Die Inflation in Russland hat sich Mitte Juli wieder beschleunigt. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums stiegen die Verbraucherpreise zwischen dem 14. und 20. Juli um 0,17 Prozent. Die Jahresteuerung erhöhte sich dadurch von 5,62 auf 5,84 Prozent.
Auf den ersten Blick bleibt der Anstieg überschaubar. In derselben Woche zuvor hatten die Preise ebenfalls um 0,17 Prozent zugelegt. Anfang Juli war die Teuerung allerdings mit 0,31 Prozent innerhalb einer Woche fast doppelt so hoch ausgefallen. Seit Jahresbeginn summiert sich der Preisanstieg inzwischen auf 4,82 Prozent.
Bei Lebensmitteln betrug die Teuerung in der jüngsten Berichtswoche durchschnittlich 0,11 Prozent. Obst und Gemüse wurden saisonbedingt insgesamt um ein Prozent billiger. Die Preise für andere Nahrungsmittel erhöhten sich dagegen um 0,21 Prozent.
Besonders stark verteuerten sich Zucker mit 2,6 Prozent, Geflügelfleisch mit 1,9 Prozent und Buchweizen mit 1,2 Prozent. Billiger wurden unter anderem Tomaten um 3,6 Prozent, Gurken um drei Prozent, Kohl um 1,7 Prozent sowie Zwiebeln und Kartoffeln.
Deutlich überdurchschnittlich stiegen die Preise für Industriewaren mit 0,35 Prozent. Bei den erfassten Dienstleistungen betrug der Zuwachs lediglich 0,06 Prozent. Kommersant, Expert
Ein wesentlicher Preistreiber bleibt die russische Kraftstoffkrise. Benzin verteuerte sich innerhalb einer Woche um 1,66 Prozent, Diesel um 1,87 Prozent. Der Anstieg fiel zwar schwächer aus als in der Vorwoche, als Benzin um 2,25 und Diesel um 3,18 Prozent teurer wurden. Kraftstoffpreise wirken jedoch weit über den unmittelbaren Verbrauch an den Tankstellen hinaus: Sie verteuern Transport, Produktion und letztlich zahlreiche Waren des täglichen Bedarfs.
Damit erklären die neuen Zahlen zumindest teilweise den auffälligen Sprung bei den Inflationserwartungen der Bevölkerung. Nach der jüngsten Erhebung des Instituts InFOM im Auftrag der Zentralbank rechnen die Russen für die kommenden zwölf Monate mit einer Teuerung von 14,7 Prozent. Im Juni waren es noch 12,4 Prozent gewesen. Die wahrgenommene Inflation liegt mit 15,1 Prozent sogar noch etwas höher.
Zwischen der amtlich gemessenen Jahresteuerung von 5,84 Prozent und der von der Bevölkerung erwarteten Inflation klafft somit eine Lücke von fast neun Prozentpunkten. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die amtliche Statistik falsch ist. Beide Werte messen unterschiedliche Dinge: Rosstat berechnet die Preisentwicklung eines breiten Warenkorbs, während Umfragen die subjektiven Erfahrungen und Befürchtungen der Verbraucher erfassen.
Diese Wahrnehmung wird besonders von häufig gekauften und deutlich teurer gewordenen Waren geprägt. Ein sprunghafter Anstieg der Benzin-, Diesel- oder Lebensmittelpreise bleibt stärker im Gedächtnis als sinkende Preise für saisonales Gemüse oder selten gekaufte Produkte. Hinzu kommt die Erwartung, dass höhere Kraftstoffkosten nach und nach auf weitere Waren durchschlagen werden.
Für die Zentralbank ist die Diskrepanz dennoch von großer Bedeutung. Inflationserwartungen können sich selbst verstärken: Wer mit stark steigenden Preisen rechnet, kauft früher, fordert höhere Löhne oder erhöht vorsorglich die eigenen Verkaufspreise. Dadurch kann aus der Erwartung tatsächlicher Inflationsdruck entstehen.
Die neuen Daten dürften deshalb die Entscheidung über den Leitzins am 24. Juli zusätzlich erschweren. Der Unternehmerverband RSPP verlangt angesichts hoher Kreditkosten und sinkender Nachfrage eine Zinssenkung und warnt andernfalls vor einer Konkurswelle im Herbst. Die steigende Jahresteuerung, die Kraftstoffpreise und der Sprung der Inflationserwartungen sprechen dagegen für Vorsicht.
Die amtliche Inflation ist weit von den knapp 15 Prozent entfernt, welche die Bevölkerung erwartet. Aber sie bewegt sich derzeit wieder in deren Richtung statt von ihnen fort. Genau das macht die jüngsten Zahlen für die Zentralbank unangenehm.

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