Benzin nach Talons: Auf der Krim wird Kraftstoff zur Mangelware

Benzin nach Talons: Auf der Krim wird Kraftstoff zur Mangelware

Russland ist einer der größten Ölproduzenten der Welt. Doch ausgerechnet in der selbsternannten „Energiegroßmacht“ wird Benzin in einzelnen Regionen inzwischen rationiert. Auf der annektierten Krim und in Sewastopol wurde die freie Abgabe von Kraftstoff zeitweise stark eingeschränkt. Benzin gibt es dort nur noch nach Talons oder in begrenzten Mengen.

Der Chef der russischen Krim-Verwaltung, Sergej Aksjonow, kündigte an, die freie Benzinabgabe gegen Bargeld für mehrere Tage vollständig auszusetzen. Kraftstoff werde nur noch nach bereits ausgegebenen Talons verkauft. Neue Talons gebe es nicht und werde es in nächster Zeit auch nicht geben. Nach alten Talons sollen Autofahrer bis zu 20 Liter pro Person erhalten.

Die Ausgabe soll streng kontrolliert werden. Nach Angaben Aksjonows sollen an jeder Tankstelle Beamte oder andere zuständige Vertreter Dienst tun und die Kennzeichen der Fahrzeuge erfassen. Gleichzeitig versicherte er, Rettungsdienste, Sicherheitskräfte, kommunale Dienste und der öffentliche Verkehr seien vollständig mit Kraftstoff versorgt. In den Behörden sei die Nutzung von Dienstfahrzeugen bereits „optimiert“ worden.

Auch in Sewastopol wurde die freie Benzinabgabe erneut ausgesetzt. Gouverneur Michail Raswoschajew erklärte, in der Nacht zuvor hätten Benzintransporter die Stadt nicht erreichen können. Deshalb werde Kraftstoff vorübergehend nur nach zuvor gekauften Talons abgegeben, ebenfalls mit einer Obergrenze von 20 Litern. Kommunale Dienste, Krankenwagen, Sicherheitsorgane und öffentlicher Nahverkehr hätten Vorrang.

Die Behörden sprechen von vorübergehenden logistischen Problemen und bemühen sich, Panik zu vermeiden. In Sewastopol wird zudem an einem digitalen System gearbeitet, das die Erfassung und Ausgabe von Kraftstoff an Tankstellen ordnen soll. Offiziell soll damit der Zugang „systematisiert“ und künstliche Nachfrage verhindert werden.

Tatsächlich zeigt die Lage aber, wie verwundbar die Versorgung der Krim geworden ist. Die Treibstoffprobleme bestehen nach russischen Berichten bereits seit Ende Mai. Als Ursache nennen die Behörden vor allem gestörte Lieferwege. Besonders betroffen ist die Route R-280 „Noworossija“, die über die besetzten Gebiete von Rostow am Don in Richtung Simferopol führt und für Russland ein wichtiger Landkorridor zur Krim ist. Nach ukrainischen Angriffen auf diese Verkehrsachse kam es offenbar zu Unterbrechungen bei der Belieferung.

Die Einschränkungen begannen zunächst mit einzelnen Marken und Mengenbegrenzungen. Dann wurde AI-95 vielerorts nur noch nach Talons abgegeben, AI-92 auf 20 Liter begrenzt, später wurde die freie Ausgabe weiter zurückgefahren. Auch das Betanken von Kanistern wurde eingeschränkt oder untersagt. In Sewastopol wechselten sich zeitweise kurze Entspannung und neue Beschränkungen ab.

Damit hat die Kraftstoffkrise eine symbolische Dimension. Russland exportiert Öl, verdient trotz Sanktionen weiter Milliarden mit Energie und bezeichnet sich gern als zuverlässige Energie- und Rohstoffmacht. Doch im eigenen Einflussbereich, auf der strategisch besonders wichtigen Krim, muss Benzin rationiert werden. Die „Tankstelle der Welt“ bekommt Probleme an der Zapfsäule.

Hinzu kommt, dass die Krim nicht irgendeine russische Region ist. Sie ist militärisch, politisch und propagandistisch zentral. Wenn dort Kraftstoff knapp wird, betrifft das nicht nur private Autofahrer, sondern auch Verwaltung, Logistik, Versorgung und das Bild von Kontrolle, das Moskau seit Jahren aufrechterhalten will.

Die Behörden versuchen deshalb, die Lage als kurzfristige Störung darzustellen. Doch die Kombination aus Angriffen auf Raffinerien und Transportwege, angespannten Lieferketten, wachsendem Binnenbedarf und administrativen Eingriffen zeigt, dass der russische Kraftstoffmarkt unter Druck steht. Exportverbote, Preisregulierung und Vorranglisten können Engpässe kurzfristig abfedern, lösen aber nicht die strukturelle Verwundbarkeit.

Für die Bevölkerung bleibt vorerst die praktische Frage: Wo gibt es Benzin, wie viel darf man kaufen und gilt der Talon noch? Für Moskau ist die Frage größer. Wenn ein ölreiches Land in einem militärisch sensiblen Gebiet Benzin rationieren muss, dann ist das mehr als eine regionale Panne. Es ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Krieg, Sanktionen und Logistikprobleme längst im Alltag angekommen sind.

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