14 Prozent und keine Entwarnung: Russlands Zentralbank verschiebt die Zinshoffnung

Die russische Zentralbank hält den Leitzins zum zweiten Mal hintereinander unverändert. Gleichzeitig stellt sie länger anhaltend hohe Zinsen in Aussicht. Produktionsausfälle treiben die Preise, während die Wirtschaft nur schwach wächst. Damit wird die Geldpolitik immer stärker zur Verwaltung eines wirtschaftlichen Dilemmas.

Die Zahl bleibt dieselbe, die Botschaft wird unbequemer: Russlands Zentralbank hat den Leitzins am 23. Oktober bei 14 Prozent belassen. Bereits im September hatte sie eine Pause eingelegt, nachdem sie zuvor zehnmal in Folge die Zinsen gesenkt hatte. Die Fortsetzung dieser Lockerung wird nun schwieriger.

Entscheidend ist deshalb weniger der unveränderte Zinssatz als der neue Ausblick. Für 2027 erwartet die Zentralbank jetzt einen durchschnittlichen Leitzins von 12,5 bis 13,5 Prozent. Zuvor hatte sie 10,5 bis 12,5 Prozent veranschlagt. Gleichzeitig wurde die Wachstumsprognose für das kommende Jahr von 1,5 bis 2,5 auf nur noch ein bis zwei Prozent gesenkt. Teureres Geld und schwächeres Wachstum stehen damit nebeneinander in der neuen Rechnung.

Alexander Issakow, Chefökonom von Sber und der staatlichen Entwicklungsgesellschaft WEB.RF, brachte die Verschiebung gegenüber Kommersant auf eine anschauliche Formel: Die bisherige Obergrenze sei zur Untergrenze geworden. Für Unternehmen, die auf günstigere Finanzierung hoffen, ist das eine erhebliche Veränderung ihrer Planungsgrundlage. Dabei beziehen sich die Zahlen auf den Jahresdurchschnitt; sie sind keine Zusage für den Zinssatz Ende 2027.

Der Grund für die verlängerte Zurückhaltung liegt in den Preisen. Im dritten Quartal beschleunigte sich der saisonbereinigte Preisauftrieb, auf ein Jahr hochgerechnet, auf acht Prozent. Im zweiten Quartal waren es 4,8 Prozent gewesen. Auch die entsprechend berechnete Kerninflation stieg, von 4,5 auf 6,2 Prozent. Die tatsächlich gemessene Jahresteuerung lag am 19. Oktober bei 6,8 Prozent. Diese Größen beschreiben unterschiedliche Zeiträume, zeigen aber gemeinsam, warum die Zentralbank keine Entwarnung gibt. Für das Jahresende erwartet sie inzwischen 7,1 bis 7,6 Prozent Inflation.

Hinter den Zahlen stehen zunehmend Probleme des Warenangebots. Die Zentralbank spricht von zeitweise ausgefallenen Produktionskapazitäten in einzelnen Branchen. The Bell benennt unter Berufung auf Ökonomen die konkreteren Zusammenhänge: ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien, die Verlagerung von Transportwegen infolge der Eskalation im Schwarzmeerraum und steigende Haushaltsausgaben. Damit treffen Einschränkungen des Angebots auf zusätzliche Nachfrage.

Hier liegt das wirtschaftspolitische Dilemma. Ein hoher Leitzins repariert keine Raffinerie und verkürzt keinen Transportweg. Er kann jedoch verhindern, dass sich der ursprüngliche Preisschub über zusätzliche Kreditnachfrage und steigende Inflationserwartungen weiter ausbreitet. Der Preis dafür ist eine gebremste Nachfrage – auch bei Unternehmen, die investieren müssten, um das Angebot auszuweiten.

Zentralbankchefin Elwira Nabiullina machte deutlich, warum sie die Belastung länger aufrechterhalten will. Der vorgelegte Haushalt sei sogar etwas zurückhaltender ausgefallen, als im Juli angenommen. Für sich genommen hätte dies weitere Zinssenkungen ermöglicht. Die Folgen der Produktionsausfälle könnten allerdings länger anhalten als erwartet. Hinzu kommt, dass die Anhebung der Versorgungstarife zum 1. Oktober nach vorläufiger Einschätzung stärker ausfiel als prognostiziert. Neue Rechnungen könnten die Inflationserwartungen der Haushalte zusätzlich beeinflussen.

Die Notenbank sieht dabei keineswegs einen vollständigen Stillstand der Kreditvergabe. Vor allem Unternehmenskredite wuchsen im dritten Quartal weiterhin kräftig. Gleichzeitig wurden die Banken bei der Prüfung der Kreditwürdigkeit vorsichtiger. Für einzelne Betriebe kann Finanzierung damit doppelt schwieriger werden: durch hohe Zinsen und strengere Anforderungen der Geldgeber.

Wie lange diese Politik durchgehalten werden muss, hängt auch vom Staatshaushalt ab. Issakow verweist darauf, dass beschlossene Haushaltspläne und ihre tatsächliche Umsetzung zwei verschiedene Dinge seien. Erst die Ausgabenentwicklung zu Beginn des kommenden Jahres werde deutlicher zeigen, welchen Spielraum die Zentralbank für Zinssenkungen erhält. Zugleich warnt er vor einer Geldpolitik, die zu stark auf bereits eingetretene Entwicklungen reagiert: Zinsentscheidungen wirken mit erheblicher Verzögerung. Wenn die Abkühlung unübersehbar werde, könne die Bremswirkung bereits zu weit reichen.

Die nächste Zinsentscheidung steht am 18. Dezember an. Eine Senkung ist damit nicht ausgeschlossen, aber auch nicht angekündigt. Die Zentralbank hält an ihrem Ziel fest, die Jahresinflation 2027 auf vier Prozent zurückzuführen.

Die Oktoberentscheidung zeigt, wie eng der Handlungsspielraum geworden ist: Russland braucht günstigere Finanzierung für Investitionen, während Störungen der Produktion die Preise weiter antreiben. Die Zentralbank kann diesen Widerspruch dämpfen. Beseitigen kann sie ihn mit dem Leitzins allein nicht.

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