Gazprom erklärt sich bereit, wieder mehr Gas nach Europa zu liefern, und verweist auf die Pipeline Jamal–Europa. Die Bereitschaftserklärung ist nicht neu. Sie fällt jedoch in eine Phase, in der russische Gaslieferungen offenbar wieder als Bestandteil möglicher Vereinbarungen zur Beendigung des Ukrainekriegs diskutiert werden. Einer Rückkehr stehen erhebliche politische und rechtliche Hindernisse entgegen.
Wenn Europa Interesse habe, sei Gazprom bereit. Mit dieser knappen Botschaft beantwortete Dmitri Chandoga, Generaldirektor von Gazprom Export, am Rande des Veroneser Eurasischen Wirtschaftsforums in Istanbul eine Frage nach der Wiederaufnahme von Lieferungen. Als möglichen Transportweg nannte er neben TurkStream die Pipeline Jamal–Europa. Neue Verträge, konkrete Mengen oder einen Termin für einen Neustart kündigte er dabei nicht an.
Die von Chandoga angesprochene Leitung verläuft durch Belarus und Polen nach Deutschland und besitzt eine Auslegungskapazität von rund 33 Milliarden Kubikmetern jährlich. Ihr Verweis soll zeigen: Für zusätzliche Lieferungen wäre grundsätzlich ein Transportweg vorhanden. Ob und unter welchen Voraussetzungen er wieder für russisches Gas nach Westen genutzt werden könnte, beantwortet die Erklärung nicht.
Schon im Dezember 2022 hatte der russische Vizepremier Alexander Nowak die Wiederaufnahme von Lieferungen über Jamal–Europa ins Gespräch gebracht. Er bezeichnete den europäischen Markt damals als weiterhin relevant und die Unterbrechung als politisch bedingt. Die heutige Erklärung setzt damit eine bekannte Argumentation fort: Russland könne liefern, sobald die politischen Voraussetzungen geschaffen würden.
Neu ist vor allem der diplomatische Zusammenhang. Nach einem Bericht der New York Times, den die Deutsche Welle am 18. Oktober aufgriff, haben die amerikanischen Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner gegenüber europäischen und ukrainischen Gesprächspartnern eine erneute Ausweitung russischer Pipelinegaslieferungen vorgeschlagen. Die Aussicht auf zusätzliche Einnahmen solle Russland einen wirtschaftlichen Anreiz zur Beendigung des Krieges bieten. Europäische Vertreter reagierten dem Bericht zufolge skeptisch. Eine Einigung ist damit nicht verbunden.
Chandogas Äußerung passt in diese Debatte. Ob sie mit den amerikanischen Vorschlägen abgestimmt ist, lässt sich aus den vorliegenden Berichten nicht ableiten. Politisch hält sie jedoch eine Option präsent, die Moskau seit Langem vertritt: eine Wiederbelebung der Energiebeziehungen trotz der weitreichenden Entflechtung seit 2022.
Gazprom verbindet die Lieferbereitschaft zudem mit einer Kritik an der heutigen europäischen Gasversorgung. Auf demselben Forum beanstandete Chandoga die staatlichen Vorgaben zur Speicherbefüllung und die stärkere Abhängigkeit vom globalen Flüssiggasmarkt. Als Gegenmittel empfahl er langfristige Pipelineverträge. Der Konzern wirbt damit für die Rückkehr zu seinem früheren Geschäftsmodell und stellt dieses als stabilisierende Alternative dar. Ein konkretes Preisangebot folgt daraus nicht.
Dem steht inzwischen europäisches Recht entgegen. Die EU hat den schrittweisen Ausstieg aus russischen Gasimporten beschlossen. Für langfristige Verträge endet die Übergangsfrist bei Flüssiggas am 1. Januar 2027 und bei Pipelinegas grundsätzlich am 30. September 2027. Unter bestimmten Voraussetzungen im Zusammenhang mit der Speicherbefüllung kann sich die letzte Frist bis zum 1. November verschieben. Eine dauerhafte Rückkehr zu umfangreichen russischen Lieferungen würde deshalb eine Änderung dieses Rechtsrahmens erfordern.
Auch bei Jamal–Europa reicht der Hinweis auf vorhandene Infrastruktur nicht aus. Zur Vorgeschichte gehört neben dem Streit über die von Moskau verlangte Rubelzahlung eine russische Sanktionsentscheidung: Im Mai 2022 belegte Russland EuRoPol Gaz, den Eigentümer des polnischen Leitungsabschnitts, mit Sanktionen. Gazprom erklärte daraufhin, diesen Transportweg nicht mehr nutzen zu können. Die Unterbrechung lässt sich deshalb nicht allein als Folge mangelnden europäischen Kaufinteresses beschreiben.
Die politische Wirkung der neuen Erklärung liegt gerade in dieser Vereinfachung. Mit der Formel, Europa müsse nur Interesse zeigen, präsentiert sich Gazprom als verfügbarer Lieferant. Fragen nach Transportbedingungen, vertraglicher Verlässlichkeit und den Gründen des europäischen Ausstiegs treten dabei in den Hintergrund.
Für Moskau bietet die Debatte eine Gelegenheit, wirtschaftliche Interessen europäischer Abnehmer erneut anzusprechen. Für die EU stellt sich dagegen die Frage, welchen Stellenwert ihr beschlossener Ausstieg hätte, wenn russische Energieexporte Bestandteil einer diplomatischen Vereinbarung würden. Die amerikanischen Vorschläge berühren damit eine Entscheidung, deren wirtschaftliche und sicherheitspolitische Folgen vor allem Europa tragen müsste.
Bislang ist weder eine Pipeline wieder geöffnet noch ein neuer Liefervertrag bekanntgegeben worden. Gazprom hat seine Bereitschaft signalisiert. Ob daraus ein Geschäft wird, entscheidet sich an Verhandlungstischen und in europäischen Gesetzgebungsverfahren – nicht allein am Ventil einer vorhandenen Leitung.

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