Rosstat will die Berechnung der russischen Wirtschaftsleistung schrittweise auf einen neuen internationalen Standard umstellen. Dabei sollen längerfristig genutzte Daten als Vermögenswerte erfasst werden. Zugleich soll der Verbrauch natürlicher Ressourcen stärker in die volkswirtschaftliche Bilanz eingehen. Ein höheres ausgewiesenes Bruttoinlandsprodukt wäre deshalb noch kein Zeichen zusätzlichen Wohlstands.
Die russische Statistikbehörde Rosstat bereitet die Einführung des Systems der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen SNA 2025 vor. Wesentliche konzeptionelle Änderungen sollen bis Ende des Jahrzehnts umgesetzt werden, der gesamte Übergang ist bis 2035 vorgesehen. Nach Angaben der Behörde soll die Reform wirtschaftliche Entwicklungen genauer abbilden und den Blick auf Wohlbefinden und Nachhaltigkeit erweitern. Darüber berichtet das russische Wirtschaftsblatt Expert.
Es handelt sich um einen internationalen Methodenwechsel. Die UN-Statistikkommission verabschiedete SNA 2025 bereits im vergangenen Jahr als Nachfolger des Standards von 2008. Zu den Schwerpunkten gehören Digitalisierung, Globalisierung sowie eine bessere statistische Erfassung von Faktoren, die Wohlbefinden und Nachhaltigkeit beeinflussen.
Eine wichtige Neuerung betrifft Daten. Ausgaben für ihre Sammlung, Verarbeitung und Speicherung sollen unter bestimmten Voraussetzungen als Investitionen gelten: Die Daten müssen länger als ein Jahr in der Produktion eingesetzt werden und künftig wirtschaftlichen Nutzen bringen. Solche Aufwendungen werden damit teilweise aus dem laufenden Verbrauch in den Aufbau von Vermögen verschoben.
Nach Einschätzung des Ökonomen Wladimir Jerjomkin von der russischen Präsidialakademie RANHiGS wird diese Erweiterung der erfassten Vermögenswerte das nominal ausgewiesene BIP erhöhen. Auch die Branchenanteile könnten sich verändern. Bereiche, die intensiv Daten und geistiges Eigentum nutzen, würden statistisch stärker ins Gewicht fallen – etwa Finanzwirtschaft, IT, Wissenschaft und öffentliche Verwaltung. Eine Größenordnung für Russland nennt seine Analyse bei Expert nicht.
Eine solche Neubewertung schafft im Augenblick der Umstellung keine zusätzlichen Güter oder Dienstleistungen. Sie verändert zunächst die statistische Erfassung bereits stattfindender Tätigkeiten. Für Aussagen über das Wirtschaftswachstum bleibt deshalb entscheidend, dass die verglichenen Zeiträume nach einer einheitlichen Methode berechnet werden.
Für Russland als großen Rohstoffproduzenten ist ein zweiter Aspekt besonders relevant: die Berücksichtigung der Erschöpfung natürlicher Ressourcen beim Nettoinlandsprodukt. Diese Kennzahl berücksichtigt im Unterschied zum Bruttoinlandsprodukt den Verbrauch wirtschaftlicher Substanz. Nach Jerjomkins Darstellung soll künftig auch der Abbau natürlicher Ressourcen deutlicher als Kostenfaktor erscheinen.
Die Förderung von Erdöl erzeugt Wertschöpfung, verringert aber gleichzeitig die verfügbaren Ölvorräte. Eine Rechnung, die beide Seiten sichtbar macht, erlaubt eine andere Bewertung als der alleinige Blick auf die laufende Produktion.
Jerjomkin erwartet deshalb ein niedrigeres Nettoinlandsprodukt. Wie stark dieser zusätzliche Abzug wirkt und ob er andere, erhöhende Änderungen insgesamt überwiegt, lässt sich ohne Berechnungen jedoch nicht bestimmen. Ein methodisch niedrigerer Wert wäre zudem nicht mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorjahr gleichzusetzen.
Die Reform könnte Russlands Wirtschaft somit aus zwei Perspektiven neu beleuchten: Digitale Vermögenswerte würden umfassender erfasst, der Verbrauch natürlicher Vorräte deutlicher berücksichtigt. Ob die Bevölkerung besser lebt, lässt sich aus einer veränderten BIP-Zahl allein weiterhin nicht ablesen.

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