Russlands Kraftstoffmarkt bleibt angespannt – Tankstellen fordern längeren Exportstopp

Russlands Kraftstoffmarkt bleibt angespannt – Tankstellen fordern längeren Exportstopp

Russlands Probleme mit der Kraftstoffversorgung sind trotz der bereits geltenden Exportverbote nicht überwunden. Der Russische Kraftstoffverband fordert die Regierung auf, auch den vollständigen Ausfuhrstopp für Diesel über den 1. September hinaus beizubehalten. Branchenvertreter warnen vor einer Verschärfung im Herbst.

Wie die Wirtschaftszeitung Kommersant unter Berufung auf ein Schreiben des Verbandes an Vizepremier Alexander Nowak berichtet, wird Diesel an den Tankstellen derzeit zwar weitgehend ohne Unterbrechungen verkauft. Für unabhängige Tankstellen sei der Kraftstoff jedoch weiterhin nur eingeschränkt verfügbar.

Ein großer Teil der an der Petersburger Warenbörse gekauften Lieferungen werde nicht tatsächlich ausgeliefert. Als Ausweichmöglichkeit blieben importierter Kraftstoff oder kleinere Partien, die bei einzelnen großen Ölgesellschaften abgeholt werden müssten. Deren Preise lägen deutlich über den staatlich gedämpften Börsenpreisen.

Nach Darstellung des Verbandes zeigen die außerhalb der Börse verlangten Preise, dass die Nachfrage das Angebot selbst bei geschlossenem Export übersteigt. Eine erneute Freigabe der Dieselausfuhr könne deshalb erhebliche Risiken mit sich bringen.

Landwirtschaft und Winterdiesel erhöhen den Bedarf

Der derzeitige Exportstopp für Dieselproduzenten gilt seit dem 8. Juli. Ursprünglich wollte die Regierung den Raffinerien die Ausfuhr von Diesel, Schiffskraftstoff und Gasöl ab September wieder erlauben. Für Händler und andere Nichtproduzenten soll das Verbot dagegen bis Ende Januar 2027 bestehen bleiben. Benzin darf weiterhin von keinem Marktteilnehmer exportiert werden.

Die Regierung begründete die geplante Lockerung damit, dass Raffinerien Exportmöglichkeiten benötigen, um ihre Anlagen auszulasten und einen Überschuss an Diesel zu vermeiden. Inzwischen spricht die Marktlage gegen eine schnelle Öffnung.

Die landwirtschaftliche Erntesaison sorgt weiterhin für hohe Nachfrage. Gleichzeitig beginnt die Herstellung und Einlagerung kältebeständiger Wintersorten. Das Energieministerium bestätigte gegenüber Kommersant, dass eine Verlängerung des vollständigen Exportverbots geprüft werde. Vorrang habe die Versorgung des Binnenmarktes einschließlich der Landwirtschaft.

Nach Angaben eines Branchenvertreters ging die Dieselproduktion Anfang August gegenüber Juli leicht zurück. Noch bestehe ein geringer Überschuss – dieser sei jedoch „fragil“. Bei Benzin ist die Situation bereits schwieriger. Vizepremier Nowak erklärte am 23. August, Russland habe bei Diesel und Kerosin keine Versorgungsprobleme; Engpässe bestünden aber weiterhin bei Benzin.

Exporte auf historischem Tiefstand

Wie stark die Produktion und die staatlichen Eingriffe den Außenhandel bereits beeinträchtigen, zeigen Daten von S&P Global. Der russische Seeexport von Ölprodukten sank im Juli gegenüber dem Vormonat um knapp 22 Prozent auf 1,18 Millionen Barrel täglich. Das war der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2016.

Besonders deutlich fiel der Rückgang bei Diesel aus: Die Ausfuhr verringerte sich auf 157.000 Barrel täglich und damit auf etwa ein Drittel des Vormonatswertes. In Europa trug der Ausfall russischer Mengen bereits zu steigenden Dieselpreisen bei.

Berichte über eine „zweite Welle“

Russische Telegram-Kanäle zeichnen inzwischen ein wesentlich dramatischeres Bild. Der Kanal Spion spricht von einer „zweiten Welle“ der Krise, die nun auch Moskau erreicht habe. Ein Autor berichtet, auf einer Fahrt aus dem nordöstlichen Umland ins Moskauer Zentrum an sechs von sieben beobachteten Tankstellen kein Benzin vorgefunden zu haben; an der siebten habe auch Diesel gefehlt.

Der Kanal behauptet außerdem, die zwischenzeitliche Entspannung im Juli sei durch eine nicht öffentlich gemachte Freigabe staatlicher Kraftstoffreserven erreicht worden. Für diese Darstellung gibt es bislang keine unabhängig überprüfbare Bestätigung. Auch Prognosen über bevorstehende Bezugskarten und einen Schwarzmarkt mit Preisen von mehreren Hundert Rubel je Liter bleiben Spekulation.

Die offiziellen und die alarmistischen Darstellungen treffen sich jedoch in einem Punkt: Der russische Kraftstoffmarkt verfügt kaum noch über Reserven für zusätzliche Ausfälle. Dass die Tankstellenbetreiber selbst bei gestoppten Exporten vor einer Marktöffnung warnen, spricht gegen eine nachhaltige Entspannung.

Kommentare