank veröffentlicht jedoch keine Angaben darüber, an wen das Gold verkauft wurde und wofür die Erlöse verwendet werden. Aus dem gleichzeitigen Rückgang der Goldreserven und den wachsenden Haushaltsproblemen lässt sich daher nicht ohne Weiteres ableiten, dass mit dem Gold unmittelbar Haushaltslöcher geschlossen werden.
Denkbar sind Verkäufe oder Umschichtungen im Rahmen der staatlichen Finanzoperationen ebenso wie die Verwendung von Gold für Münzen oder andere Anlageprodukte. Die russischen Statistiken lassen diese Bewegungen nur eingeschränkt erkennen.
Die Entwicklung besitzt dennoch Signalwirkung. Gold gehört zu dem Teil der russischen Reserven, der anders als die im Westen blockierten Devisenbestände grundsätzlich im eigenen Land verfügbar und handelbar ist. Dass die Zentralbank nun Monat für Monat Teile dieses Bestandes abgibt, zeigt zumindest, dass Russland verstärkt auf seine materiellen Reserven zurückgreift.
Von einer Erschöpfung kann bei noch immer rund 2.292 Tonnen keine Rede sein. Bemerkenswert ist vielmehr der Richtungswechsel: Während viele Zentralbanken Gold als Schutz vor politischen und finanziellen Risiken zukaufen, verwandelt Russland einen Teil seines über Jahre aufgebauten Sicherheitspolsters wieder in Liquidität.

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