Wladimir Putin wirbt für einen neuen Investitionszyklus in Russland. Von Kommersant FM befragte Unternehmer verweisen dagegen auf schwache Nachfrage, hohe Finanzierungskosten und immer kürzere Planungshorizonte. Ein IT-Unternehmer nennt ausdrücklich auch den Krieg als Investitionsrisiko.
Langfristige Investitionen in Innovation, Logistik, Industrie und Tourismus sollen Russlands Wirtschaft voranbringen. Auf dem Kongress des Unternehmerverbands Delowaja Rossija sprach sich Präsident Wladimir Putin dafür aus, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Zu den diskutierten Vorschlägen gehört ein Ökosystem für langfristige Finanzmittel, an dessen Entwicklung Regierung und Zentralbank mitwirken könnten.
Doch zwischen dem politischen Ziel und der Investitionsbereitschaft der Unternehmen liegt eine Reihe ungelöster Probleme. Drei von Kommersant FM befragte Wirtschaftsvertreter äußerten erhebliche Zweifel daran, dass die angekündigten Ansätze unter den derzeitigen Bedingungen einen neuen Aufschwung auslösen können. Ihre Aussagen sind keine repräsentative Bestandsaufnahme. Sie zeigen jedoch, welche Voraussetzungen aus Sicht einzelner Unternehmen fehlen.
Alexej Smirnow, Verwaltungsratsvorsitzender des Softwareunternehmens Basalt SPO, setzt bei der Nachfrage an. Diese sei infolge der allgemeinen Wirtschaftslage gesunken. Unternehmen benötigten Geld, hätten aber weniger Möglichkeiten, es selbst zu erwirtschaften. Investoren orientierten sich daran, ob sie eine günstige Marktentwicklung erwarten könnten. Ohne wirtschaftlichen Aufschwung seien deshalb kaum Investitionen zu erwarten.
Smirnow benennt zudem ein Risiko, das über Kreditkonditionen hinausgeht: Russland befinde sich im Krieg und sei damit ein Ort für vergleichsweise riskante Investitionen. Hinzu komme die Notwendigkeit relativ günstiger Kredite. Seine Argumentation macht deutlich, dass längere Finanzierungslaufzeiten allein das Problem nicht lösen würden. Auch Absatzchancen und die Einschätzung künftiger Risiken beeinflussen die Entscheidung, Kapital langfristig zu binden.
Dmitri Matwejew, Gründer und Präsident der Unternehmensgruppe Kabosh, fordert eine aktive Rolle des Staates. In einer Reihe von Branchen sei internationale Wettbewerbsfähigkeit ohne staatliche Unterstützung nicht erreichbar. Schon gegenüber chinesischen Unternehmen sei der Wettbewerb schwierig. Gleichzeitig hält er langfristige Investitionen bei den gegenwärtigen Zinssätzen für unrealistisch. Staatliche Hilfe und bezahlbare Finanzierung erscheinen in seiner Darstellung als Voraussetzungen für Wachstum und den Einstieg in Exportmärkte.
Noch grundsätzlicher fällt die Einschätzung aus dem Logistikunternehmen Optimalog aus. Dort wird bezweifelt, dass angekündigte Maßnahmen den Mittelstand und größere Unternehmen außerhalb von Konzernstrukturen überhaupt erreichen. Investitionsprojekte benötigten lange Vorlaufzeiten, während sich der Planungshorizont verkürzt habe. Zusätzliche steuerliche und andere Belastungen verschärften die Lage. Für viele Unternehmen gehe es deshalb eher ums Überleben als um neue langfristige Projekte, lautet die zugespitzte Einschätzung.
Eine andere Szene desselben Forums illustriert, wie konkret die Hindernisse im Unternehmensalltag sein können. Dmitri Tarassewitsch von der Unternehmensgruppe Tarkos schlug vor, Groß- und Einzelhändlern einen besseren Datenaustausch über das Warenkennzeichnungssystem „Tschestny Snak“ zu ermöglichen. Putin fragte, was sie bereits heute daran hindere. Der Unternehmer verwies auf eine Regierungsverordnung, die das Verfahren regle.
Putin antwortete, in Russland sei alles erlaubt, was nicht verboten sei. Nachdem ihm die bestehenden Vorgaben erläutert worden waren, plädierte er erneut für eine einfachere Handhabung. Eine beschlossene Änderung der Regeln geht aus dem Bericht darüber allerdings nicht hervor.
Der Vorgang betrifft ein anderes Problem als die Finanzierung großer Projekte. Er zeigt aber ebenfalls, dass ein grundsätzliches Bekenntnis zu unternehmerischer Initiative die konkreten Bedingungen noch nicht verändert. Für die Firmen zählt, ob Informationen tatsächlich zugänglich werden, Verfahren einfacher funktionieren und Investitionen wirtschaftlich kalkulierbar sind.
Staatliche Finanzierung kann Projekte ermöglichen, und Investitionen können ihrerseits Wachstum erzeugen. Die Einwände der befragten Unternehmer widerlegen diese Möglichkeiten nicht. Sie machen jedoch deutlich, woran sich die angekündigten Maßnahmen messen lassen müssen: an tragfähigen Finanzierungskosten, erreichbaren Absatzmärkten und verlässlichen Bedingungen über die Laufzeit eines Projekts. Langfristiges Geld allein schafft noch keinen langfristigen Planungshorizont.

Kommentare