Die Aktien des russischen Energiekonzerns Gazprom sind an der Moskauer Börse auf den niedrigsten Stand ihrer Geschichte gefallen. Im Tagesverlauf am Donnerstag sank der Kurs zeitweise um mehr als fünf Prozent auf 83,98 Rubel und damit unter das bisherige Rekordtief von 84 Rubel aus der Finanzkrise des Jahres 2008. Der Börsenwert des Konzerns verringerte sich damit auf nur noch gut zwei Billionen Rubel beziehungsweise umgerechnet rund 25,7 Milliarden Dollar.
Der Kurssturz erfolgte vor dem Hintergrund einer allgemeinen Schwäche des russischen Aktienmarktes. Der Leitindex der Moskauer Börse verlor zeitweise mehr als drei Prozent und fiel auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2022. Gazprom gehört neben dem Ölkonzern Lukoil und der Sberbank zu den Schwergewichten des Index und zog deshalb den Gesamtmarkt besonders stark nach unten. Auch zahlreiche andere liquide russische Aktien gaben im Tagesverlauf deutlich nach.
Belastet wird Gazprom vor allem durch die langfristig verschlechterten Absatzperspektiven. Der Konzern hatte vor 2022 große Mengen Gas zu vergleichsweise hohen Preisen nach Europa geliefert. Ein erheblicher Teil dieses Marktes ist inzwischen weggefallen. Russland versucht deshalb, seine Gasexporte stärker nach Asien und insbesondere nach China umzuleiten. Die dafür geplante Pipeline „Kraft Sibiriens 2“ kommt jedoch bislang nicht entscheidend voran.
Zusätzliche Verunsicherung lösten Berichte aus, wonach China für Lieferungen über die neue Pipeline lediglich Preise auf dem Niveau des stark subventionierten russischen Binnenmarktes akzeptieren wolle. Unter solchen Bedingungen könnte das Projekt für Gazprom nur geringe Gewinne abwerfen oder sogar unwirtschaftlich werden. Damit bliebe ein Teil des Gases aus Westsibirien, das früher nach Europa geliefert wurde, ohne vergleichbar lukrativen Absatzmarkt.
Hinzu kommt die anhaltende Dividendenflaute. Gazprom kündigte Ende Juni an, erneut keine Dividende auszuschütten. Für die Aktionäre wäre es bereits das vierte Jahr in Folge ohne Gewinnbeteiligung. Gerade am russischen Aktienmarkt, an dem hohe Dividenden traditionell einen wichtigen Teil der Attraktivität großer Rohstoffkonzerne ausmachen, verringert dies die Nachfrage nach den Papieren zusätzlich.
Weitere Belastungsfaktoren sind die hohen russischen Zinsen, der vergleichsweise starke Rubel und niedrigere Energiepreise. Hohe Zinsen machen festverzinsliche Anlagen attraktiver und erschweren zugleich Investitionen und Refinanzierungen. Ein starker Rubel mindert außerdem den Wert der in Fremdwährung erzielten Exporteinnahmen, wenn sie in Rubel umgerechnet werden.
Dass es sich nicht nur um ein Gazprom-Problem handelt, zeigt die Entwicklung der staatlichen VTB-Bank. Auch deren Aktie fiel am Donnerstag um rund sechs Prozent auf ein historisches Tief von 57,8 Rubel. Analysten führten dies neben der allgemeinen Marktschwäche auf unternehmensspezifische Gründe zurück. Der Aufsichtsrat hatte vorgeschlagen, lediglich 25 Prozent des Gewinns für Dividenden zu verwenden und zugleich bis zu 6,2 Milliarden neue Aktien auszugeben. Eine solche Kapitalerhöhung könnte den Anteil und den rechnerischen Wert der bisherigen Aktien erheblich verwässern.
Die Kursverluste stehen damit in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu den jüngsten Erklärungen des Kremls, wonach die wirtschaftliche Lage Russlands stabil und die makroökonomische Sicherheit gewährleistet sei. Börsenkurse bilden zwar nicht die gesamte wirtschaftliche Entwicklung ab. Die historischen Tiefstände zweier großer Staatskonzerne zeigen jedoch, dass Investoren die Ertragsaussichten bedeutender Teile der russischen Wirtschaft zunehmend skeptisch beurteilen.

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