Der „geduldige Investor“ wird unruhig: Russland sucht das Geld seiner Bürger

Der „geduldige Investor“ wird unruhig: Russland sucht das Geld seiner Bürger

Russlands Wirtschaft braucht dringend neue Investitionen. Weil ausländisches Kapital weitgehend ausbleibt und der Staat seine Ausgaben nicht unbegrenzt erhöhen kann, richtet sich der Blick des Kremls zunehmend auf die Ersparnisse der eigenen Bevölkerung. Doch ausgerechnet der „größte und geduldigste Investor“ des Landes zeigt wenig Neigung, sein Geld langfristig in der russischen Wirtschaft festzulegen.

Ungewöhnlich offen sprach darüber Anton Kobjakow, Berater von Präsident Wladimir Putin, auf dem Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok. Russland verzeichne trotz westlicher Sanktionen und positiver Realzinsen weiterhin einen Kapitalabfluss. Gleichzeitig gebe es für die russischen Bürger keine ausreichend attraktiven Angebote, um ihr Geld im eigenen Land zu investieren.

Kobjakow griff damit eine Aussage Putins auf, der die Bevölkerung als wichtigsten und geduldigsten Investor Russlands bezeichnet hatte. Um einen neuen Investitionszyklus auszulösen, müsse die Regierung stabile wirtschaftliche Bedingungen schaffen. Erst dann könne sich die Wirtschaft stärker auf privates Kapital statt allein auf staatliche Ausgaben stützen. Nach Putins Darstellung ist ein solcher Investitionsschub die Voraussetzung dafür, dass Russland 2027 wieder höhere Wachstumsraten erreicht.

Die Diagnose berührt einen empfindlichen Punkt der russischen Wirtschaftspolitik. Geld ist bei der Bevölkerung durchaus vorhanden. Über Jahre haben hohe Zinsen beträchtliche Summen auf Bankkonten und kurzfristige Einlagen gelenkt. Daraus entstehen jedoch noch keine Investitionen in Fabriken, Maschinen oder neue Unternehmen. Dafür müssten die Bürger bereit sein, ihr Geld längerfristig zu binden – und darauf vertrauen, dass Eigentumsrechte, Steuern, Wechselkurse und staatliche Regeln berechenbar bleiben.

Die jüngsten Daten der Zentralbank deuten eher auf den Wunsch hin, das eigene Geld beweglich zu halten.

Das Bargeld kehrt zurück

Im zweiten Quartal 2026 sank der Anteil bargeldloser Zahlungen am russischen Einzelhandelsumsatz erstmals seit vielen Jahren. Er verringerte sich um 0,5 Prozentpunkte auf 88,4 Prozent. Rechnerisch stieg der Bargeldanteil damit von 11,1 auf 11,6 Prozent.

Das erscheint zunächst gering. Es markiert jedoch eine Trendwende: Seit 2018 war der Anteil bargeldloser Zahlungen nahezu ununterbrochen gestiegen – von damals 55,6 Prozent auf rund 88 Prozent im vergangenen Jahr.

Auch die Bargeldmenge wächst kräftig. Anfang 2025 waren Banknoten und Münzen im Wert von 18,7 Billionen Rubel im Umlauf, ein Jahr später waren es 19,7 Billionen. Zum 1. Juli 2026 erreichte der Bestand bereits 21,3 Billionen Rubel. Innerhalb eines halben Jahres kamen damit weitere 1,6 Billionen Rubel hinzu.

Die Zentralbank erklärt die Entwicklung mit einer gestiegenen Nachfrage der Bevölkerung. Bargeldlose Zahlungen nahmen zwar ebenfalls weiter zu, jedoch langsamer als Barzahlungen.

Als Gründe nennen Fachleute die wiederholten Einschränkungen des mobilen Internets. Wenn Kartenterminals, Banking-Apps und QR-Zahlungen nicht zuverlässig funktionieren, wird Bargeld zur technischen Rückversicherung. Daneben dürfte die Steuerreform kleinere Unternehmen und Selbstständige dazu bewegen, wieder häufiger Bargeld zu verlangen.

Eine weitere Erklärung betrifft die Ersparnisse selbst. Gehen die außergewöhnlich hohen Einlagenzinsen zurück, verlieren Bankdepots an Attraktivität. Ein Teil des Geldes wird abgehoben und für größere Anschaffungen, Reisen oder Reparaturen ausgegeben. Für 2026 erwarten Fachleute deshalb einen besonders starken Zuwachs der Bargeldmenge.

Weniger Karten, aber mehr Kartenzahlungen

Auf den ersten Blick passt dazu eine weitere Statistik der Zentralbank: Erstmals seit mehreren Jahren sank auch die Zahl der in Russland ausgegebenen Bankkarten. Anfang Juli waren 525,6 Millionen Zahlungs- und Kreditkarten registriert – vier Prozent weniger als drei Monate zuvor.

Von einem Rückzug der Bevölkerung aus dem bargeldlosen Zahlungsverkehr kann dennoch keine Rede sein. Nur 61 Prozent der ausgegebenen Karten wurden überhaupt aktiv genutzt. Banken dürften daher vor allem abgelaufene oder nicht mehr benötigte Mehrfachkarten aus ihren Beständen entfernt haben.

Gleichzeitig stieg die Zahl der Kartenzahlungen im zweiten Quartal um zwölf Prozent auf 17,4 Milliarden. Ihr Gesamtwert nahm um elf Prozent auf 36,3 Billionen Rubel zu. Die Russen zahlen somit weiterhin intensiv mit Karte – sie benötigen dafür lediglich weniger Karten.

Die drei Entwicklungen dürfen deshalb nicht zu einer einfachen Fluchtgeschichte verbunden werden. Mehr Bargeld bedeutet nicht automatisch, dass die Bevölkerung den Banken misstraut. Eine sinkende Zahl von Karten ist noch kein Beweis für die Abkehr vom digitalen Zahlungsverkehr. Und Kapitalabfluss ins Ausland lässt sich nicht mit Rubelbeständen in russischen Portemonnaies gleichsetzen.

Gemeinsam zeigen die Daten jedoch eine erkennbare Grundhaltung: Die Bürger nutzen das Finanzsystem für den täglichen Zahlungsverkehr, halten sich bei langfristigen Verpflichtungen aber zurück. Ihr Geld soll verfügbar bleiben – auf kurzfristigen Konten, als Bargeld oder, soweit möglich, außerhalb des Landes.

Damit ist die Aufgabe des Kremls nicht, das Geld der Bevölkerung erst zu finden. Die Regierung weiß, dass es vorhanden ist. Sie muss seine Besitzer davon überzeugen, dass es sich lohnt, dieses Geld langfristig der russischen Wirtschaft anzuvertrauen.

Kobjakows Forderung nach stabilen Bedingungen ist deshalb mehr als eine technische Empfehlung. Sie ist das Eingeständnis, dass hohe Zinsen und patriotische Appelle allein keinen Investitionszyklus erzeugen. Der „geduldige Investor“ ist noch da – aber er wird unruhig.

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