Benzin fehlt, Getreide bleibt liegen: Russlands Wirtschaft im Logistikstress

Benzin fehlt, Getreide bleibt liegen: Russlands Wirtschaft im Logistikstress

Während Russland den Kraftstoffexport beschränkt, um den Binnenmarkt zu versorgen, bekommt es sein Getreide nicht aus dem Land. Ukrainische Angriffe, beschädigte Häfen und überlastete Transportwege treffen inzwischen mehrere zentrale Warenströme zugleich.

Russlands Regierung steht bei zwei seiner wichtigsten Rohstoffe vor entgegengesetzten Problemen: Benzin ist auf dem Binnenmarkt knapp, Getreide staut sich bei den Produzenten. In beiden Fällen versucht Moskau, durch Exportpolitik und staatlich organisierte Logistik gegenzusteuern.

Der Russische Kraftstoffverband fordert, den vollständigen Exportstopp für Diesel über den 1. September hinaus zu verlängern. Gleichzeitig erwägt das Landwirtschaftsministerium, die Exportzölle auf Weizen, Gerste und Mais bis zum Jahresende auszusetzen, um den stockenden Getreideexport wieder in Gang zu bringen.

Diesel bleibt trotz Exportstopp knapp

Nach einem Schreiben des Kraftstoffverbandes, über das Kommersant berichtet, wird Diesel an russischen Tankstellen zwar noch weitgehend ohne Unterbrechungen verkauft. Unabhängige Betreiber haben jedoch zunehmend Schwierigkeiten, sich mit Kraftstoff zu versorgen.

Ein erheblicher Teil der an der Petersburger Warenbörse gekauften Partien werde nicht ausgeliefert. Alternativ seien lediglich teurere Importe oder kleinere Mengen erhältlich, die bei einzelnen großen Ölgesellschaften abgeholt werden müssten. Die tatsächlichen Marktpreise zeigten, dass die Nachfrage selbst bei geschlossenem Export das Angebot übersteige.

Die Lage dürfte im Herbst angespannt bleiben. Die Landwirtschaft benötigt während der Ernte weiterhin große Mengen Diesel. Gleichzeitig müssen die Raffinerien mit der Herstellung und Einlagerung winterfester Sorten beginnen. Nach Branchenangaben besteht bei Diesel nur noch ein „fragiler Überschuss“. Bei Benzin räumt die Regierung bereits Versorgungsprobleme ein.

Auch der Außenhandel zeigt die Auswirkungen. Der russische Seeexport von Ölprodukten sank im Juli gegenüber Juni um fast 22 Prozent auf 1,18 Millionen Barrel täglich – den niedrigsten Wert seit Beginn der entsprechenden Statistik im Jahr 2016. Die Ausfuhr von Diesel verringerte sich auf etwa ein Drittel.

Getreideexport fällt auf Zehnjahrestief

In der Landwirtschaft ist das Problem umgekehrt: Russland verfügt über reichlich Getreide, kann es aber wegen der Störungen in den Häfen und Transportwegen nicht im vorgesehenen Umfang exportieren.

Nach Angaben von The Bell wurden seit Anfang August lediglich 1,4 Millionen Tonnen Getreide ausgeführt. Das waren zweieinhalbmal weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres und der niedrigste Wert seit zehn Jahren. Allein im zweiten Monatsdrittel brachen die Exporte auf 478.000 Tonnen und damit beinahe auf ein Fünftel des Vorjahreswertes ein.

Dabei waren die großen Umschlaganlagen in Noworossijsk bis zu den Angriffen vom 12. August noch in Betrieb. Angriffe auf Getreideterminals, Schiffe und Hafenanlagen führten anschließend zu Verzögerungen und zur Absage zahlreicher Verladungen während der wichtigsten Exportphase.

Mehr als 70 Prozent des russischen Getreideexports werden normalerweise über die Häfen am Schwarzen und Asowschen Meer abgewickelt. Die Ausfälle lassen sich deshalb kurzfristig kaum durch andere Strecken ersetzen.

Das Landwirtschaftsministerium hat inzwischen einen operativen Stab eingerichtet. Vertreter der föderalen und regionalen Behörden sowie der Branche sollen für jede Region alternative Transportwege suchen und bestehende Beschränkungen beseitigen. Dabei kommen grundsätzlich Häfen an der Ostsee und am Kaspischen Meer sowie Verkehrswege in den Fernen Osten infrage. Kommersant

Doch auch die Eisenbahn setzt Grenzen. Die Russischen Eisenbahnen RZD halten Beschränkungen für Transporte nach Noworossijsk aufrecht, wohin zusätzlich Getreide aus den Häfen am Asowschen Meer umgeleitet werden sollte.

Produzenten verkaufen unter den Kosten

Der Exportstau drückt die Preise im russischen Süden. Im Gebiet Krasnodar wird Weizen der neuen Ernte nach Angaben von The Bell inzwischen für rund 9.000 Rubel je Tonne ab Hof angeboten. Die Produktionskosten sollen dagegen bei mindestens 12.000 Rubel liegen.

Das Landwirtschaftsministerium prüft deshalb nach Medienberichten einen zeitweiligen Verzicht auf die gleitenden Exportzölle für Weizen, Gerste und Mais. Die Abgabe auf Weizen liegt derzeit bei etwas mehr als 1.000 Rubel je Tonne.

Eine Abschaffung der Zölle würde die Lage der Produzenten verbessern, aber das eigentliche Problem nicht lösen. Solange Häfen, Schiffe und Eisenbahnstrecken ausfallen oder nur eingeschränkt verfügbar sind, macht eine um 1.000 Rubel günstigere Ausfuhr das Getreide noch nicht transportierbar.

Diskutiert werden daher weitere Maßnahmen: staatliche Getreidekäufe für den Interventionsfonds, eine Verlängerung vergünstigter Kredite und direkte Subventionen für verkauftes Getreide.

Moskau verspricht vollständige Ausfuhr

Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, die Regierung werde sicherstellen, dass das für den Export bestimmte Getreide „rechtzeitig und vollständig“ verschifft werde. Konkrete Maßnahmen nannte er nicht. Putin hatte zuvor Probleme bei den Agrarexporten eingeräumt, zugleich aber Engpässe auf dem Weltmarkt ausgeschlossen. Russland verfüge in der laufenden Saison über rund 60 Millionen Tonnen exportierbares Getreide.

Die Beratungsfirma SowEcon erwartet für August Exporte von etwa 2,2 Millionen Tonnen nach 1,95 Millionen Tonnen im Juli. Im August des Vorjahres waren es allerdings rund 4,5 Millionen Tonnen.

Auch die Ukraine leidet infolge russischer Angriffe unter erheblichen Ausfällen ihrer Agrarexporte. Damit werden die Transportprobleme beider großer Anbieter zu einem Risiko für den Weltmarkt: In Russland fallen die Preise bei den Landwirten, während Importeure andernorts mit knapperem Angebot und steigenden Preisen rechnen müssen.

Russlands gegenwärtige Lage lässt sich somit in einem paradoxen Satz zusammenfassen: An den Tankstellen fehlt der Treibstoff, bei den Bauern fehlt der Abtransport. Exportverbote sollen das eine Gut im Land halten, der Verzicht auf Exportzölle soll das andere möglichst schnell hinausbefördern. In beiden Fällen zeigt sich, wie stark der Krieg inzwischen in die alltäglichen Kreisläufe der russischen Wirtschaft eingreift.

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