Natalja Subarewitsch: Russlands Wirtschaft rutscht ab – aber nicht in den Absturz

Natalja Subarewitsch: Russlands Wirtschaft rutscht ab – aber nicht in den Absturz

Die russische Wirtschaft steht 2026 nach Einschätzung der Ökonomin Natalja Subarewitsch vor einer schwierigen Phase. Von einem plötzlichen Zusammenbruch spricht sie nicht, wohl aber von Rezession, Stagnation oder, wie sie es formuliert, einem „Abrutschen“. Ihre Analyse ist gerade deshalb bemerkenswert, weil Subarewitsch zu den wenigen liberal geprägten russischen Expertinnen gehört, die im Land geblieben sind, weiter öffentlich auftreten und zugleich nicht in den offiziellen Optimismus einstimmen.

Bei einem Wirtschaftsforum in Jekaterinburg zeichnete sie ein deutlich eingetrübtes Bild. Die verarbeitende Industrie schwächelt, Investitionen gehen zurück, der Wohnungsbau ist eingebrochen. Besonders drastisch ist der Rückgang bei fertiggestellten Wohnungen: minus 28 Prozent. Auch Metallindustrie, Baumaterialien, Chemie außerhalb des Düngemittelbereichs und ziviler Maschinenbau stehen unter Druck. Die Produktion von Pkw sank um 20 Prozent, die von Lastwagen um 18 Prozent. Der zivile Maschinenbau – von Werkzeugmaschinen bis zu Traktoren und Baggern – verzeichnet ebenfalls deutliche Einbußen.

Das Wachstum der russischen Industrie lag 2025 landesweit nur noch bei 1,3 Prozent. In mehr als der Hälfte der Regionen ging die Industrieproduktion zurück, darunter in wichtigen Industrieregionen wie Swerdlowsk, Tscheljabinsk, Samara, Kemerowo, Nowosibirsk, Irkutsk, Perm, Krasnojarsk und Baschkortostan. Wachstum gibt es vor allem dort, wo die Rüstungsindustrie dominiert. Doch auch dieser Motor werde 2026 nicht mehr so stark laufen wie 2024 und 2025, warnte Subarewitsch. Damit könne der Rüstungssektor die Schwäche der zivilen Branchen nicht mehr ausgleichen.

Auch der Konsum verliert an Kraft. Der Einzelhandel, der zuvor noch mit Wachstumsraten von acht bis neun Prozent auffiel, wächst nur noch um zwei bis drei Prozent. Die realen Einkommen steigen kaum noch, die Lohnentwicklung verlangsamt sich. Subarewitsch rät deshalb davon ab, 2026 mit einem spürbaren Anstieg der Kaufkraft zu rechnen. Zwar hätten viele Russen nach der Mehrwertsteuererhöhung Anfang des Jahres zunächst gezögert, sich dann aber doch an die höheren Preise angepasst und wieder gekauft. Das sei jedoch keine echte Erholung, sondern eher ein Gewöhnungseffekt.

Besonders hart trifft die neue Lage kleine und mittlere Unternehmen. Rund 320.000 Betriebe werden erstmals mit der Mehrwertsteuer konfrontiert. Das Problem liege nicht nur in der zusätzlichen Steuer selbst, sondern auch in der Verwaltung: Unternehmen brauchen neue Buchhaltungs- und Steuerkompetenzen, die viele kleine Betriebe nicht haben. Subarewitsch kritisierte die Belastung kleiner Unternehmen ungewöhnlich deutlich. Man habe es mit ihnen „nicht nur leichtfertig übertrieben“, sondern einen großen Fehler gemacht. Diese Unternehmen würden nicht die Steuereinnahmen bringen, die der Staatshaushalt von ihnen erwarte.

Ein Beispiel ist die Gastronomie. Sie galt lange als einer der stabileren Dienstleistungsbereiche – auch, weil viele Russen, wie Subarewitsch ironisch bemerkte, die Absurditäten des Lebens mit Essen und Trinken übertünchten. Doch nun treffen mehrere Faktoren zusammen: höhere Steuern, gestiegene Lebensmittelpreise und schwächere Einkommen. In Millionenstädten schlossen im ersten Quartal rund fünf Prozent der Restaurants, sechs Prozent der Cafés und elf Prozent der Bars. Gleichzeitig wächst der Fast-Food-Konsum weiter.

Auf dem Arbeitsmarkt sieht Subarewitsch das Ende des Lohnwettlaufs. Zwar stiegen die Löhne Anfang 2026 statistisch noch kräftig, doch das erklärt sie teilweise mit Sondereffekten aus dem Vorjahr. Grundsätzlich verschiebe sich die Lage: Aus einem Arbeitnehmermarkt werde wieder stärker ein Arbeitgebermarkt. Die Unternehmen müssten ihren Beschäftigten vermitteln, dass die Zeit ständig steigender Gehaltsforderungen vorbei sei. Zugleich bleibt der Arbeitskräftemangel strukturell bestehen, weil Russland demografisch in einer schwierigen Lage ist. Eine kurze Entspannung erwartet sie erst Anfang der 2030er Jahre, danach folge erneut ein langer Rückgang bis mindestens in die 2050er Jahre.

Arbeitsmigration werde dieses Problem nur begrenzt lösen. Der Staat habe einen Kurs zur Begrenzung und Kontrolle der Migration eingeschlagen, bei dem die Sicherheitsbehörden den Ton angäben. Für Großunternehmen seien organisierte Anwerbungen aus dem Ausland noch nutzbar, für kleine und mittlere Betriebe dagegen kaum. Sie könnten weder Rekrutierung noch Unterbringung in größerem Stil organisieren. Zudem dürfen viele Migranten ihren Arbeitgeber nicht mehr frei wechseln.

Eine massive Arbeitslosigkeit wie in westlichen Krisenzeiten erwartet Subarewitsch nicht. Der russische Arbeitsmarkt funktioniere anders: In schwierigen Phasen würden Beschäftigte eher in Teilzeit oder reduzierte Arbeitsmodelle gedrängt als entlassen. Bereits seit Ende 2025 nehme Teilzeitbeschäftigung in großen und mittleren Unternehmen zu, besonders in Industrieregionen und Teilen des Dienstleistungssektors. Auch das Modell der Scheinselbstständigkeit werde zunehmend unter Druck geraten, weil der Staat hier härter durchgreifen dürfte.

Besonders angespannt ist nach ihrer Einschätzung die Lage der regionalen Haushalte. 70 Regionen schlossen 2025 mit einem Defizit ab. Insgesamt betrug das Defizit der konsolidierten Regionalhaushalte 1,5 Billionen Rubel. Für 2026 rechnet Finanzminister Anton Siluanow bereits mit 1,9 Billionen Rubel. Subarewitsch warnt daher Unternehmen mit staatlichen oder kommunalen Aufträgen: Sie sollten sich darauf einstellen, dass Regionen vorsichtiger ausgeben und Verträge schwieriger werden könnten.

Zusätzliche Öl- und Gaseinnahmen könnten die Lage nur teilweise verbessern. Sollte der Krieg im Nahen Osten lange andauern und die Straße von Hormus blockiert bleiben, könnten Russlands Energieeinnahmen steigen. Falle der Ölpreis aber wieder auf 70 bis 80 Dollar pro Barrel, werde das Haushaltsproblem nicht gelöst. Subarewitsch verwies dabei sogar auf die schwer berechenbaren Äußerungen Donald Trumps, weil sie für die geopolitische Lage und damit auch für Russlands Exporteinnahmen wichtig sein könnten. Ihr Fazit fiel entsprechend lakonisch aus: Man befinde sich in einer Art Irrenhaus, müsse diese Situation aber irgendwie überstehen.

Insgesamt beschreibt Subarewitsch keine unmittelbar kollabierende Wirtschaft, sondern eine überhitzte, durch Krieg, Staatsausgaben, Arbeitskräftemangel und Steuerdruck verzerrte Ökonomie, die nun in eine schmerzhafte Abkühlung gerät. Der Staat kann die Rüstungsindustrie weiter stützen, aber nicht die gesamte zivile Wirtschaft. Die Bevölkerung passt sich an höhere Preise an, aber ohne echten Wohlstandsgewinn. Kleine Unternehmen tragen eine wachsende Steuer- und Verwaltungslast. Regionen verschulden sich stärker. Ihr nüchterner Kernbefund lautet daher: Russland kann 2026 wirtschaftlich weiter funktionieren – aber mit weniger Wachstum, weniger Spielraum und deutlich mehr Druck auf Unternehmen, Regionen und Verbraucher.

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