Russland will die Nordostpassage ab 2027 ganzjährig befahren

Russland will die Nordostpassage ab 2027 ganzjährig befahren

Russland steht nach eigenen Angaben vor einem entscheidenden Schritt beim Ausbau der arktischen Schifffahrt. Ab 2027 sollen erstmals regelmäßige Transporte über die Nördliche Seeroute nach Asien auch während der Wintermonate stattfinden. Der staatliche Atomkonzern Rosatom setzt dabei auf zusätzliche Atomeisbrecher und steigende Rohstoffexporte.

Wie Rosatoms Direktor für die Entwicklung der Nördlichen Seeroute und der Arktis, Wladimir Panow, gegenüber Interfax erklärte, befinden sich die Vorbereitungen für regelmäßige Transporte in östlicher Richtung in ihrer abschließenden Phase. Einer der größten russischen Güterversender soll Anfang kommenden Jahres damit beginnen, seine Produkte kontinuierlich über die arktische Route nach Asien zu verschiffen. Welches Unternehmen dahintersteht, wurde zunächst nicht mitgeteilt.

Eine Schlüsselrolle spielt der neue Atomeisbrecher „Tschukotka“, der Anfang 2027 in Dienst gestellt werden soll. Damit würde die russische Flotte nach Angaben Rosatoms auf neun atomgetriebene Eisbrecher anwachsen. Der Konzern sieht die Nördliche Seeroute damit unmittelbar vor dem Übergang zur ganzjährigen Nutzung.

Öltransporte bereits deutlich gestiegen

Dass die arktische Verbindung wirtschaftlich an Bedeutung gewinnt, zeigen die Transportzahlen der laufenden Navigationssaison. Nach Angaben von Reuters, auf die sich die Wirtschaftszeitung Kommersant beruft, wurden bislang rund 20 Millionen Barrel russisches Erdöl über die Nördliche Seeroute transportiert. Im gesamten Vorjahreszeitraum waren es lediglich 13 Millionen Barrel gewesen.

Bis zum Ende der Saison könnte das Volumen auf 25 bis 30 Millionen Barrel steigen und sich damit gegenüber 2025 mehr als verdoppeln.

Nach Berechnungen des russischen Zentrums für Hochbreitenlogistik hatten bis Ende September 28 Tanker die Route befahren. Davon waren 22 in östlicher Richtung unterwegs, überwiegend mit Erdöl aus Murmansk sowie den Ostseehäfen Primorsk und Ust-Luga.

Wichtigster Zielmarkt ist China. Die kürzere Verbindung über die Arktis gewinnt insbesondere angesichts gestiegener Frachtraten und der Unsicherheiten auf den südlichen Seewegen an Attraktivität. Auch mögliche Kontrollen und Verzögerungen russischer Tanker in europäischen Gewässern spielen nach Einschätzung russischer Branchenexperten eine Rolle.

Das Eis bleibt ein Kostenfaktor

Allerdings ist die Nordostpassage keineswegs bereits eine uneingeschränkt nutzbare Alternative zu den traditionellen Handelsrouten. Die Navigationsbedingungen schwanken erheblich, und die verfügbaren Schiffe mit ausreichender Eisklasse sind begrenzt.

Wie Kommersant berichtet, mussten mehrere Tanker im vergangenen Sommer die Wilkizkistraße zwischen der Taimyr-Halbinsel und Sewernaja Semlja umfahren. Der Umweg betrug rund 1.000 Kilometer und verlängerte die Reise um ein bis zwei Wochen.

Zusätzliche Kosten entstehen durch die Begleitung mit Eisbrechern und mögliche Wartezeiten. Der Vorteil der kürzeren Strecke kann dadurch teilweise wieder verloren gehen.

Auch ist zwischen einer ganzjährigen Versorgung einzelner arktischer Projekte und einem durchgehend wirtschaftlich nutzbaren Transportkorridor nach Ostasien zu unterscheiden. Der russische Öltransport über die westliche Arktis funktioniert bereits ganzjährig. Die regelmäßige Winterbefahrung des östlichen Abschnitts wäre dagegen ein neuer Entwicklungsschritt.

Ein Transportkorridor zwischen Europa und Asien

Rosatom betrachtet die Nordostpassage als Kernstück eines umfassenderen Transarktischen Transportkorridors. Dieser soll Seeverbindungen, Binnenwasserstraßen, Eisenbahnen und Hafenanlagen zu einem zusammenhängenden Logistiksystem verbinden.

Damit geht das Projekt über die Verschiffung von Erdöl und Flüssigerdgas hinaus. Langfristig soll die arktische Route auch für weitere Gütertransporte zwischen Europa und Asien an Bedeutung gewinnen.

Ob die für 2027 angekündigte ganzjährige Nutzung tatsächlich gelingt, wird nicht allein von der Zahl der Eisbrecher abhängen. Entscheidend werden ebenso geeignete Frachtschiffe, ausreichende Ladungsmengen, zuverlässige Transportzeiten und wirtschaftlich tragfähige Frachtkosten sein.

Russlands arktische Schifffahrt steht damit vor einem möglichen Wendepunkt: Aus der bislang vorwiegend saisonalen Verbindung könnte schrittweise eine dauerhaft betriebene internationale Handelsroute werden. Noch aber muss die Praxis zeigen, ob der technische Fortschritt auch einen wirtschaftlich konkurrenzfähigen Transport ermöglicht.

Kommentare