In Russlands Großstädten verschwinden Schmuckgeschäfte, während Pfandhäuser zulegen. Bauunternehmen geraten häufiger in Insolvenzverfahren, zugleich steigen die Löhne in Tourismus und Gastronomie kräftig. Vier Meldungen zeigen, wie unterschiedlich sich wirtschaftlicher Druck bemerkbar macht – und warum Wachstum nicht überall ein Zeichen von Wohlstand ist.
Gold lässt sich kaufen, verschenken oder beleihen. Welche dieser Möglichkeiten gerade besonders gefragt ist, erzählt etwas über die wirtschaftliche Stimmung. Zwei aktuelle Meldungen aus Russland ergeben dazu ein anschauliches Bild: Während das Netz der Juweliere schrumpft, wächst das der Pfandhäuser.
Nach Angaben der Zeitung Kommersant sank die Zahl der Schmuckgeschäfte und Werkstätten in den 16 größten russischen Städten bis September 2026 binnen eines Jahres um 4,5 Prozent auf rund 7.900. Gleichzeitig nahm die Zahl der Pfandhäuser in den Millionenstädten um sechs Prozent auf etwa 3.800 zu. Weniger Verkaufsstellen für Schmuck, mehr Anlaufstellen für einen Kredit gegen Wertgegenstände: Die beiden Entwicklungen passen auffällig zusammen.
Allerdings wäre es voreilig, daraus unmittelbar eine allgemeine Verarmung abzuleiten. Die Zahl der Geschäfte misst weder die Kaufkraft aller Haushalte noch die Motive ihrer Kunden. Im Schmuckhandel verändern höhere Edelmetallpreise und der Onlinevertrieb das Geschäft. Bereits im Frühjahr berichtete Kommersant von rückläufigen Stückverkäufen und einer stärkeren Orientierung auf preisgünstigere Silberwaren. Ein steigender Umsatz in Rubel kann dabei durchaus mit weniger verkauften Schmuckstücken einhergehen.
Auch das Wachstum der Pfandhäuser hat mehrere mögliche Ursachen. Wer bei einer Bank oder einem Mikrofinanzierer schwerer an Geld kommt, kann auf einen besicherten Pfandkredit ausweichen. Eine im Juli von Kommersant vorgestellte Prognose der Ratingagentur Expert RA sah gerade in regulatorischen Einschränkungen für diese konkurrierenden Kreditgeber eine Wachstumschance für die Pfandbranche. Der Erfolg eines Finanzdienstleisters kann also auch anzeigen, dass sich die Möglichkeiten seiner Kunden verengen.
Ein zweites Gegensatzpaar liefern die Bauwirtschaft und der Arbeitsmarkt. Laut einer weiteren Meldung von Kommersant, die sich auf das Analyseunternehmen Kontur.Fokus stützt, stieg die Zahl der Insolvenzverfahren gegen Bauunternehmen binnen eines Jahres um 41 Prozent. Verfahren sind dabei nicht mit bereits abgeschlossenen Pleiten gleichzusetzen. Gleichwohl deutet ihre Zunahme auf wachsenden finanziellen Druck in der Branche hin.
Am selben Tag berichtete Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow von kräftigen Lohnsteigerungen: In Tourismus und Gastronomie nähmen die Gehälter jährlich um 25 Prozent zu. Diese Bereiche gehörten damit zu den Spitzenreitern bei der Lohndynamik. Der Minister lieferte die Einschränkung allerdings gleich mit: In absoluten Zahlen bleibe die Bezahlung niedrig.
Als Treiber nannte Reschetnikow den Wettbewerb um Beschäftigte. Im Tourismus fehlten bis zu 20 bis 25 Prozent des benötigten Personals. Bis 2030 werde die Branche mehr als 300.000 Fachkräfte benötigen. Digitalisierung und Robotisierung würden diesen Bedarf nach seiner Einschätzung nicht beseitigen.
Für Beschäftigte kann eine stärkere Verhandlungsposition mehr Einkommen bedeuten. Für Unternehmen bedeutet dieselbe Entwicklung höhere Kosten. Eine Lohnsteigerung von 25 Prozent ist zudem eine nominale Angabe; wie viel zusätzliche Kaufkraft daraus entsteht, hängt von der Preisentwicklung ab. Und ein hoher prozentualer Zuwachs von einer niedrigen Ausgangsbasis macht aus einem schlecht bezahlten Beruf noch keinen gut bezahlten.
So können steigende Löhne und wirtschaftliche Schwierigkeiten gleichzeitig auftreten. Unternehmen müssen mehr bieten, um Personal zu gewinnen oder zu halten, ohne dass ihre Produktivität oder ihre Erträge im gleichen Maß steigen. Ebenso führt eine Insolvenz in einer Branche nicht automatisch dazu, dass andernorts alle offenen Stellen besetzt werden. Qualifikation, Wohnort und Arbeitsbedingungen müssen zusammenpassen. Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Bauinsolvenzen und dem Personalmangel im Tourismus belegen die Meldungen nicht.
Zusammen ergeben die vier Nachrichten deshalb keine Bilanz der gesamten russischen Wirtschaft, wohl aber ein Bild ihrer Spannungen. Schmuckhändler verlieren Standorte, Pfandhäuser gewinnen welche; Bauunternehmen geraten unter Druck, Dienstleistungsbetriebe müssen um Arbeitskräfte konkurrieren. Entscheidend ist jeweils, was hinter einer steigenden Zahl steht. Mehr Lohn kann Knappheit anzeigen, mehr Geschäft auch Geldnot. Nicht jedes Plus ist eine gute Nachricht.

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