Russlands Regierung meldet Entspannung auf dem Treibstoffmarkt

Russlands Regierung meldet Entspannung auf dem Treibstoffmarkt

Nach wochenlangen Engpässen sieht die russische Regierung erste Anzeichen einer Stabilisierung. Dafür werden Exporte gestoppt, Kraftstoffe importiert und geplante Raffineriewartungen verschoben. Die wirtschaftlichen Folgen der Krise dürften Russland dennoch länger beschäftigen.

Die Lage auf dem russischen Treibstoffmarkt hat sich nach Angaben der Regierung in einigen Regionen entspannt. Beschränkungen beim Verkauf von Benzin und Diesel würden teilweise aufgehoben, mehr Tankstellen seien wieder geöffnet und die Warteschlangen würden kürzer, erklärte Vizepremier Alexander Nowak nach einer Regierungssitzung.

„Wir sehen, dass die Maßnahmen Ergebnisse bringen und sich der Markt bereits teilweise stabilisiert“, sagte der für den Energiesektor zuständige Regierungsvertreter. Gleichzeitig räumte Nowak ein, dass die Versorgung in mehreren Regionen weiterhin schwierig sei.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem sogenannten Nordtransport. In die abgelegenen Gebiete des hohen Nordens können Treibstoff und andere Versorgungsgüter wegen der kurzen eisfreien Schifffahrtssaison nur während weniger Monate geliefert werden. Nowak versicherte, alle dafür vorgesehenen Regionen würden die benötigten Mengen erhalten.

Die vorsichtige Wortwahl von einer „teilweisen“ Stabilisierung verweist jedoch darauf, dass die Versorgung bislang nur durch erhebliche Eingriffe in Produktion und Handel aufrechterhalten werden kann.

Exportverbote und Importe

Seit April gilt ein Ausfuhrverbot für Benzin. Anfang Juli weitete die Regierung die Beschränkungen auf Diesel aus; sie gelten inzwischen auch für die großen Hersteller. Seit Juni ist zudem der Export von Flugbenzin begrenzt.

Gleichzeitig erleichterte Moskau die Einfuhr von Treibstoff durch steuerliche Vergünstigungen. Zusätzliche Mengen kommen vor allem aus Belarus. Um akute Engpässe in Moskau und dem Umland zu verhindern, wurden außerdem Lieferungen aus Sibirien und anderen Landesteilen in die Hauptstadtregion umgeleitet.

Nach Angaben aus der Ölbranche sank die russische Benzinproduktion Anfang Juli zeitweise auf eine Größenordnung, die nur noch etwa 65 Prozent des saisonüblichen Verbrauchs entsprach. Inzwischen hat sich die Versorgung Moskaus weitgehend normalisiert. In anderen Regionen gelten dagegen weiterhin Abgabebeschränkungen.

Ausgelöst wurde die Krise durch eine Kombination aus ukrainischen Drohnenangriffen auf Raffinerien, Produktionsausfällen und zunehmenden logistischen Schwierigkeiten. Mehrere Anlagen mussten nach Angriffen ihre Verarbeitung einstellen oder reduzieren. Während Nowak anfangs vor allem von veränderten Transportwegen sprach, nannte er zuletzt auch die Schäden an den Raffinerien ausdrücklich als Ursache.

Sibirische Raffinerien arbeiten ohne Pause

Wie angespannt die Produktionslage bleibt, zeigt eine ungewöhnliche Maßnahme in Sibirien. Die dortigen Raffinerien haben ihre für den Sommer vorgesehenen Wartungsarbeiten auf den Herbst verschoben. Damit soll während der verbrauchsstarken Monate möglichst viel Treibstoff auf den Markt gebracht werden.

Nach Angaben der russischen Zentralbank arbeiten die großen sibirischen Raffinerien bereits an der Kapazitätsgrenze und verarbeiten Rekordmengen an Rohöl. Auch kleinere, unabhängige Anlagen, die zuvor teilweise Schwierigkeiten mit Rohstoffversorgung und Absatz hatten, konnten ihre Produktion erhöhen.

Der Verzicht auf die planmäßigen Arbeiten schafft kurzfristig zusätzliche Mengen, verschiebt das Problem aber lediglich. Im Herbst müssen die Wartungen nachgeholt werden. Sollten bis dahin weitere Raffineriekapazitäten ausfallen, könnte der Markt erneut unter Druck geraten.

Benzin seit Jahresbeginn 16 Prozent teurer

Die Krise hat sich bereits deutlich auf die Preise ausgewirkt. Bis zum 13. Juli verteuerte sich Benzin in Russland seit Jahresbeginn im Durchschnitt um 16,4 Prozent. Der landesweite Mittelwert erreichte 75,84 Rubel je Liter.

Damit geht es längst nicht mehr nur um die Versorgung der Autofahrer. Höhere Dieselpreise verteuern den Gütertransport, die Landwirtschaft und die Produktion. Die zusätzlichen Kosten werden schrittweise auf nahezu sämtliche Warenpreise übertragen.

Im Juni beschleunigte sich die auf das Jahr hochgerechnete und saisonbereinigte Inflation nach Berechnungen der Zentralbank auf 10,6 Prozent. Im Mai hatte der entsprechende Wert noch bei zwei Prozent gelegen. Die abrupte Veränderung lässt sich zwar nicht ausschließlich mit den Treibstoffpreisen erklären, diese gelten aber als ein wesentlicher Auslöser.

Von der Zentralbank befragte Analysten erhöhten ihre Prognose für die Inflation am Jahresende inzwischen von 5,3 auf 6,2 Prozent. Ein von „Meduza“ zitierter russischer Ökonom schätzt, dass der Treibstoffschock die Jahresinflation um 1 bis 1,5 Prozentpunkte erhöhen könnte. Unter vergleichsweise günstigen Bedingungen hält er bis zum Jahresende eine Teuerungsrate von 6,5 bis sieben Prozent für möglich.

Dilemma für die Zentralbank

Damit verschärft die Treibstoffkrise ein bereits bestehendes wirtschaftspolitisches Problem. Die hohen Zinsen bremsen Investitionen und belasten insbesondere die zivilen Wirtschaftsbereiche. Rund zwei Drittel der Unternehmenskredite sind variabel verzinst, sodass viele Betriebe unmittelbar von der Höhe des Leitzinses abhängig sind.

Die Zentralbank kann die Geldpolitik dennoch kaum stärker lockern, solange die höheren Treibstoff- und Transportkosten die Inflation antreiben. Analysten erwarten für 2026 inzwischen einen durchschnittlichen Leitzins von 14,5 Prozent. Aktuell liegt er bei 14,25 Prozent. Die nächste Entscheidung des Zentralbankrates ist für den 24. Juli vorgesehen.

Die von der Regierung gemeldete Entspannung bleibt somit vorläufig. Exportstopps, belarussische Importe, regionale Umleitungen und aufgeschobene Wartungen können die Versorgung kurzfristig sichern. Ob der Treibstoffmarkt dauerhaft stabilisiert werden kann, hängt jedoch wesentlich davon ab, wie schnell beschädigte Raffinerien wieder arbeiten – und ob weitere Produktionsanlagen ausfallen.

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