Nach Angriffen auf Wildberries: Russische Händler wälzen Logistikrisiken auf Lieferanten ab

Nach Angriffen auf Wildberries: Russische Händler wälzen Logistikrisiken auf Lieferanten ab

Die ukrainischen Drohnenangriffe auf Lagerhäuser des Onlinehändlers Wildberries verändern inzwischen die Geschäftsbedingungen im gesamten russischen Einzelhandel. Große Handelsketten wollen nicht nur ihre Lieferwege dezentralisieren, sondern auch einen Teil der Kriegsrisiken auf Hersteller und Zulieferer übertragen. Für diese könnten damit Transportkosten und Haftungsrisiken steigen – mit möglichen Folgen für Preise und Gewinnmargen.

Seit dem 18. Juli wurden zahlreiche Logistikzentren von Wildberries angegriffen. Bei den ersten Attacken auf Lagerhäuser in Kotowsk und Elektrostal kamen acht Beschäftigte ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Nach ersten Berechnungen fielen allein dort rund sieben Prozent der Logistikkapazitäten des Konzerns aus. Die Kosten für Wiederaufbau und Reparaturen wurden auf 20 bis knapp 36 Milliarden Rubel geschätzt. Da Wildberries seine Lager nach Informationen aus der Versicherungsbranche gewöhnlich nicht versichert, dürfte ein großer Teil der Schäden beim Unternehmen selbst verbleiben.

Weitere Angriffe folgten. Ende Juli waren nach Angaben von Reuters bereits mindestens acht Lagerhäuser mit mehr als zehn Prozent der gesamten Logistikkapazität betroffen. Inzwischen spricht Wildberries-Gründerin Tatjana Kim von mehr als einem Dutzend angegriffener Standorte. Das Unternehmen verteilt Waren und Bestellungen auf andere Zentren um und baut sein Logistiknetz kurzfristig um.

Die wirtschaftlichen Folgen treffen vor allem die zahlreichen kleineren Händler, die ihre Waren in den Wildberries-Lagern deponiert hatten. Das Unternehmen hatte seine Geschäftsbedingungen bereits am 7. Juli geändert und die Haftung für durch „höhere Gewalt“ verursachte Verluste ausgeschlossen. Ausdrücklich genannt wurden dabei auch Drohnenangriffe und andere durch Waffen verursachte Schäden.

Kim kündigte dennoch finanzielle Unterstützung an. Bis zum 28. Juli zahlte Wildberries nach eigenen Angaben insgesamt 40 Millionen Rubel an Familien getöteter und schwer verletzter Beschäftigter. Wie umfassend die vernichteten Waren der Verkäufer ersetzt werden, blieb dagegen zunächst offen. Rund 300 betroffene Unternehmen wandten sich bereits wegen einer Umschuldung ihrer Kredite an die Sberbank. Die Bank erwägt deshalb, ihre Risikovorsorge für mögliche Kreditausfälle zu erhöhen.

Nun ziehen offenbar auch die klassischen Handelsketten Konsequenzen. Nach Informationen von Kommersant diskutieren unter anderem Magnit und die X5-Gruppe mit ihren Lieferanten über neue Vertragsbedingungen. Hersteller sollen ihre Waren künftig bei Bedarf selbst in Geschäfte oder Verteilzentren bringen. Bislang übernehmen die großen Handelsketten diese Aufgabe gewöhnlich mit eigenen Logistikzentren und Fuhrparks.

Noch weiter geht die Kette Krasnoje & Beloje. Sie schlug ihren Lieferanten eine Zusatzvereinbarung vor, nach der sie bei der Zerstörung bereits übernommener Waren infolge höherer Gewalt – ausdrücklich einschließlich Drohnenangriffen – nicht mehr haften soll. Produzentenverbände reagierten ablehnend und halten eine vollständige Verlagerung des Risikos auf die Lieferanten für rechtlich fragwürdig.

Die neue Lieferstruktur könnte teuer werden. Viele Hersteller verfügen weder über die Fahrzeuge noch über das regionale Netz, um Tausende Geschäfte selbst zu beliefern. Branchenexperten rechnen deshalb mit höheren Transportkosten und steigenden Abgabepreisen. Die Handelsketten wiederum könnten diese Mehrkosten wegen des scharfen Wettbewerbs nur begrenzt an die Verbraucher weiterreichen. Zunächst würden daher wahrscheinlich ihre ohnehin schmalen Gewinnmargen sinken.

Auch innerhalb der Lagerhäuser verschärft Wildberries die Sicherheitsregeln. Beschäftigte dürfen seit dem 3. August nur noch einfache Mobiltelefone ohne Kamera mitbringen. Das Unternehmen bestätigte, damit unerlaubte Foto- und Videoaufnahmen während eines Luftalarms verhindern zu wollen. Solche Aufnahmen könnten nach Darstellung von Wildberries Standorte der russischen Luftabwehr erkennen lassen; ihre Veröffentlichung könne zudem eine administrative oder strafrechtliche Verfolgung nach sich ziehen. Anlass seien mehrere Fälle gewesen, in denen Beschäftigte Drohnen und Angriffsfolgen mit ihren Smartphones aufgenommen und die Bilder im Internet verbreitet hätten.

Damit reichen die Folgen der Angriffe auf Wildberries inzwischen weit über zerstörte Lagerhallen hinaus. Sie verändern Lieferwege, Haftungsregeln, Kreditrisiken und selbst den Arbeitsalltag der Beschäftigten. Das Kriegsrisiko wird Bestandteil gewöhnlicher Geschäftsverträge – und entlang der Handelskette weitergereicht, vom Lagerbetreiber über Einzelhändler und Produzenten bis möglicherweise zum Preis an der Ladenkasse. Gleichzeitig verschwinden die sichtbaren Folgen der Angriffe zunehmend hinter den Werkstoren: Wo keine Kameras mehr erlaubt sind, entstehen auch weniger Bilder.

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