Russlands Getreide: Große Ernte, stockender Export, fallende Preise

Russlands Getreide: Große Ernte, stockender Export, fallende Preise

Russland erzeugt deutlich mehr Getreide, als es im Inland verbraucht. Doch Anfang Oktober brachen die Ausfuhren über die Häfen ein. Gleichzeitig sinken die Ankaufspreise bei den Produzenten. Für die Landwirtschaft wird damit die Frage dringlicher, wie sich die Ernte wirtschaftlich absetzen lässt.

Eine hohe Getreideproduktion gilt als Zeichen erfolgreicher Landwirtschaft. Sie sichert aber noch keine ausreichenden Einnahmen. Wenn sich die Ernte weder im Inland noch über den Export zu tragfähigen Preisen vermarkten lässt, geraten Betriebe trotz voller Lager unter Druck.

Zwei aktuelle Meldungen beleuchten dieses Spannungsfeld aus unterschiedlichen Richtungen: eine Versorgungsbilanz für das vergangene Jahr und ein Bericht über die jüngsten Exportprobleme.

Deutlich mehr Produktion als Inlandsverbrauch

Nach Angaben von Rosstat, über die Kommersant am 13. Oktober unter Berufung auf RIA Nowosti berichtet, lag Russlands Getreideproduktion 2025 um 72,7 Prozent über dem Inlandsverbrauch. Der Selbstversorgungsgrad erreichte damit 172,7 Prozent.

Die Zahl bezieht sich ausdrücklich auf das vergangene Jahr. Sie ist weder eine Bilanz der Ernte 2026 noch eine Angabe über gegenwärtig unverkaufte Bestände. In 47 russischen Regionen übertraf die Produktion den jeweiligen Eigenbedarf. Besonders hohe Selbstversorgungsgrade meldete die Statistik für Karatschai-Tscherkessien und die Region Stawropol.

Rechnerisch entspricht die Differenz zwischen Produktion und Inlandsverbrauch rund 42 Prozent der erzeugten Menge. Daraus folgt jedoch nicht, dass dieser Anteil liegen geblieben ist. Für einen großen Getreideexporteur gehört die Produktion über den Eigenbedarf hinaus zum Geschäftsmodell. Ob daraus ein problematischer Überschuss wird, hängt insbesondere von den Ausfuhren und der Entwicklung der Lagerbestände ab.

Schwacher Auftakt im Oktober

Die jüngsten Exportzahlen zeigen allerdings erhebliche Schwierigkeiten. Nach dem Monitoring des russischen Getreideverbands wurden vom 1. bis 10. Oktober über russische Häfen 436.000 Tonnen Getreide ausgeführt. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 2,3 Millionen Tonnen gewesen, berichtet Interfax. Der Rückgang beträgt damit rechnerisch rund 81 Prozent.

Bei Weizen sanken die Hafenverladungen von zwei Millionen auf 427.400 Tonnen. Zugleich ging die Zahl der belieferten Länder von 21 auf zwölf zurück.

Ein vollständiger Wegfall der Nachfrage lässt sich daraus nicht ableiten. Die Lieferungen nach Algerien nahmen zu, nach Vietnam wurden sie wieder aufgenommen. Die Analystin des Getreideverbands Jelena Tjurina verweist vor allem auf Exportbeschränkungen und die Suche nach neuen Transportwegen. Die Anpassung der Lieferketten brauche Zeit.

Nach ihren Angaben sanken die erfassten Ankaufspreise für Weizen bei russischen Produzenten bis zum 10. Oktober auf 8.500 Rubel je Tonne. Anfang des Monats waren es noch 8.625 Rubel gewesen.

Die Daten umfassen lediglich die ersten zehn Oktobertage. Sie dürfen deshalb nicht auf die gesamte Exportsaison hochgerechnet werden. Dennoch verdeutlichen sie, wie schwach der Abfluss über die Häfen zuletzt war.

Der Absatz entscheidet über den Wert der Ernte

Aus Sicht der Landwirte ist nicht allein entscheidend, ob irgendwo auf der Welt Nachfrage besteht. Sie müssen ihre Erzeugnisse zu Bedingungen verkaufen können, die Transport, Lagerung und Produktion wirtschaftlich abdecken.

Stockt der Export, kann mehr Getreide auf dem Binnenmarkt verbleiben und dort den Preisdruck verstärken. Ein Betrieb steht dann vor der Wahl, ein niedrigeres Angebot anzunehmen oder auf bessere Bedingungen zu warten. Doch auch das Warten kostet: Lagerhaltung bindet Kapital, während Ausgaben für Kredite, Betriebsmittel und die nächste Aussaat weiterlaufen.

Das ist der wirtschaftliche Kern der Sorge, die Ernte werde keine Käufer finden. Präziser geht es darum, ob ausreichend Getreide rechtzeitig und zu tragfähigen Preisen abgesetzt werden kann. Wie groß die derzeit unverkauften Bestände sind und wie viele Betriebe bereits unter ihren Produktionskosten verkaufen, lässt sich aus den genannten Meldungen nicht bestimmen.

Exportwerte und Getreidemengen sind verschiedene Größen

Der schwache Oktoberauftakt steht nicht zwangsläufig im Widerspruch zu gestiegenen russischen Außenhandelswerten in den ersten acht Monaten des Jahres. Die Statistiken betreffen unterschiedliche Zeiträume, Warengruppen und Messgrößen.

Ein höherer Dollarwert der gesamten Ausfuhren sagt wenig darüber aus, wie viele Tonnen Getreide Wochen später die Häfen verlassen. Ebenso kann eine gute Produktionsbilanz mit schlechteren Absatzbedingungen zusammenfallen.

Russlands Landwirtschaft steht damit vor einem Problem, das sich durch eine große Ernte allein nicht lösen lässt. Hohe Erträge sichern das Angebot. Ob daraus Einnahmen für die Betriebe werden, entscheidet sich beim Verkauf und auf dem Weg zum Kunden.

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