Russlands Regierung meldet volle Tanks – die Preise sprechen eine andere Sprache

Die russische Regierung sieht den heimischen Markt nach dem Exportverbot wieder ausreichend mit Diesel versorgt. Gleichzeitig steigen die Preise für Benzin und Dieselkraftstoff weiter kräftig. Landwirtschaft und Lebensmitteltransporte sollen inzwischen bevorzugt beliefert werden.

Die Kraftstoffkrise bleibt eines der beherrschenden Wirtschaftsthemen in Russland. Nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat verteuerte sich Benzin zwischen dem 7. und 13. Juli innerhalb nur einer Woche um 2,3 Prozent. Diesel wurde sogar 3,2 Prozent teurer. Seit Jahresbeginn summiert sich der Preisanstieg damit auf 16,4 Prozent bei Benzin und 18 Prozent bei Diesel.

Bei Benzin hat sich das Tempo des Preisanstiegs erneut beschleunigt. In der Vorwoche hatte das Plus noch 2,1 Prozent betragen. Beim Diesel schwächte es sich lediglich geringfügig von 3,4 auf 3,2 Prozent ab. Die Kraftstoffpreise steigen damit um ein Vielfaches schneller als die allgemeine Wocheninflation, die Rosstat zuletzt mit 0,17 Prozent angab.

Die russische Zentralbank sieht inzwischen erste Auswirkungen auf das allgemeine Preisniveau. Die höheren Kosten für Treibstoff würden schrittweise auf andere Waren und Dienstleistungen überwälzt. Besonders betroffen sind Transporte, Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung.

Novak erklärt Dieselmarkt für versorgt

Vizepremier Alexander Novak versicherte nach einer Sitzung des Regierungsstabs zur Lage auf dem Kraftstoffmarkt dennoch, Russland sei inzwischen wieder ausreichend mit Diesel versorgt. Dazu habe vor allem das in der vergangenen Woche verhängte vollständige Exportverbot beigetragen.

Der Binnenmarkt werde nun mit zusätzlichen Mengen gefüllt, erklärte Novak. Die Ölkonzerne hätten ihre Lieferpläne bestätigt. Das Exportverbot gilt zunächst bis zum 31. Juli.

Noch wenige Tage zuvor hatte der Vizepremier einen landesweiten Kraftstoffmangel ausdrücklich eingeräumt. Seit Ende Mai gelten in mehreren Dutzend Regionen Beschränkungen beim Verkauf von Benzin und Diesel. Als Hauptursache nannte Novak den teilweisen Ausfall russischer Raffinerien nach ukrainischen Drohnenangriffen.

Dass der Markt tatsächlich wieder normal funktioniert, lässt sich aus den jüngsten Regierungsentscheidungen allerdings kaum ablesen. Vielmehr muss der vorhandene Kraftstoff inzwischen gezielt verteilt werden.

Vorrang für Ernte und Lebensmitteltransporte

Besondere Aufmerksamkeit gilt der Landwirtschaft. In den Regionen, in denen bereits die Ernte begonnen hat, sollen Bauern und große Agrarunternehmen bevorzugt mit Diesel beliefert werden. Die Regierung hat dafür konkrete Liefermengen für einzelne Regionen, Tanklager und Agrarbetriebe festgelegt.

Auch Lastwagen großer Handelsketten sollen an Tankstellen bevorzugt abgefertigt werden. Damit will die Regierung verhindern, dass Lebensmittel verderben oder steigende Transportkosten auf die Verkaufspreise umgelegt werden.

Allein die Notwendigkeit solcher Prioritäten zeigt, dass es nicht nur um vereinzelte leere Zapfsäulen geht. Wenn Erntemaschinen und Lebensmittellaster politisch abgesicherte Vorfahrt beim Tanken benötigen, ist der Markt zwar möglicherweise rechnerisch „versorgt“, aber noch weit von einem normalen Zustand entfernt.

Exportverbot stabilisiert Mengen, nicht Preise

Das Exportverbot kann kurzfristig zusätzliche Mengen im Land halten. Es beseitigt jedoch weder die ausgefallenen Raffineriekapazitäten noch die Probleme beim Transport des Treibstoffs in die Regionen. Novak verwies darauf, dass zwar direkte Lieferungen von Raffinerien an einzelne Großabnehmer möglich seien, der größte Teil des Kraftstoffs aber weiterhin über regionale Tanklager verteilt werde. Kleine Unternehmen und Privatkunden seien auf gewöhnliche Tankstellen angewiesen.

Genau dort werden die Folgen der Krise sichtbar: in langen Warteschlangen, Verkaufsbeschränkungen und immer höheren Preisen. Dass Autofahrer zuletzt sogar für das Warten vor Tankstellen Strafzettel erhielten, war nur eine besonders absurde Begleiterscheinung.

Die Regierung kann somit melden, dass wieder mehr Diesel in den Binnenmarkt fließt. Entwarnung bedeutet das noch nicht. Solange Kraftstoff rationiert, priorisiert und mit Exportverboten im Land gehalten werden muss, bleibt Russlands Versorgungssystem im Krisenmodus.

Und während die Behörden über ausreichende Mengen sprechen, erhalten die Verbraucher an den Preistafeln der Tankstellen täglich eine andere Auskunft.

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