Russlands Präsident Wladimir Putin hat den Rückgang der Investitionen und die schwache Konjunktur als weitgehend beabsichtigte Folgen der Inflationsbekämpfung dargestellt. Auf dem Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok verteidigte er zugleich die weiterhin hohen Zinsen der Zentralbank und bezeichnete das stark angewachsene Haushaltsdefizit als „nicht kritisch“.
Regierung und Zentralbank gelinge es bislang, wirtschaftspolitisch „zwischen Skylla und Charybdis“ hindurchzusteuern, sagte Putin. Einerseits müsse die Inflation gesenkt werden, andererseits dürfe die Wirtschaft nicht zu stark abgekühlt werden. Nach seinen Angaben liegt die Teuerungsrate derzeit bei 6,3 Prozent. Die Gefahr eines wesentlich stärkeren Inflationsschubs habe bestanden, sei aber abgewendet worden.
Putin räumte ausdrücklich ein, dass die Investitionen in Russland zuletzt gesunken seien. Dies sei jedoch vor allem die Folge der „bewusst betriebenen Politik“ von Regierung und Zentralbank zur Eindämmung der Inflation. Die hohen Zinsen seien daher keine Fehlentwicklung, sondern Bestandteil einer notwendigen Stabilisierungspolitik. Eine zusätzliche Versorgung der Wirtschaft mit billigem Geld wäre nach seinen Worten gefährlich, weil sie die Inflation erneut beschleunigen könnte. Bei zweistelligen Inflationsraten seien langfristige Investitionsplanungen kaum möglich, argumentierte der Präsident.
Investitionen brechen real um fast zehn Prozent ein
Die tatsächliche Größenordnung des Rückgangs ist allerdings beträchtlich. Nach den jüngsten Rosstat-Daten sanken die Investitionen in Sachanlagen im ersten Halbjahr 2026 real um 9,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im ersten Quartal hatte der Rückgang 14,3 Prozent betragen, im zweiten Quartal noch 6,6 Prozent. Nominal wurden zwar rund 16,2 Billionen Rubel investiert – etwa zwei Prozent mehr als im Vorjahr –, doch die deutlich gestiegenen Preise für Investitionsgüter machten diesen Zuwachs mehr als zunichte.
Es handelt sich zudem nicht lediglich um eine kurze Delle. Bereits 2025 waren die Investitionen um 2,3 Prozent zurückgegangen. Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow erwartet eine Rückkehr zum Wachstum inzwischen erst für 2028; selbst für 2027 seien die Erwartungen zurückhaltend. Damit könnte sich die Investitionspause über drei Jahre erstrecken. Reschetnikow äußerte sich dazu am Rande des Wirtschaftsforums.
Putin bezeichnete private Investitionen dennoch als wichtiger als staatliche und forderte bessere Bedingungen für Unternehmen. Bürokratische Hürden, zusätzliche Kontrollen und übermäßige Aufsicht müssten abgebaut werden. Es sei widersinnig, einerseits Steuervergünstigungen zu gewähren und andererseits „die Schrauben anzuziehen“. Steuer- und Zollvorteile sowie staatliche Infrastrukturhilfen allein reichten nicht aus, um mehr unternehmerische Aktivität auszulösen. Putins Forderung nach weniger Bürokratie gehört allerdings seit Jahren zum Repertoire seiner Wirtschaftsreden.
Zwischen dem gewünschten Vorrang privater Investitionen und der aktuellen Geldpolitik besteht ein kaum auflösbarer Widerspruch: Der Staat erwartet, dass Unternehmen investieren, während Kredite teuer bleiben und die Nachfrage nachlässt. Die Zentralbank hatte den Leitzins im Juli lediglich von 14,25 auf 14 Prozent gesenkt. Putin verteidigte dieses Niveau ausdrücklich als bewusste Entscheidung zur Sicherung der makroökonomischen Stabilität. Eine zu lockere Geldpolitik lehnte er ab.
Weniger Wachstum, aber weiterhin zu viel Inflation
Die jüngsten Konjunkturdaten illustrieren Putins Bild von Skylla und Charybdis. Nach einer nachträglichen Korrektur stagnierte die russische Industrieproduktion im ersten Halbjahr vollständig. Von Januar bis Juli lag ihr Zuwachs bei lediglich 0,1 Prozent. Gleichzeitig stieg der private Verbrauch um 4,8 Prozent. Produktion und Nachfrage entwickeln sich damit zunehmend auseinander. Kommersant spricht von „weniger Wachstum und mehr Inflation“.
Die von der Zentralbank befragten Ökonomen senkten ihre Wachstumsprognose für 2026 nochmals von 0,6 auf 0,5 Prozent. Gleichzeitig erhöhten sie ihre Inflationserwartung von 6,2 auf 6,6 Prozent. Für 2027 rechnen sie nur mit 1,2 Prozent Wachstum. Der erwartete Aufschwung wird damit immer weiter in die Zukunft verschoben.
Putins Warnung vor einer Überhitzung trifft insofern auf eine Wirtschaft, die kaum noch wächst, deren Inflation aber weiterhin deutlich über dem Zielwert von vier Prozent liegt. Die Zentralbank kann deshalb die Zinsen nicht rasch senken, ohne einen erneuten Preisschub zu riskieren. Bleiben die Zinsen hoch, geraten Investitionen, Bauwirtschaft und kreditabhängige Unternehmen weiter unter Druck.
Ein niedriges, aber teures Staatsdefizit
Auch das Haushaltsdefizit versuchte Putin zu relativieren. Defizite und Überschüsse kämen in Wellen; entscheidend sei, die vorhandenen Mittel vernünftig einzusetzen. Weil Russland im internationalen Vergleich weiterhin eine niedrige Staatsverschuldung habe, sei das aktuelle Defizit „nicht kritisch“. Putin zeigte sich überzeugt, dass das Problem gelöst werde.
Tatsächlich ist Russlands Schuldenquote mit weniger als 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts niedrig. Die laufende Haushaltsentwicklung fällt jedoch deutlich ungünstiger aus als geplant. Von Januar bis Juli entstand ein Defizit von 6,455 Billionen Rubel beziehungsweise 2,8 Prozent des BIP. Vorgesehen waren für das gesamte Jahr lediglich 3,786 Billionen Rubel oder 1,6 Prozent des BIP. Die Einnahmen stiegen in den ersten sieben Monaten um 8,8 Prozent auf 22,1 Billionen Rubel, die Ausgaben jedoch um 14,5 Prozent auf 28,6 Billionen Rubel. Das Finanzministerium führt einen Teil der Lücke auf vorgezogene Zahlungen und die frühzeitige Finanzierung staatlicher Aufträge zurück.
Niedrige Schulden bedeuten zudem nicht automatisch billige Schulden. Wegen des hohen Zinsniveaus sollen 2026 rund 3,9 Billionen Rubel oder knapp neun Prozent der föderalen Ausgaben allein für den Schuldendienst verwendet werden. Im Juli setzte das Finanzministerium die Ausgabe neuer Staatsanleihen zeitweise aus, weil es die vom Markt verlangten Renditen nicht akzeptieren wollte. Putins Hinweis auf die niedrige Schuldenquote ist daher rechnerisch richtig, blendet aber die steigenden Finanzierungskosten aus.
Auch Berichte über eine mögliche Sperrung privater Bankeinlagen wies Putin als „dumme Gerüchte“ zurück. Entsprechende Pläne gebe es nicht. Zentralbank und Finanzministerium hatten solche Spekulationen bereits zuvor dementiert. Dass sich selbst der Präsident auf einem Wirtschaftsforum damit beschäftigen musste, zeigt jedoch, wie empfindlich das Vertrauen in die finanzielle Stabilität geworden ist.
Putins Diagnose ist damit nur zur Hälfte beschwichtigend. Der Präsident bestreitet die Probleme nicht: Die Investitionen sinken, Kredite bleiben teuer, die Wirtschaft wächst kaum und der Staat gibt erheblich mehr aus, als er einnimmt. Er präsentiert diese Entwicklung jedoch als kontrolliertes Manöver. Die Abkühlung erscheint nicht als Folge von Krieg, Sanktionen, Arbeitskräftemangel und steigenden Staatsausgaben, sondern als notwendiger Preis einer planvollen Inflationsbekämpfung.
Ob Regierung und Zentralbank tatsächlich zwischen Skylla und Charybdis hindurchkommen, ist noch offen. Gegenwärtig bewegt sich Russland jedenfalls nicht zwischen Wachstum und Stabilität, sondern zwischen Investitionsschwäche und hartnäckiger Inflation.
Kommentare