Die russische Zentralbankchefin Elvira Nabiullina soll am 19. Juni wieder öffentlich auftreten. Wie die Zentralbank mitteilte, wird sie an der Pressekonferenz nach der nächsten Sitzung des Direktoriums zur Geldpolitik teilnehmen. Thema ist die Entscheidung über den Leitzins. Neben Nabiullina soll auch ihr Stellvertreter Alexej Sabotkin an der Veranstaltung teilnehmen.
Damit dürfte eine ungewöhnliche Phase öffentlicher Abwesenheit der Zentralbankchefin enden, die in Russland in den vergangenen Tagen für Spekulationen gesorgt hatte. Nabiullina hatte zunächst ihre Teilnahme am St. Petersburger Wirtschaftsforum abgesagt, wo sie bei makroökonomischen Diskussionen erwartet worden war. Wenige Tage später fehlte sie auch bei einer Konferenz des russischen Börsenverbandes NAUFOR. Die Zentralbank begründete dies jeweils mit Krankheit.
In Moskau hatte das Fehlen der Zentralbankchefin besondere Aufmerksamkeit ausgelöst, weil Nabiullina seit Jahren zu den sichtbarsten und zugleich wichtigsten Figuren der russischen Wirtschaftspolitik zählt. Anders als viele andere Spitzenfunktionäre äußert sie sich meist nüchtern und technokratisch, ihre Auftritte gelten aber als wichtiger Hinweis auf die geldpolitische Linie des Landes. Zuletzt hatte es in russischen und oppositionellen Medien sogar Spekulationen über einen möglichen Rückzug oder politische Spannungen gegeben.
Der Kreml versuchte, solchen Deutungen entgegenzutreten. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, man solle keine Verschwörungstheorien um Nabiullinas Krankenstand entwickeln. Menschen würden manchmal krank, daran sei nichts Besonderes. Man wünsche ihr eine schnelle Genesung und hoffe, dass alles in Ordnung sei.
Die kommende Pressekonferenz ist auch inhaltlich von Gewicht. Der Leitzins der Zentralbank liegt derzeit bei 14,5 Prozent. Bei der vorherigen Sitzung Ende April hatte die Zentralbank ihn um 0,5 Prozentpunkte gesenkt. Gleichzeitig bleibt die Geldpolitik wegen Inflation, Kriegsausgaben und hoher Kreditkosten eines der sensibelsten wirtschaftspolitischen Themen in Russland.
Nach der jüngsten Prognose der Zentralbank soll der durchschnittliche Leitzins 2026 in einer Spanne von 14 bis 14,5 Prozent liegen. Für 2027 wurde der erwartete Korridor auf 8 bis 10 Prozent ausgeweitet. Ob die Zentralbank am 19. Juni eine weitere Senkung vornimmt oder zunächst vorsichtig bleibt, wird deshalb nicht nur von Banken und Unternehmen genau beobachtet.
Nabiullinas Rückkehr vor die Presse beendet damit zwar vorerst die Spekulationen über ihre persönliche Abwesenheit. Die grundsätzliche Frage bleibt jedoch bestehen: Wie weit kann die Zentralbank die Zinsen senken, ohne neue Inflationsrisiken einzugehen – und wie groß ist der politische Druck auf sie, die russische Wirtschaft stärker zu entlasten?

Kommentare