Russischer Diesel für den Weltmarkt: Moskau gewinnt Spielraum, das Energieabkommen bleibt offen

Eine befristete US-Sanktionsausnahme eröffnet neue Absatzmöglichkeiten für russischen Diesel. Moskau stellt zusätzliche Lieferungen in Aussicht, während Donald Trump niedrigere Treibstoffpreise anstrebt. Ein von ihm bereits verkündeter gegenseitiger Verzicht auf Angriffe gegen Energieanlagen ist jedoch weder von Russland noch von der Ukraine als abgeschlossene Vereinbarung bestätigt.

Der Kreml sieht gute Absatzchancen für russischen Diesel. Durch den Ausfall großer Mengen an Öl und Ölprodukten auf dem Weltmarkt gebe es kein Nachfrageproblem, erklärte Präsidentensprecher Dmitri Peskow am Sonntagabend. Die Geschäfte liefen über Händler; Russland müsse deshalb nicht auf Bestellungen einzelner Staaten warten. Vizepremier Alexander Nowak versicherte zugleich, zusätzliche Exporte würden die Versorgung russischer Verbraucher nicht beeinträchtigen.

Den entscheidenden neuen Spielraum schafft eine Ausnahme von amerikanischen Sanktionen. Die US-Sanktionsbehörde OFAC veröffentlichte am 9. Oktober die Generallizenz Nr. 135. Sie erlaubt bis zum 7. April 2027 Geschäfte im Zusammenhang mit Verkauf, Lieferung, Entladung und Einfuhr von Diesel russischen Ursprungs, einschließlich der Einfuhr in die Vereinigten Staaten, soweit diese unter die genannten Sanktionsregelungen fallen.

Die Genehmigung ist damit mehr als eine politische Absichtserklärung. Sie bedeutet aber keine allgemeine Aufhebung der Russland-Sanktionen. Zudem enthält die Lizenz selbst weder Lieferverpflichtungen noch Mengen, Preise oder benannte Käufer. Die rechtliche Erlaubnis und die tatsächliche Durchführung von Geschäften bleiben zwei unterschiedliche Schritte.

Nach den inzwischen veröffentlichten Ankündigungen sollen im Oktober 300.000 Tonnen, im November 500.000 Tonnen und im Dezember eine Million Tonnen Diesel geliefert werden. Zusammen wären das 1,8 Millionen Tonnen. Anschließend stehen weitere drei Millionen Tonnen im Raum. Die Angaben beziehen sich auf den amerikanischen und den übrigen Weltmarkt; die Gesamtmenge ist daher nicht mit direkten Lieferungen in die USA gleichzusetzen.

Kommersant beziffert den möglichen Verkaufswert der ersten Stufe bei einem angenommenen Weltmarktpreis von 1.500 Dollar je Tonne auf 2,7 Milliarden Dollar. Diese Rechnung beschreibt einen potenziellen Umsatz. Sie sagt weder etwas über den Nettogewinn der Anbieter noch über die daraus entstehenden Staatseinnahmen aus. Bestätigte Verladungen oder Ankünfte gehen aus den ausgewerteten Berichten bislang nicht hervor.

Ungeklärt bleibt insbesondere die Verbindung zwischen den Dieselgeschäften und einem möglichen Stopp der Angriffe auf Energieanlagen. Trump erklärte am 11. Oktober, Russland und die Ukraine hätten einem sofortigen solchen Stopp zugestimmt. Nach einem Kommersant-Bericht vom Montag bestätigten beide Seiten jedoch keine abgeschlossene Vereinbarung.

Peskow erklärte, konkrete Gespräche zu diesem Thema würden nicht geführt, Kontakte liefen allerdings weiter. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj signalisierte Bereitschaft zu einem gegenseitigen Verzicht und verlangte Klarheit über die amerikanisch-russischen Absprachen. Nach einem von Kommersant aufgegriffenen Axios-Bericht bezieht sich der amerikanische Ansatz zunächst auf Raffinerien. Kiew strebt dagegen auch den Schutz von Kraftwerken an.

Dieser Unterschied ist wesentlich. Ein auf Raffinerien beschränkter Verzicht auf Angriffe würde andere Anlagen schützen als ein umfassendes Energieabkommen. Für die Versorgung mit russischem Diesel wären funktionierende Raffinerien unmittelbar relevant. Daraus ergibt sich jedoch noch keine Einigung über den Schutz der ukrainischen Stromversorgung.

Auch unter westlichen Partnern löst die amerikanische Öffnung Widerstand aus. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte am Montag, ein entsprechendes Vorgehen sei für Deutschland und Europa nicht akzeptabel; der Druck auf Russland müsse aufrechterhalten werden. In den USA fordern Senatoren beider Parteien eine Rücknahme der Dieselvereinbarung. Sie stellen auch deren rechtliche Grundlage infrage. Finanzminister Scott Bessent verteidigt dagegen die Befugnisse der Regierung.

An den Finanzmärkten wirkt die Aussicht auf zusätzliche Exporterlöse bereits. Kommersant berichtete am Montag von einem außerbörslichen Dollarkurs unter 84 Rubel und führte die Aufwertung wesentlich auf die Dieselvereinbarung zurück. Die erwarteten Deviseneinnahmen würden demnach erst mit zeitlicher Verzögerung wirksam.

Für Moskau liegt der bisherige Erfolg somit vor allem im erweiterten Marktzugang und in der Möglichkeit, sich als benötigter Energielieferant zu präsentieren. Wie groß der wirtschaftliche Nutzen ausfällt, hängt von tatsächlich verfügbaren Mengen, Transportmöglichkeiten und abgeschlossenen Geschäften ab. Ob daraus zugleich eine gegenseitige Begrenzung der Angriffe auf Energieanlagen entsteht, bleibt eine eigenständige, bislang offene Frage.

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