Die in den vergangenen Tagen veröffentlichten Unternehmensberichte zeichnen kein einheitliches Bild der russischen Wirtschaft. Während Energieversorger, Metallproduzenten und digitale Plattformen teilweise kräftige Gewinnsteigerungen melden, geraten Banken und insbesondere die Diamantenindustrie unter Druck. Andere Unternehmen kommen trotz wachsender Umsätze kaum aus den roten Zahlen.
Zu den auffälligsten Gewinnern gehört Ozon. Der Onlinehändler verdoppelte seinen Nettogewinn im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr auf 10,1 Milliarden Rubel. Der Umsatz der Gruppe stieg um 47 Prozent auf 334,2 Milliarden Rubel. Der Waren- und Dienstleistungsumsatz erreichte 1,3 Billionen Rubel. Neben dem klassischen Onlinehandel, der 273,8 Milliarden Rubel umsetzte, wächst das Finanzgeschäft mit Erlösen von 69,7 Milliarden Rubel zu einer zweiten tragenden Säule des Konzerns heran.
Auch die großen Stromerzeuger legten deutlich zu. RusHydro steigerte seinen Nettogewinn im ersten Halbjahr nach russischen Rechnungslegungsstandards um 63 Prozent auf 48,4 Milliarden Rubel. Der Umsatz wuchs um 18,7 Prozent auf 165,8 Milliarden Rubel. Als Gründe nennt der Konzern höhere Strompreise und größere Absatzmengen auf dem Großhandelsmarkt.
Bei Inter RAO nahm der Gewinn um knapp 30 Prozent auf 17,8 Milliarden Rubel zu. Der Umsatz stieg sogar um 31,5 Prozent auf ebenfalls 31,5 Milliarden Rubel. Die Zahlen der beiden Konzerne zeigen, dass höhere Preise auf dem russischen Strommarkt gegenwärtig direkt in steigende Unternehmensgewinne übersetzt werden können.
Der Ölkonzern Lukoil meldete für das erste Halbjahr einen Nettogewinn von knapp 362 Milliarden Rubel – 10,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz erhöhte sich lediglich um vier Prozent auf 1,45 Billionen Rubel. Entscheidend für die Verbesserung war, dass die Verkaufskosten gleichzeitig um 6,8 Prozent sanken. Die Bilanz nach russischen Standards bildet allerdings nur die Muttergesellschaft und nicht den gesamten internationalen Konzern ab.
Besonders stark verbesserte sich die Lage bei Norilsk Nickel. Nach russischer Rechnungslegung stieg der Nettogewinn um 31,3 Prozent auf 76,9 Milliarden Rubel, während der Umsatz um 19 Prozent auf 542,7 Milliarden Rubel zunahm. Die Zinsausgaben sanken um 38 Prozent, nachdem ein Teil der Rubelverbindlichkeiten durch Fremdwährungskredite ersetzt worden war.
Der parallel veröffentlichte Konzernabschluss nach internationalen Standards fiel noch eindrucksvoller aus. Norilsk Nickel steigerte seinen Halbjahresumsatz aufgrund höherer Preise für Bunt- und Edelmetalle um 28 Prozent auf 8,29 Milliarden Dollar. Das operative Ergebnis erhöhte sich um 50 Prozent auf 3,93 Milliarden Dollar, der Nettogewinn auf zwei Milliarden Dollar – das 2,4-Fache des Vorjahreswerts. Damit erzielte der Metallkonzern seine besten Halbjahreszahlen seit 2022.
Das vollständige Gegenbild liefert der Diamantenproduzent Alrosa. Das Unternehmen rutschte von einem Gewinn von 39 Milliarden Rubel im Vorjahr in einen Nettoverlust von 10,7 Milliarden Rubel. Der Umsatz brach um 36 Prozent auf 74,2 Milliarden Rubel ein, die Bruttomarge schrumpfte von 29,2 auf nur noch 4,6 Milliarden Rubel. Die Zahlen spiegeln die internationale Krise der Diamantenindustrie, den schwachen Schmuckabsatz und die westlichen Einfuhrbeschränkungen für russische Diamanten wider.
Auch die staatliche Großbank VTB bekam die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu spüren. Ihr Nettogewinn nach internationalen Standards sank im ersten Halbjahr um knapp 20 Prozent auf 225,2 Milliarden Rubel. Allein im zweiten Quartal verdiente VTB 92,6 Milliarden Rubel – rund 30 Prozent weniger als im ersten Quartal und etwa ein Drittel weniger als ein Jahr zuvor. Die weiterhin hohen Zinsen belasten das Kreditgeschäft und erhöhen die Finanzierungskosten.
Aeroflot konnte dagegen das wachsende internationale Reisegeschäft nutzen. Die Fluggesellschaft erzielte im zweiten Quartal einen um Wechselkurseffekte bereinigten Gewinn von 6,4 Milliarden Rubel, nach 4,1 Milliarden Rubel im Vorjahr. Der Umsatz stieg um 3,3 Prozent auf 193,2 Milliarden Rubel. Die Zahl der Passagiere nahm um 5,3 Prozent zu, auf internationalen Verbindungen sogar um 22,2 Prozent. Mit einer Sitzauslastung von 90,4 Prozent operiert Aeroflot allerdings bereits nahe der Kapazitätsgrenze.
Bei der Russischen Post sind Fortschritte erkennbar, ohne dass die strukturellen Probleme gelöst wären. Der Halbjahresumsatz stieg um 2,8 Prozent auf 108,2 Milliarden Rubel. Aus einem Bruttoverlust von 700 Millionen Rubel im Vorjahr wurde ein Bruttogewinn von acht Milliarden Rubel. Besonders dynamisch entwickelten sich der Gütertransport mit einem Plus von 31 Prozent und Lager- und Abwicklungsdienstleistungen mit einem Zuwachs von 60 Prozent. Unter dem Strich blieb dennoch ein Nettoverlust von 9,5 Milliarden Rubel.
Insgesamt zeigen die Berichte eine russische Unternehmenslandschaft, deren Entwicklung stärker von der jeweiligen Branche als von einer einheitlichen Konjunktur bestimmt wird. Stromerzeuger profitieren von steigenden Preisen, Norilsk Nickel von der Erholung der Metallmärkte und Ozon von der fortschreitenden Verlagerung des Konsums ins Internet. Alrosa leidet dagegen unter einer internationalen Branchenkrise und den Sanktionen, während VTB die Folgen der Hochzinspolitik spürt.
Bei einem direkten Vergleich ist zudem Vorsicht geboten: Die Berichte beruhen teils auf russischen, teils auf internationalen Rechnungslegungsstandards; einige erfassen das gesamte erste Halbjahr, andere nur das zweite Quartal. Als gemeinsames Lagebild ergeben sie dennoch einen klaren Befund: Die russische Wirtschaft produziert weiterhin hohe Unternehmensgewinne – aber immer ungleicher verteilt.

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