Das Östliche Wirtschaftsforum in Wladiwostok hat den Wert der dort unterzeichneten Vereinbarungen seit 2022 nahezu verdoppelt. Der Leiter des Asien-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften sieht darin den Erfolg von Russlands Hinwendung nach Asien. Die Zahlen stimmen – belegen aber weniger, als er daraus ableitet.
Wenn sich Anfang September Politiker, Unternehmer und Verbandsvertreter zum Östlichen Wirtschaftsforum, kurz WEF, in Wladiwostok versammeln, wird der Erfolg traditionell in Billionen Rubel gemessen. 2022 wurden dort nach Angaben des Veranstalters 296 Vereinbarungen im Umfang von 3,3 Billionen Rubel unterzeichnet. Drei Jahre später waren es 358 Vereinbarungen über 6,1 Billionen Rubel.
Für Kirill Babajew, Direktor des Instituts für China und das moderne Asien der Russischen Akademie der Wissenschaften, ist die annähernde Verdopplung ein Beleg dafür, dass das WEF zu einem der wichtigsten Tore Russlands nach Asien geworden sei. Das Forum hole gegenüber seinem „älteren Bruder“, dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg, rasch auf.
Die Ausgangszahlen sind durch die offiziellen Abschlussberichte des Veranstalters gedeckt. Ihre Interpretation ist jedoch problematisch.
Vereinbarung ist nicht gleich Investition
Bereits die Bezeichnung als „abgeschlossene Verträge“ führt in die Irre. In der Statistik werden sehr unterschiedliche Dokumente zusammengefasst: konkrete Investitionsverträge, Finanzierungsabkommen, Rahmenvereinbarungen, Kooperationsmemoranden und unverbindliche Absichtserklärungen.
Die angegebene Summe bezeichnet daher nicht das Geld, das während oder nach dem Forum tatsächlich investiert wurde. Sie addiert vielmehr die geplanten Gesamtvolumina von Projekten, die sich häufig über viele Jahre erstrecken. Manche Vorhaben waren bereits zuvor beschlossen und werden auf dem Forum lediglich feierlich unterzeichnet. Andere werden verkleinert, verschoben oder nie verwirklicht.
Babajew räumt selbst ein, dass nicht alle auf dem Forum angekündigten Billionen tatsächlich realisiert würden. Das sei jedoch nicht entscheidend; wichtig seien auch Signale, Symbole, internationale Gäste und die Reputation des russischen Marktes.
Damit wechselt allerdings der Bewertungsmaßstab. Eine Zahl kann entweder als Maß für realisierte wirtschaftliche Aktivität dienen oder als Symbol politischer Erwartungen. Als Beleg für die von Babajew behauptete „wirtschaftliche Effizienz“ des Forums eignet sie sich nur eingeschränkt.
Auch die Inflation verdoppelt mit
Hinzu kommt die russische Inflation. Die sechs Billionen Rubel des Jahres 2025 sind nicht mit sechs Billionen zu Preisen von 2022 gleichzusetzen. Bereinigt man die Entwicklung überschlägig um den zwischenzeitlichen Kaufkraftverlust, bleibt von der nominalen Verdopplung ein realer Zuwachs von ungefähr 45 bis 50 Prozent.
Das ist weiterhin eine bemerkenswerte Steigerung, aber eben keine Verdopplung der wirtschaftlichen Substanz. Außerdem ist der Gesamtbetrag stark von einigen Großprojekten abhängig. Zu den größten Vereinbarungen des WEF 2025 gehörten der geplante Bau des Mok-Wasserkraftkomplexes in Burjatien für rund 1,1 Billionen Rubel, ein Bergbau- und Aufbereitungskomplex in der Region Chabarowsk für 650 Milliarden Rubel sowie der Industriecluster Aldan in Jakutien für mehr als 535 Milliarden Rubel.
Allein diese drei Projekte stellten mehr als ein Drittel der gemeldeten Gesamtsumme. Wenige Großvorhaben können die Bilanz eines Forums daher stark verändern, ohne dass sich die Zahl oder Herkunft tatsächlicher Investoren entsprechend entwickelt.
Petersburg-Vergleich mit verrutschtem Jahr
Auch Babajews Vergleich mit dem Petersburger Wirtschaftsforum ist nicht ganz sauber. Nach seiner Darstellung stieg dessen Vertragsvolumen zwischen 2022 und 2025 von 5,7 auf 6,8 Billionen Rubel – also um ungefähr 20 Prozent.
Die 5,67 Billionen Rubel für 2022 sind korrekt. Für 2025 meldete der Veranstalter jedoch rund 6,48 Billionen Rubel. Das entspricht einem nominalen Anstieg von etwa 14 Prozent. Eine Summe von rund 6,76 Billionen wurde erst für das Petersburger Forum 2026 genannt. Offenbar hat Babajew hier die Abschlusszahlen verschiedener Jahre miteinander vermischt.
In der Größenordnung hat er dennoch recht: Das WEF ist bei den verkündeten Vertragssummen an das wesentlich größere Petersburger Forum herangerückt. Ob sich daraus eine vergleichbare wirtschaftliche Bedeutung ergibt, lässt sich ohne Angaben über verbindliche Verträge, ausländische Kapitalgeber und den späteren Realisierungsstand nicht beurteilen.
Die belastbareren Zahlen stehen daneben
Solider sind Babajews Aussagen über das wirtschaftliche Gewicht Asiens. Der Internationale Währungsfonds hat wiederholt geschätzt, dass die Region rund zwei Drittel zum weltweiten Wirtschaftswachstum beiträgt. Allerdings schwankt dieser Anteil je nach Jahr, Abgrenzung der Region und Berechnungsmethode.
Auch die Patentzahl besitzt einen belastbaren Kern. Nach Angaben der Weltorganisation für geistiges Eigentum gingen 2024 rund 70 Prozent aller Patentanmeldungen bei asiatischen Patentämtern ein; bei den erteilten Patenten lag der Anteil sogar etwas über 71 Prozent. Das Ergebnis wird allerdings stark von China geprägt, das allein nahezu die Hälfte der weltweiten Anmeldungen stellt. Es sagt daher mehr über die technologische Verschiebung nach China, Japan, Südkorea und Indien aus als über „Asien“ als einheitlichen Wirtschaftsraum.
Schwächer ist dagegen Babajews Behauptung, japanische und südkoreanische Unternehmen strebten zunehmend auf den russischen Markt zurück. Die Anwesenheit von Delegationen beim WEF kann ein Zeichen vorsichtiger Kontaktpflege sein. Sie ersetzt jedoch keine Angaben über neu zugesagte Direktinvestitionen oder gemeinsame Produktionsprojekte.
Ein Forum als Schaufenster der Ostwendung
Babajews Text enthält damit zwei unterschiedliche Geschichten. Die erste ist durchaus überzeugend: Das wirtschaftliche und technologische Gewicht Asiens wächst, während China und Indien für Russland zu zentralen Handelspartnern geworden sind. Russland muss sich intensiver mit asiatischen Märkten, Rechtssystemen und Geschäftskulturen befassen.
Die zweite Geschichte lautet, dass das Östliche Wirtschaftsforum bereits den Erfolg dieser Neuorientierung beweise. Dafür reichen die präsentierten Zahlen nicht aus. Sie zeigen, was russische Regionen, Staatsunternehmen und Geschäftspartner auf dem Forum ankündigen – nicht, wie viel ausländisches Kapital anschließend tatsächlich nach Russland fließt.
Das WEF ist damit zweifellos größer geworden. Ob es zugleich erfolgreicher wurde, ließe sich erst sagen, wenn Moskau nicht nur die Billionen der unterschriebenen Papiere, sondern auch die verwirklichten Projekte veröffentlicht.

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