Angriffe bremsen Güterverkehr im Asowschen Meer

Angriffe bremsen Güterverkehr im Asowschen Meer

Die zunehmenden Angriffe auf Schiffe im Asowschen Meer beeinträchtigen inzwischen den russischen Güterverkehr und drücken die Erwartungen für den Getreideexport. Landwirtschafts- und Verkehrsministerium versichern, Lieferungen könnten auf andere Häfen und Transportwege umgeleitet werden. Für die Exporteure dürfte das jedoch weder schnell noch billig werden.

Russlands Landwirtschaftsministerium bemüht sich, Sorgen über mögliche Versorgungsprobleme zu zerstreuen. Die Lage im Asowschen Meer werde weder die Lebensmittelversorgung des russischen Binnenmarktes noch die grundsätzlichen Exportmöglichkeiten des Landes beeinträchtigen, erklärte die Behörde.

Falls erforderlich, könnten landwirtschaftliche Güter über andere Regionen und Umschlagplätze transportiert werden. Russland verfüge über erhebliche Kapazitäten zur Verladung von Agrarprodukten. Gemeinsam mit Unternehmen und anderen Behörden würden bereits alternative Routen für die Warenströme ausgearbeitet.

Auch das Verkehrsministerium kündigte Maßnahmen zur Sicherung der Logistik an. Reeder arbeiteten am Schutz ihrer Schiffe, während die Hafenbehörden versuchten, den Verkehr zu optimieren und die Abfertigungszeiten zu verkürzen. Massengüter könnten notfalls auf andere Verkehrsträger verlagert werden.

Die Erklärungen der Ministerien zeigen allerdings zugleich, dass die Probleme inzwischen über einzelne beschädigte Schiffe hinausgehen. Die Angriffe gefährden eine der wichtigsten Verkehrsachsen für russisches Getreide, Pflanzenöl, Treibstoffe und andere Massengüter.

Schiffe im Taganroger Golf angegriffen

Nach Angaben des Gouverneurs des Gebietes Rostow, Juri Sljussar, wurden am 8., 9. und 11. Juli Schiffe im Taganroger Golf angegriffen. Bei den Vorfällen wurden zwei Menschen verletzt, ein Besatzungsmitglied kam ums Leben. Eine größere Freisetzung von Treibstoff habe es nicht gegeben.

Ukrainische Berichte sprechen von Dutzenden beschädigten Schiffen innerhalb weniger Tage. Diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Fest steht jedoch, dass der Verkehr auf dem Asow-Don-Kanal seit dem 10. Juli eingeschränkt ist und Marktbeobachter vor einem möglichen Ausfall weiterer Schifffahrtswege warnen. Besonders kritisch wäre eine Sperrung des Kertscher Kanals beziehungsweise der Passage zwischen Asowschem und Schwarzem Meer.

Das flache Asowsche Meer kann von großen Hochseefrachtern nur eingeschränkt befahren werden. Deshalb übernehmen kleinere Schiffe der Klasse „Fluss–Meer“ den Transport aus den russischen Binnenhäfen. Ein Teil der Ladung wird anschließend im Schwarzen Meer oder in größeren Häfen auf Hochseeschiffe umgeladen.

Wird dieser Zubringerverkehr unterbrochen, betrifft das nicht nur einzelne Häfen. Die gesamte Transportkette vom russischen Hinterland über Wolga und Don bis zum Schwarzen Meer kann ins Stocken geraten.

Prognose für Weizenexport gesenkt

Die Störungen schlagen sich bereits in den Prognosen für den russischen Getreideexport nieder. Agrarmarktanalysten senkten ihre Erwartungen für die Weizenausfuhren im Juli um 13 bis 20 Prozent.

Das Institut für Agrarmarktkonjunktur IKAR geht inzwischen davon aus, dass Russland im Juli möglicherweise weniger als zwei Millionen Tonnen Weizen exportieren wird. Zuvor waren 2,5 Millionen Tonnen erwartet worden. Das Analyseunternehmen SowEcon reduzierte seine Prognose um 13 Prozent auf rund zwei Millionen Tonnen.

Sollten sich diese Schätzungen bestätigen, lägen die Ausfuhren deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Gegenüber dem Vorjahr könnte der Export um knapp fünf Prozent, gegenüber einem durchschnittlichen Juli sogar um mehr als ein Drittel zurückgehen.

Die Probleme im Asowschen Meer sind allerdings nicht der einzige Grund. Die Getreideernte begann wegen später Aussaat und ungünstiger Witterung regional sieben bis 14 Tage später als im Vorjahr. Hinzu kommen eine begrenzte Nachfrage wichtiger Importländer und Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Dieselkraftstoff.

Die Angriffe auf die Schifffahrt verschärfen somit eine ohnehin angespannte Lage. Weniger Getreide erreicht rechtzeitig die Exporthäfen, während gleichzeitig der Transport aufwendiger und teurer wird.

Ein Viertel der Ausfuhren betroffen

Über die kleineren Häfen am Asowschen Meer werden nach Einschätzung von Branchenbeobachtern etwa 25 Prozent der russischen Exporte von Getreide und Sonnenblumenöl abgewickelt. Zu den wichtigsten Empfängern gehören Länder des Nahen Ostens.

Die Ausweichmöglichkeiten sind grundsätzlich vorhanden. Ein Teil der Ladungen könnte über die großen Schwarzmeerhäfen, vor allem Noworossijsk, verschifft werden. Auch Transporte auf der Schiene, per Lastwagen oder über andere russische Binnenwasserstraßen sind denkbar.

Eine vollständige Umleitung lässt sich jedoch kaum kurzfristig organisieren. Zusätzliche Bahn- und Straßenkapazitäten müssen bereitgestellt, Lagerflächen gefunden und neue Verträge abgeschlossen werden. Außerdem sind die kleinen Häfen am Asowschen Meer gerade deshalb attraktiv, weil sie nahe an den südrussischen Anbaugebieten liegen.

Der Transport nach Noworossijsk oder zu weiter entfernten Häfen verlängert die Strecke und erhöht die Kosten. Besonders für preisempfindliche Agrargüter kann bereits ein relativ kleiner Anstieg der Logistikausgaben die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen.

Neue Risiken für Reeder und Versicherer

Neben den unmittelbaren Schäden steigen die finanziellen Risiken der Schifffahrt. Für Fahrten durch das Schwarze und Asowsche Meer haben sich Versicherungen gegen Kriegsrisiken erheblich verteuert. Nach Angaben von The Bell reichen selbst zwei- bis vierfach erhöhte Prämien teilweise nicht mehr aus: Einige Versicherer lehnen eine Deckung bestimmter Risiken inzwischen vollständig ab.

Für Reeder stellt sich damit die Frage, ob sich einzelne Fahrten noch rechnen. Höhere Versicherungsbeiträge, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen und längere Wartezeiten müssen entweder vom Transportunternehmen getragen oder auf die Frachtpreise aufgeschlagen werden.

Der Staat könnte deshalb gezwungen sein, Versicherungen gegen Kriegsrisiken stärker zu unterstützen. Andernfalls droht ein weiterer Rückgang der Zahl verfügbarer Schiffe – selbst dann, wenn die Häfen formal geöffnet bleiben.

Kein Mangel, aber mögliche Verluste

Die russische Lebensmittelversorgung dürfte durch die gegenwärtigen Störungen tatsächlich kaum gefährdet sein. Russland produziert wesentlich mehr Getreide, als es für den eigenen Bedarf benötigt. Fällt ein Teil des Exports aus, bleibt zunächst mehr Ware auf dem Binnenmarkt.

Für Verbraucher könnte dies sogar preisdämpfend wirken. Für Landwirte und Getreidehändler wäre eine solche Entwicklung jedoch problematisch. Wenn große Mengen nicht ausgeführt werden können, sinken im Inland die Preise, während Lager- und Finanzierungskosten steigen.

Das Landwirtschaftsministerium hat deshalb recht, wenn es zwischen Lebensmittelversorgung und Exportlogistik unterscheidet. Russland wird wegen der Probleme im Asowschen Meer nicht plötzlich zu wenig Getreide haben. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass vorhandenes Getreide nicht rechtzeitig oder nur mit erheblichen Zusatzkosten zu den ausländischen Abnehmern gelangt.

Noch handelt es sich nicht um eine vollständige Blockade des russischen Agrarhandels. Doch die gesenkten Exportprognosen zeigen, dass die Angriffe im Asowschen Meer inzwischen messbare wirtschaftliche Folgen haben. Je länger die Einschränkungen dauern, desto größer wird der Druck auf Häfen, Transporteure und Produzenten – und desto kostspieliger wird die von den Ministerien angekündigte Umleitung der Warenströme.

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