Russlands Stahlverbrauch könnte 2026 um vier bis elf Prozent sinken. Die schwache Baukonjunktur belastet die Branche, während hohe Finanzierungskosten neue Investitionen bremsen. Infrastrukturprojekte und Maschinenbau sollen den Rückgang abfedern. Als mögliche Absatzquelle gilt inzwischen auch der Wiederaufbau von Lagerhallen nach Drohnenangriffen.
Die von der Wirtschaftszeitung Kommersant befragten Analysten unterscheiden sich im Ausmaß ihrer Prognosen, stimmen aber in der Richtung überein: Russlands Stahlmarkt schrumpft. Dmitri Orechow von der Ratingagentur NKR erwartet für 2026 einen Verbrauchsrückgang um acht bis elf Prozent auf 34 bis 35 Millionen Tonnen. Ahmed Alijew von T-Investitionen rechnet mit einem Minus von vier bis sieben Prozent, Investmentanalyst Boris Krasnoschenow mit fünf bis sieben Prozent.
Auch die Produktionszahlen zeigen nach unten. Nach Angaben des von Kommersant zitierten Analysten Wladimir Tschernow von Freedom Global sank die Herstellung von Fertigwalzprodukten im ersten Halbjahr um 6,6 Prozent, die von Metallkonstruktionen um fast neun Prozent. Diese Zahlen beschreiben die Produktion; die Prognosen für das Gesamtjahr beziehen sich dagegen auf den Verbrauch.
Entscheidend ist die Schwäche der Bauwirtschaft, auf die dem Bericht zufolge mehr als 70 Prozent der Stahlnachfrage entfallen. Tschernow verweist auf Rosstat-Daten, wonach der Bausektor im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 9,7 Prozent zurückging. Auslaufende Großprojekte, zweistellige Zinsen und erschwerte Bedingungen für Immobilienkredite belasten das Geschäft.
Die Automobilindustrie kann diese Lücke bislang nicht schließen. Eine stärkere Fertigung im Inland erhöht zwar grundsätzlich den Bedarf an Flachstahl. Teure Kredite bremsen jedoch zugleich den Fahrzeugabsatz.
Damit wächst die Bedeutung staatlicher Aufträge. Kommersant verweist auf einen Straßenbauplan bis 2031 mit einer föderalen Finanzierung von 9,1 Billionen Rubel sowie auf mehr als 280 Großprojekte eines Infrastrukturplans bis 2036. Die genannten Mittel verteilen sich also über mehrere Jahre. Straßen, Brücken, Energieanlagen und kommunale Infrastruktur sollen vor allem die Nachfrage nach Bewehrungsstahl und Trägern stützen.
Hinzu kommen Schwermaschinenbau und Schiffbau, darunter Eisbrecher und Tanker sowie der Ersatz importierter Komponenten für Verkehr und Energiewirtschaft. Nach Einschätzung der befragten Experten reichen diese Bereiche allerdings nur aus, um den Rückgang im privaten und gewerblichen Bau teilweise auszugleichen.
Eine weitere Nachfragequelle ergibt sich aus den Folgen des Krieges. Nach Berechnungen von IBC Global wurden zwischen dem 18. Juli und dem 4. September durch Drohnenangriffe in Russland elf Logistikobjekte mit insgesamt 1,37 Millionen Quadratmetern Fläche außer Betrieb gesetzt. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sämtliche Flächen vollständig zerstört wurden.
Für den Wiederaufbau und die Sicherung von Lagerhallen sehen einzelne Berater dennoch erheblichen Stahlbedarf. Maxim Schaposchnikow vom Fondsmanager Industrial Code schätzt den möglichen Bedarf für den Ersatz von rund 1,4 Millionen Quadratmetern Lagerfläche auf etwa 150.000 bis 200.000 Tonnen Walzstahl. Schutzkonstruktionen für bestehende Lager könnten nach seiner Modellrechnung weitere Aufträge über 750.000 bis 900.000 Tonnen ermöglichen. Dabei handelt es sich um ein rechnerisches Potenzial, nicht um bereits vergebene Aufträge.
Beim Stahlkonzern Severstal fällt die Einschätzung zurückhaltender aus. Wiktor Romanowski, Direktor von Severstal Seti, hält den Einfluss der Lagerinfrastruktur auf den gesamten Stahlverbrauch wegen des vergleichsweise geringen Metallbedarfs für unbedeutend. Volkswirtschaftlich kommt hinzu: Der Ersatz beschädigter Anlagen stellt zunächst verlorene Kapazitäten wieder her.
Eine moderate Markterholung erwarten die Analysten frühestens 2027. Ihre Prognosen liegen zwischen zwei und fünf Prozent Wachstum – unter der Voraussetzung günstigerer Kredite und wieder anlaufender Investitionen. Nach Einschätzung von NKR würde der Verbrauch auch dann deutlich unter dem Niveau von 2023 bleiben. Für die Stahlindustrie geht es vorerst darum, den Nachfrageschwund abzufedern.

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