Auf der Krim treffen Treibstoffmangel, Stromausfälle und der Einbruch des Tourismus die Weinwirtschaft gleichzeitig. Einige Winzer fürchten, dass sich die Ernte nicht mehr lohnt. Moskau reagiert mit Importsubventionen und Kontrollen gegen überhöhte Preise – verspricht aber womöglich mehr, als kurzfristig zu halten ist.
Die russische Kraftstoffkrise gefährdet auf der Krim inzwischen auch die bevorstehende Weinlese. Winzer auf der von Russland annektierten Halbinsel berichten von fehlendem Diesel für Traktoren, kaum erreichbaren Arbeitskräften und praktisch zusammengebrochenen Absatzwegen.
Besonders kleine und mittlere Betriebe, die Weinbau, Gastronomie und Tourismus miteinander verbinden, trifft die Entwicklung schwer. Bis zum Frühjahr seien die Aussichten auf eine gute Ernte noch günstig gewesen, berichtet Dmitri Wischnewski vom Weingut Aromatnoje bei Bachtschissarai. Inzwischen fehlten jedoch die Besucher und damit die Einnahmen. Weil kein Treibstoff für die Traktoren verfügbar sei, müssten die Reben teilweise zu Fuß und mit Rückenspritzen gegen Schädlinge behandelt werden.
Andere Betriebe berichten von noch drastischeren Einbußen. Die Uppa Winery bei Sewastopol habe ihr ganzjährig betriebenes Restaurant schließen müssen, erklärte Eigentümer Pawel Schwez. Während in einer normalen Saison 1.500 bis 2.000 Gäste gekommen seien, seien es in diesem Jahr lediglich 20 bis 30 gewesen. Der Weinverkauf sei nach seinen Angaben um 99 Prozent eingebrochen.
Diesel für bis zu 300 Rubel
Stromausfälle verschärfen die Lage. Ohne Elektrizität funktionieren weder Kühlung und Verarbeitung noch Internetverbindungen und elektronische Bezahlsysteme zuverlässig. Zwar können Generatoren einen Teil der Ausfälle überbrücken, doch dafür wird erneut Diesel benötigt.
Auf dem Schwarzmarkt koste ein Liter Diesel inzwischen zwischen 200 und 300 Rubel, berichten Winzer. Beim Benzin werden teilweise noch höhere Preise genannt. Ein Produzent sprach von 250 Rubel an Tankstellen und bis zu 400 Rubel bei Wiederverkäufern. Diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen, zeigen aber, welche Preise in besonders schlecht versorgten Gebieten verlangt werden.
Zum Vergleich: Der offizielle russische Durchschnittspreis für Benzin lag Mitte Juli bei knapp 76 Rubel je Liter.
Der Treibstoffmangel erschwert auch den Arbeitsweg. Öffentliche Verkehrsmittel verkehren unregelmäßig, Beschäftigte können die abgelegenen Weinberge nicht erreichen und die Betriebe besitzen selbst nicht genügend Kraftstoff, um sie abzuholen. Für die im August beginnende Weinlese fehlen daher Erntehelfer.
Einige Winzer hoffen auf Freunde und Freiwillige. Andere erwägen, die Trauben gar nicht erst zu ernten oder sie mit Verlust zu verkaufen. Im vergangenen Jahr habe ein Kilogramm Trauben rund 150 Rubel gekostet, erklärte der Gründer des Weinguts Hills & Rocks. Bei den gegenwärtigen Benzinpreisen sei es möglicherweise billiger, die Ernte aufzugeben.
Auch Flaschen und Korken werden knapp
Selbst eine erfolgreiche Lese würde die Probleme nicht beenden. Für die Verarbeitung werden Strom und Treibstoff benötigt. Später müssen Flaschen, Korken und anderes Verpackungsmaterial auf die Halbinsel gebracht werden. Transportunternehmen lehnen Aufträge wegen der unsicheren Verbindungen teilweise ab oder verlangen erheblich höhere Preise.
Zugleich kann fertiger Wein nur eingeschränkt von der Krim auf den russischen Markt transportiert werden. Eine Winzerin beschrieb die Situation gegenüber „Forbes“ mit den Worten: „Wir sind in einer Blockade.“
Die Halbinsel ist besonders abhängig von funktionierenden Verkehrsverbindungen zum russischen Festland. Ukrainische Angriffe richten sich unter anderem gegen die Krim-Brücke, Häfen, Eisenbahnstrecken, Treibstofflager und die Energieversorgung. Damit treffen sie nicht nur die militärische Logistik, sondern zunehmend auch die zivile Wirtschaft.
Der Weinbau leidet zudem unter dem nahezu ausgefallenen Tourismus. Viele kleinere Weingüter erwirtschaften einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen mit Führungen, Verkostungen, Restaurants und Direktverkauf. Wegen der anhaltenden Drohnenangriffe und Stromausfälle bleiben die Besucher aus. Damit fehlt den Betrieben ausgerechnet in der arbeits- und kostenintensiven Erntezeit das Geld.
Moskau erleichtert Dieselimporte
Die Staatsduma verabschiedete am Dienstag Änderungen des Steuergesetzes, mit denen zusätzliche Kraftstoffimporte wirtschaftlich attraktiver werden sollen. Für eingeführten Diesel wird ein sogenannter Importdämpfer eingeführt, wie er bereits für Benzin besteht.
Mit dem Mechanismus gleicht der Staat einen Teil der Differenz zwischen ausländischen Einkaufspreisen und dem regulierten russischen Binnenmarkt aus. Ohne einen solchen Ausgleich können Importe für Unternehmen unrentabel sein, weil Treibstoff im Ausland teurer eingekauft werden muss, als er in Russland verkauft werden kann.
Duma-Chef Wjatscheslaw Wolodin erklärte, Kraftstoff müsse „an der Front, im Hinterland, bei der Ernte und für die Rettungsdienste“ verfügbar sein. Nach seiner Darstellung sollen sich Preise und Versorgung bereits innerhalb weniger Tage „radikal“ verändern.
Ob die Maßnahme so schnell bis zu den Weinbergen der Krim durchschlägt, ist allerdings fraglich. Der Importdämpfer kann zusätzliche Lieferungen anregen, beseitigt aber weder beschädigte Raffineriekapazitäten noch unsichere Transportwege und regionale Verteilungsprobleme.
Kartellbehörde geht gegen Preissteigerungen vor
Parallel dazu verschärft die russische Kartellbehörde FAS ihre Kontrollen. Sie hat 15 Verfahren gegen Unternehmen und Händler des Kraftstoffmarktes eingeleitet und 38 Verwarnungen ausgesprochen. Untersucht werden insbesondere die Preise im kleineren Großhandel, über den unabhängige Tankstellen und landwirtschaftliche Betriebe versorgt werden.
In Udmurtien stellte die Behörde nach eigenen Angaben Verstöße bei einem Lieferanten fest, der seine Dieselpreise für Landwirte verändert hatte. Beschwerden über die Kraftstoffkosten gingen außerdem von Agrarbetrieben aus den Regionen Lipezk, Nowosibirsk und Komi ein.
Damit wird sichtbar, dass die Probleme der Krim lediglich eine extreme Ausprägung einer landesweiten Entwicklung sind. Landwirtschaftliche Betriebe benötigen gerade während Ernte und Transport große Mengen Diesel. Steigende Preise oder fehlende Lieferungen können dazu führen, dass Felder nicht rechtzeitig abgeerntet werden oder sich der Verkauf der Erzeugnisse nicht mehr lohnt.
Auf der Krim kommen jedoch mehrere Belastungen gleichzeitig zusammen: mangelnder Treibstoff, beschädigte Infrastruktur, Stromausfälle, fehlende Arbeitskräfte, gestörte Lieferketten und ein weitgehend ausgefallener Tourismus. Für die Winzer entscheidet sich deshalb in den kommenden Wochen nicht nur die diesjährige Ernte. Einige Betriebe dürften um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen.

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