Russlands Getreidewirtschaft steuert trotz einer insgesamt großen Ernte auf einen schwierigen Herbst zu. Nach dem Einbruch der Ausfuhren im August ist auch im September kaum mit einer Erholung zu rechnen. Das Analysezentrum SowEcon erwartet, dass Russland im kommenden Monat lediglich 1,8 bis 2,3 Millionen Tonnen Weizen exportieren wird. Gegenüber September 2025 wäre das ein Rückgang um 52,1 bis 62,5 Prozent. Sollte die Prognose eintreffen, fielen die Ausfuhren auf den niedrigsten Septemberwert seit 2010.
Im September vergangenen Jahres hatte Russland noch 4,8 Millionen Tonnen Weizen ausgeführt. Auch im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre von 4,9 Millionen Tonnen wäre die nun erwartete Menge nicht einmal halb so groß. Das Institut für Agrarmarktkonjunktur IKAR rechnet ebenfalls mit einem deutlichen Rückgang, nennt bislang jedoch keine eigene Zahl.
Die Septemberprognose bedeutet nicht unbedingt, dass sich der Absturz von Monat zu Monat weiter beschleunigt. Für August schätzen SowEcon und das Analysezentrum Rusagrotrans die Weizenausfuhr auf rund zwei Millionen Tonnen. September dürfte damit ungefähr auf dem bereits äußerst niedrigen Augustniveau liegen. Gerade darin besteht jedoch die schlechte Nachricht: Der Einbruch erweist sich nicht als kurzfristiger Ausreißer. Der Exportstau droht sich zu verfestigen.
Von 29 Häfen blieben acht
Auslöser ist nicht in erster Linie ein Mangel an Getreide, sondern der Verlust eines großen Teils der Transport- und Umschlagkapazitäten. Seit der zweiten Julihälfte sind mehrere Terminals an der Schwarzmeer- und Asowküste nach Angriffen außer Betrieb. Über diese Route wurde bislang der überwiegende Teil des russischen Getreideexports abgewickelt.
Nach Berechnungen von Reksoft Consulting wurde russisches Getreide Anfang August nur noch über acht Häfen verschifft. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum waren es 29. Exporteure versuchen seitdem, Lieferungen über Häfen im Nordwesten und im Baltikum sowie über Landgrenzen umzuleiten. Die ausgefallenen Mengen konnten auf diesen Wegen bislang jedoch nicht annähernd ersetzt werden.
Rusagrotrans hob seine Augustschätzung zwar von 1,8 auf zwei Millionen Tonnen an. Ausschlaggebend waren verstärkte Lieferungen über Grenzübergänge an Land. An der grundsätzlichen Lage ändert diese Korrektur wenig: Gegenüber August 2025 sank die Ausfuhr um 55,6 Prozent, gegenüber dem Fünfjahresmittel sogar um 60 Prozent.
Ein Teil des Getreides wird nun über Kasachstan und andere zentralasiatische Staaten abgesetzt. Nach Angaben der russischen Eisenbahn wurden von Januar bis Juli 2,7 Millionen Tonnen Getreide über die russisch-kasachischen Grenzübergänge transportiert – doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Auch Aserbaidschan kauft mehr russisches Getreide. Doch Bahnstrecken, Waggons, Grenzübergänge und alternative Häfen lassen sich nicht kurzfristig in dem Umfang erweitern, der nötig wäre, um die Schwarzmeerroute zu ersetzen.
Preise weit unter den Produktionskosten
Der blockierte Export schlägt inzwischen massiv auf den russischen Binnenmarkt durch. Das Getreide bleibt im Land, die Lager füllen sich, während die Nachfrage der großen Käufer und Verarbeiter begrenzt bleibt. Innerhalb nur einer Woche, vom 24. bis 30. August, sank der Preis für Weizen der fünften Klasse um 3,3 Prozent auf 7.400 Rubel je Tonne. Das waren 42 Prozent weniger als vor einem Jahr.
Weizen der vierten Klasse verbilligte sich binnen einer Woche um 3,8 Prozent und im Jahresvergleich um 41,1 Prozent auf 8.300 Rubel je Tonne. Gerste kostete zuletzt 7.900 Rubel, 4,8 Prozent weniger als eine Woche zuvor. Noch stärker fielen die Preise für Ölsaaten: Sojabohnen verloren 6,2 Prozent, Sonnenblumenkerne 8,5 Prozent. Hier verstärkt der Beginn der Ernte den Angebotsdruck zusätzlich.
Für viele landwirtschaftliche Betriebe sind diese Preise existenzgefährdend. Kristina Romanowskaja, Generaldirektorin des Agrarbetriebs Lasarewskoje, beziffert allein die Produktionskosten für eine Tonne Weizen auf rund 12.000 Rubel. Beim gegenwärtigen Marktpreis für Weizen der vierten Klasse fehlen damit etwa 3.700 Rubel je Tonne zur Kostendeckung.
Die Produzenten versuchen deshalb, ihre Ware zurückzuhalten und auf bessere Preise zu warten. Gleichzeitig verschieben Verarbeiter und Großabnehmer ihre Einkäufe, weil sie mit einem weiteren Preisverfall rechnen. Beide Seiten warten – und verschärfen damit den Stillstand. Für die Bauern wird aus dem Absatzproblem zunehmend ein Liquiditätsproblem: Einnahmen fehlen genau zu dem Zeitpunkt, an dem Saatgut, Dünger, Treibstoff und Kredite für die Herbstbestellung bezahlt werden müssen.
Die gute Ernte wird zum Problem
Damit entsteht eine für Russland paradoxe Situation. Nicht eine katastrophale Ernte bringt die Getreidewirtschaft in Bedrängnis, sondern der fehlende Weg vom Feld zum ausländischen Käufer. Eine große Erntemenge erhöht unter diesen Bedingungen sogar den Druck auf Lager und Inlandspreise.
Auch eine mögliche Lockerung oder Aussetzung der Exportzölle würde dieses Problem nur teilweise entschärfen. Sie könnte die Erlöse der Exporteure und Produzenten verbessern, schafft aber weder neue Hafenanlagen noch zusätzliche Bahntrassen, Waggons und Umschlagplätze. Die angekündigten staatlichen Zuschüsse für Bahntransporte können Umwege erleichtern, die ausgefallenen Schwarzmeerkapazitäten aber ebenfalls nicht vollständig ersetzen.
SowEcon-Direktor Andrej Sisow hält eine langsame Erholung für möglich, sofern es zu keinen weiteren schweren Angriffen auf die Infrastruktur kommt. Der Markt könnte seinen Tiefpunkt bereits erreicht haben, meint er. Die große Spanne der Septemberprognose zeigt allerdings, wie unsicher die Lage bleibt.
Für die Landwirtschaftsbetriebe reicht es nicht, wenn der Export irgendwann wieder anzieht. Sie benötigen jetzt Einnahmen für den nächsten Produktionszyklus. Romanowskaja warnt, ihr Unternehmen müsse bei anhaltendem Preisdruck im kommenden Jahr die bewirtschaftete Fläche überprüfen. Seit vier Jahren, sagt sie, erwirtschafteten Investitionen in den Getreideanbau nicht mehr die notwendige Rendite.
So wird die Exportblockade zu einer Belastung, die weit über die Septemberzahlen hinausreicht. Bleiben Häfen und Transportwege eingeschränkt, droht Russland nicht nur ein weiteres schwaches Exportquartal. Dann könnte die gegenwärtige Absatzkrise auch die Aussaat und damit bereits die Ernte des kommenden Jahres treffen.

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