Wenn der Online-Handel am fehlenden Internet scheitert

Wenn der Online-Handel am fehlenden Internet scheitert

Der Online-Verkauf von Lebensmitteln in Russland wächst weiter — aber so langsam wie seit Jahren nicht mehr. Nach Berechnungen der Analysefirma Infoline erreichte der Umsatz im ersten Quartal 2026 rund 482 Milliarden Rubel. Das entspricht einem Plus von 23,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für viele Branchen wäre das ein kräftiges Wachstum, für den russischen Lebensmittel-Onlinehandel ist es jedoch ein deutlicher Rückgang der Dynamik: Im ersten Quartal 2025 lag das Plus noch bei 26,3 Prozent, ein Jahr zuvor sogar bei 55,6 Prozent.

Die Gründe liegen nicht nur im Konsumverhalten, sondern zunehmend auch in der Infrastruktur. Infoline verweist auf steigende Kosten der Händler und auf Verbindungsprobleme in mehreren Regionen. Auch der Verband der Internet-Handelsunternehmen AKIT sieht die regelmäßigen Einschränkungen des mobilen Internets als Belastung für die Branche. Wo das mobile Netz ausfällt, funktionieren Bestellungen, Zahlungsabwicklung, Kundenkommunikation und Lieferkoordination nur noch eingeschränkt oder gar nicht.

Damit bekommt ein Problem der Sicherheitspolitik direkte Folgen für den Alltag der Verbraucher. In vielen Regionen Russlands wird seit Monaten immer wieder das mobile Internet abgeschaltet oder gedrosselt. Die Behörden begründen solche Maßnahmen meist mit der Abwehr ukrainischer Drohnenangriffe. Besonders sichtbar waren die Einschränkungen zuletzt rund um die Maifeiertage.

Für den Lebensmittelhandel ist das besonders empfindlich. Anders als bei vielen anderen Onlinekäufen geht es hier um kurze Lieferfenster, frische Ware und schnelle Abstimmung zwischen Kunde, Plattform, Lager und Kurier. Wenn Bestellungen nicht zuverlässig übertragen werden oder Lieferdienste keine Verbindung haben, können Händler Abläufe nicht planen. Laut AKIT schränken manche Teilnehmer sogenannter „weißer Listen“ die Weitergabe von Bestellungen teilweise vorsorglich ein, um Probleme bei der Übergabe an Partner und bei der anschließenden Lieferung zu vermeiden.

Hinzu kommt eine allgemein vorsichtigere Nachfrage. Stanislaw Bogdanow, Vorsitzender des Verbands der Einzelhandelsunternehmen, erklärte, Käufer achteten stärker auf ihre Ausgaben, verglichen häufiger Preise und optimierten ihren Warenkorb. Diese Entwicklung betreffe sowohl den stationären Handel als auch den Onlinebereich. Dennoch wächst der Onlinehandel mit Lebensmitteln weiterhin schneller als der Gesamtmarkt: Der gesamte Lebensmittelhandel legte im ersten Quartal nach Angaben von Rosstat um 8,1 Prozent auf 7,32 Billionen Rubel zu.

Einzelne große Händler melden weiter Zuwächse, aber auch dort zeigen sich Verschiebungen. Bei „Lenta“ stiegen die Onlineverkäufe im ersten Quartal um 18,8 Prozent auf 21,1 Milliarden Rubel. Das Wachstum kam vor allem aus eigenen Diensten, während der Umsatz über Onlinepartner um 19,1 Prozent zurückging. Bei X5 erhöhte sich die Gesamtzahl der Onlinebestellungen um 17,6 Prozent.

Die Zahlen zeigen: Der russische Onlinehandel ist nicht in der Krise, aber seine Wachstumsphase wird schwieriger. Inflation, vorsichtigere Verbraucher und steigende Kosten bremsen die Entwicklung. Neu ist, dass auch die Verfügbarkeit des Internets selbst zum Geschäftsrisiko wird. Für einen Markt, der auf ständige digitale Erreichbarkeit angewiesen ist, ist das ein strukturelles Problem.

So entsteht ein Widerspruch: Russland baut digitale Dienstleistungen weiter aus, schränkt aber aus Sicherheitsgründen immer wieder genau jene Infrastruktur ein, auf der diese Dienstleistungen beruhen. Für Verbraucher bedeutet das weniger Verlässlichkeit bei Bestellungen. Für Händler bedeutet es höhere Kosten und mehr Planungsunsicherheit. Und für den Onlinehandel insgesamt bedeutet es: Wachstum gibt es weiter — aber nicht mehr so selbstverständlich wie zuvor.

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