Weniger als einen Monat nach der Unterstellung unter eine staatlich angeordnete Verwaltung hat Metro Russland eine Milliarde Rubel an einen Fonds zur Unterstützung russischer Soldaten überwiesen. Der deutsche Mutterkonzern ist formal weiterhin Eigentümer, hat nach eigenen Angaben aber keine operative Kontrolle mehr. Der bisherige Russlandchef hingegen spielt auch unter den neuen Verhältnissen die zentrale Rolle.
Die Verwendung des Geldes wird offen benannt: Geländegängige Fahrzeuge, Kommunikations- und Aufklärungssysteme sowie Ausrüstung zur Drohnenabwehr sollen mit der Milliarde Rubel angeschafft werden, die Metro Russland an den Fonds „Volksfront. Alles für den Sieg!“ überwiesen hat. Die Organisation machte die Zahlung am 23. Oktober öffentlich. Ihr stellvertretender Exekutivchef Sergej Gorbunow erklärte, der Beitrag werde helfen, dringenden Ausrüstungsbedarf russischer Frontverbände zu decken.
Metro Russland ergänzte gegenüber der Wirtschaftszeitung Wedomosti, ein Teil der Summe sei für humanitäre und soziale Zwecke vorgesehen. Eine Aufschlüsselung der Beträge wurde in dem Bericht nicht genannt. Der militärische Verwendungszweck eines Teils der Zahlung steht damit ausdrücklich neben der humanitären Begründung.
Russlandchef Johannes Tholey begründete die Entscheidung mit der Stellung des Unternehmens in der russischen Wirtschaft. Als deren Bestandteil halte Metro die Beteiligung an strategischen Initiativen des Staates für wichtig, erklärte er. Die Zahlung lässt sich insofern auch als öffentliches Loyalitätssignal lesen: Die Unternehmensführung stellt sich ausdrücklich in den Dienst staatlicher Ziele.
Besondere Brisanz erhält der Vorgang durch den kurz zuvor vollzogenen Kontrollwechsel. Am 28. September hatte Präsident Wladimir Putin das russische Metro-Geschäft unter „vorübergehende Verwaltung“ gestellt. Die deutsche Metro AG erklärte daraufhin, das Eigentum an der Tochtergesellschaft verbleibe formal bei ihr, die operative Kontrolle habe sie jedoch verloren. Diese sei auf die Gesellschaft „UK Torg RUS“ übertragen worden. Nach Angaben der Konzernzentrale gehört diese Gesellschaft Tholey selbst.
Damit blieb der bisherige Russlandchef eine Schlüsselfigur, während die deutsche Muttergesellschaft ihren unmittelbaren Einfluss verlor. Die Milliardenzahlung erfolgte unter dieser neuen Kontrollstruktur. Sie ohne diese Einordnung als Spende des deutschen Metro-Konzerns darzustellen, würde die entscheidende Veränderung übergehen. Eine unmittelbare Stellungnahme der Metro AG zur Zahlung lag der Moscow Times bei Veröffentlichung ihres Berichts zunächst nicht vor.
Die Vorgeschichte wirft allerdings zusätzliche Fragen auf. Nach einem von Meduza wiedergegebenen Bericht der französischen Zeitung Le Monde soll Metro die Unterstellung unter vorübergehende Verwaltung selbst angeregt haben. Eine Quelle aus dem Umfeld Moskauer Geschäftskreise schilderte dies als Versuch, einem ungünstigeren Eingriff zuvorzukommen und bessere Bedingungen für die Zukunft des Unternehmens auszuhandeln. The Bell berichtet, eine eigene Quelle habe diese Darstellung bestätigt.
Sollte diese Schilderung zutreffen, wäre die Zustimmung zur Verwaltung als Versuch zu verstehen, unter politischem Druck einen Rest an Gestaltungsmöglichkeiten zu erhalten. Daraus folgt jedoch nicht, dass die nun bekannt gewordene Zahlung eine vereinbarte Gegenleistung war. Ein solcher Zusammenhang ist öffentlich nicht belegt. Gesichert ist die zeitliche Abfolge: Ende September wurde die Kontrolle übertragen, weniger als einen Monat später die Unterstützung des Frontfonds bekannt gegeben.
Metro ist zudem kein Einzelfall. The Bell verweist auf weitere Unternehmen unter vorübergehender Verwaltung, die Zahlungen an denselben Fonds leisteten. Das russische Geschäft des polnischen Verpackungsherstellers Can-Pack überwies demnach im Februar 500 Millionen und im März eine weitere Milliarde Rubel. Die ehemalige russische Tochter des dänischen Dämmstoffherstellers Rockwool zahlte im Februar 600 Millionen Rubel, nachdem sie im Januar unter eine neue Verwaltung gestellt worden war.
Der Fall Metro zeigt damit eine konkrete Folge der russischen Eingriffe in ausländisches Unternehmenseigentum. Der Eigentumstitel kann beim bisherigen Konzern verbleiben, während andere über die Verwendung der Mittel entscheiden. „Vorübergehend“ beschreibt dabei den Verwaltungsstatus. Für das Geld, das inzwischen zur Ausstattung russischer Frontverbände bereitgestellt wird, bietet dieser Begriff keine Rückkehrgarantie.

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