Die wirtschaftliche Entflechtung zwischen Russland und dem Westen hat für ausländische Unternehmen enorme Vermögensverluste gebracht. Nach Berechnungen der russischen Wirtschaftszeitung „Vedomosti“ sind die Vermögenswerte von Unternehmen aus sogenannten „unfreundlichen Staaten“ in Russland seit Anfang 2022 um fast die Hälfte gesunken. Der Gesamtwert fiel demnach von 481 Milliarden Dollar auf 244 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Rückgang um 49 Prozent.
Noch deutlicher wird die Entwicklung beim Blick auf einzelne Unternehmen und Branchen. „Vedomosti“ analysierte nach eigenen Angaben Daten von 4.265 ausländischen Firmen, die in Russland tätig waren. Von ihnen setzten 2.350 Unternehmen ihre Arbeit im Land fort, während 1.915 Firmen den Markt verließen oder ihre Tätigkeit aussetzten. Besonders betroffen waren Unternehmen aus Staaten, die Moskau nach dem Beginn des Ukraine-Krieges als „unfreundlich“ einstuft.
Nach den Berechnungen entgingen Unternehmen aus diesen Ländern zwischen 2022 und 2025 in Russland mehr als 610 Milliarden Dollar Umsatz sowie mindestens 16 Milliarden Dollar Nettogewinn. Die hundert größten betroffenen Unternehmen verloren demnach in vier Jahren 348 Milliarden Dollar Umsatz und ebenfalls rund 16 Milliarden Dollar Gewinn.
Die größten Einnahmeverluste entstanden in der Autoindustrie, im Verbrauchermarkt sowie bei Elektronik- und Technikherstellern. Beim Wertverlust der Vermögenswerte führt dagegen die Energiebranche: Dort verloren ausländische Unternehmen laut „Vedomosti“ mehr als 74 Milliarden Dollar an Aktiva. Es folgen der Finanzsektor mit rund 30 Milliarden Dollar und die Autoindustrie mit 21 Milliarden Dollar. Auch Maschinenbau, Immobilien und Konsumgütersektor verzeichneten hohe Verluste.
Mehrere bekannte westliche Konzerne tauchen in der Analyse als Beispiele auf. Die deutsche Wintershall Dea schrieb nach ihrem Rückzug aus Russland Milliardenbeträge ab. Auch BASF, Uniper, Shell, Renault, Carlsberg, McDonald’s und Danone werden in dem Zusammenhang genannt. Teilweise wurden Beteiligungen verkauft, teilweise gingen Unternehmen unter russische Kontrolle, teilweise wurden Beteiligungen entwertet oder durch staatliche Entscheidungen faktisch blockiert.
Eine wichtige Rolle spielten dabei die russischen Ausstiegsbedingungen. Wer sein Russlandgeschäft verkaufen wollte, musste dies häufig mit hohen Abschlägen tun. Inzwischen verlangt Moskau bei solchen Transaktionen deutliche Rabatte auf den Marktwert sowie eine zusätzliche Zahlung an den russischen Staat. Nach Einschätzung von Experten führte das dazu, dass viele westliche Firmen ihre russischen Vermögenswerte nicht annähernd zu früheren Preisen verkaufen konnten.
Gleichzeitig zeigt die Analyse, dass der Rückzug westlicher Unternehmen keineswegs bedeutete, dass die entsprechenden Geschäfte verschwanden. In vielen Fällen übernahmen russische Eigentümer oder Manager die Betriebe und führten sie unter neuen Namen weiter. Besonders im Lebensmittelbereich, in der Gastronomie und im Einzelhandel gelang dies vergleichsweise erfolgreich. Als Beispiele nennt „Vedomosti“ unter anderem den McDonald’s-Nachfolger „Wkusno i totschka“, Lamoda und Rosbank, deren Umsätze unter neuer Kontrolle deutlich gestiegen seien.
Anders sieht es in technisch anspruchsvolleren Bereichen aus. In der Autoindustrie konnten russische Hersteller den Rückzug westlicher Marken nur teilweise kompensieren. Der Markt wurde stark von chinesischen Anbietern besetzt, die zwar den Absatz stabilisierten, aber nach Einschätzung russischer Experten bislang nur begrenzt in eine tiefere Lokalisierung der Produktion investieren. Die eigentliche Importsubstitution stößt dort schneller an Grenzen als im Einzelhandel oder in der Lebensmittelbranche.
Parallel zum Rückzug westlicher Firmen wuchsen die Vermögenswerte von Unternehmen aus „freundlichen“ oder neutralen Staaten. Sie stiegen laut „Vedomosti“ von 26 Milliarden Dollar auf 53 Milliarden Dollar, also auf mehr als das Doppelte. Auch die direkten ausländischen Investitionen aus diesen Ländern legten zu. Diese Entwicklung zeigt, dass Russland wirtschaftlich nicht einfach isoliert wurde, sondern seine außenwirtschaftlichen Verbindungen in Richtung Asien, Nahost und andere nichtwestliche Regionen verschob.
Doch auch dieser Ersatz hat Grenzen. Große Unternehmen und Banken aus China oder anderen Drittstaaten müssen weiterhin sekundäre Sanktionen fürchten. Viele Firmen agieren deshalb vorsichtig, besonders wenn sie vom Dollarraum, westlicher Technologie oder internationalen Finanzmärkten abhängig sind. Der russische Markt bleibt mit seinen rund 146 Millionen Verbrauchern zwar attraktiv, aber die Spielregeln haben sich grundlegend verändert.
Für westliche Unternehmen stellt sich die Rückkehrfrage damit anders als früher. Nach russischer Lesart könnten Firmen, die zurückkehren wollen, künftig mit deutlich härteren Bedingungen rechnen: Lokalisierung der Produktion, Technologietransfer, Aufbau russischer Lieferketten und möglicherweise Zahlungen in Fonds für technologische Souveränität. Die alte Formel „investieren, verkaufen, Gewinn abziehen“ dürfte politisch kaum noch akzeptiert werden.
Die Zahlen zeigen damit zwei Seiten derselben Entwicklung. Für westliche Unternehmen war der Bruch mit Russland teuer: durch Abschreibungen, verlorene Gewinne, Zwangsverkäufe, Nationalisierungen und den Verlust von Marktanteilen. Für Russland wiederum bedeutete der Rückzug zwar kurzfristig neue Chancen für einheimische Anbieter und Unternehmen aus befreundeten Staaten. Gleichzeitig aber verlor das Land Kapital, Technologie, Wettbewerb und Zugang zu etablierten internationalen Unternehmensnetzwerken.
Der wirtschaftliche Bruch ist also nicht nur eine Sanktionsgeschichte. Er ist auch eine massive Umverteilung von Vermögenswerten, Marktanteilen und Risiken. Westliche Firmen haben in Russland Milliarden verloren. Russland hat westliche Präsenz reduziert und neue Eigentümer geschaffen. Ob daraus langfristig technologische Eigenständigkeit oder nur eine teurere, weniger effiziente Ersatzwirtschaft entsteht, bleibt eine der zentralen wirtschaftlichen Fragen der kommenden Jahre.

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