Russlands erster stellvertretender Ministerpräsident Denis Manturow hat in einem ausführlichen Interview mit Kommersant die industriepolitischen Prioritäten der Regierung umrissen. Im Mittelpunkt stehen technologische Souveränität, Investitionen, Importsubstitution, Luftfahrt, Mikroelektronik, Drohnenproduktion, Autoindustrie und Rohstoffprojekte. Die Botschaft des früheren Industrie- und Handelsministers ist eindeutig: Trotz Sanktionen, teurer Kredite, Haushaltsgrenzen und technischer Rückstände sieht die Regierung die russische Industrie auf einem planbaren Weg.
Manturow bezeichnete technologische Führungsfähigkeit als eine der wichtigsten Aufgaben der Regierung. Da der Staatshaushalt begrenzt sei, müssten stärker private Industriepartner und außerbudgetäre Finanzierungsquellen eingebunden werden. Der Staat wolle solche Projekte unter anderem über Zinszuschüsse, Sonderinvestitionsverträge und Clusterprogramme unterstützen. Nach Darstellung Manturows seien die wichtigsten Zielwerte des Plans für strukturelle Veränderungen der Wirtschaft im Bereich technologische Entwicklung erreicht worden. Man habe „volle Zuversicht“, dass die geplanten Vorhaben umgesetzt würden.
Ein zentrales Motiv des Interviews ist die Abkehr von westlicher Technologieabhängigkeit. Manturow erklärte, Investitionen dürften nicht mehr allein vom Zugang zu westlicher Ausrüstung abhängen. Russland habe erlebt, dass bereits gekaufte westliche Anlagen aus der Ferne abgeschaltet worden seien. Zwar habe Reverse Engineering geholfen, solche Technik weiter zu betreiben, doch wolle man nicht erneut in eine solche Lage geraten. Künftig setze Russland vorrangig auf eigene Kompetenzen und auf Kooperation mit „freundlichen Ländern“.
Beim Parallelimport kündigte Manturow keine abrupte Wende an. Dieses Instrument sei ursprünglich als vorübergehender Mechanismus eingeführt worden, werde aber nicht auf einen Schlag abgeschafft. Die Liste der Waren werde schrittweise angepasst: Wo russische oder alternative Lieferungen verfügbar seien, könne sie gekürzt werden; wo Risiken bestünden, könne sie ergänzt werden. Eine vollständige Abschottung des Binnenmarkts gegen Importe sei jedoch nicht das Ziel.
Als besonders schwieriges Feld nannte Manturow die Mikroelektronik. Russland produziere serienmäßig Chips mit 300, 200, 130 und 90 Nanometern. Bei feineren Strukturen bestehe noch erheblicher Rückstand. Da Russland nach seiner Einschätzung nicht damit rechnen könne, moderne Lithografie- und Ätzanlagen geliefert zu bekommen, müsse es eigenes mikroelektronisches Maschinenbau-Know-how aufbauen. Im vergangenen Jahr sei ein Lithograf für 350 Nanometer vorgestellt worden, im kommenden Jahr solle ein Gerät für 130 Nanometer folgen. Bis 2030 wolle Russland sich bei zentraler Ausrüstung, Materialien und Chemikalien zu mindestens 70 Prozent selbst versorgen können.
Auch bei seltenen und seltenen Erden sieht Manturow strategischen Handlungsbedarf. Russland verfüge über große Reserven, habe aber bei der Verarbeitung und insbesondere bei bestimmten Oxiden Lücken. Da China den Weltmarkt dominiere und Preisbewegungen private Investitionen erschwerten, müsse der Staat als Lokomotive auftreten. Projekte zur Gewinnung von Germanium und Beryllium seien demnach am weitesten fortgeschritten.
In der Luftfahrt verteidigte Manturow den langsamen und kostspieligen Umbau russischer Flugzeugprogramme. Beim Superjet habe Russland ursprünglich auf internationale Kooperation gesetzt, dann aber nach dem Wegfall westlicher Komponenten eine vollständige Importsubstitution leisten müssen. Die Zertifizierung des Superjet werde im laufenden Jahr erwartet. Vorrang hätten zunächst Il-114, dann Superjet, mehrere Hubschrauber und anschließend der MS-21.
Beim MS-21 kündigte Manturow eine verkürzte Version an, die nach 2028 in neuer Form vorgestellt werden soll. Sie solle direkter mit dem Airbus A320 konkurrieren und besser zu den Anforderungen russischer Fluggesellschaften passen. Gleichzeitig räumte er ein, dass die ersten Maschinen deutlich teurer als der Marktpreis sein würden. Die Differenz solle durch staatliche Subventionen ausgeglichen werden. Erst nach 2030 rechnet die Regierung mit sinkenden Kosten durch Serienproduktion und Effizienzsteigerungen.
Für die kleinere Luftfahrt hält Manturow am Projekt „Baikal“ fest. Verzögerungen seien durch den Rückzug ausländischer Partner und den Zwang zu vollständig russischen Komponenten entstanden. Die Zertifizierung der Antriebseinheit und des Flugzeugs solle Ende 2026 erreicht werden. Zunächst solle die Maschine aus Sicherheitsgründen vor allem für Arbeitsflüge wie Waldschutz oder Agraraufgaben eingesetzt werden, bevor sie auf lokalen Passagierstrecken fliegt.
Besonders deutlich wurde Manturow beim Thema Drohnen. Der Krieg gegen die Ukraine habe unbemannte Systeme endgültig zu einem Schlüssel moderner Kriegsführung gemacht. Russische Unternehmen könnten heute allein bei FPV-Drohnen mehr als 15.000 Stück pro Tag liefern; 2023 sei diese Menge noch pro Monat produziert worden. Auch bei Aufklärungs- und Angriffsdrohnen, unbemannten Booten und Bodenrobotern sei die Produktion stark gewachsen. Zugleich würden KI-Elemente, störsichere Kommunikation und neue Einsatzmöglichkeiten für Munition weiterentwickelt.
In der Raumfahrt verteidigte Manturow die Priorität für die neue Trägerrakete „Sojus-5“. Die mittlere Rakete könne bis zu 17 Tonnen in niedrige Erdumlaufbahnen bringen und solle günstiger als die Sojus-2.1 sein. Fragen nach wiederverwendbaren Stufen begegnete er mit dem Hinweis auf laufende Entwicklungsarbeiten, unter anderem beim Projekt „Amur-SPG“.
In der Autoindustrie kündigte Manturow an, Schlupflöcher beim Import von Fahrzeugen über EAWU-Staaten zu schließen, wenn dadurch russische Lokalisierungsprogramme unterlaufen würden. Die Recyclingabgabe solle wie beschlossen bis 2030 jährlich indexiert werden. Der Anteil in Russland produzierter Autos am Binnenmarkt liege inzwischen bei mehr als 60 Prozent. Eine Sonderrolle behält der chinesische Hersteller Haval, der auch nach dem Rückzug westlicher Hersteller vollständig ausländisch kontrolliert in Russland produzieren darf. Manturow begründete das damit, dass Haval Russland 2022 „abgesichert“ habe und seine Lokalisierungsverpflichtungen erfülle.
Weitere Themen waren der Schiffbau für die Nordostpassage, insbesondere Tanker für „Arktik LNG-2“, sowie die Finanzierung künftiger Eisbrecher. Manturov betonte, die aufgebaute industrielle Kooperation im Eisbrecherbau dürfe nicht gestoppt werden. Für die Metallurgie kündigte er eher gezielte als flächendeckende Hilfen an. Unternehmen mit hoher Schuldenlast könnten Steuerstundungen oder Kreditrestrukturierungen erhalten. Gleichzeitig soll der Binnenmarkt über Staatsaufträge, Lokalisierungsvorgaben und Schutzmaßnahmen gestützt werden.
Auch beim Handel will die Regierung stärker regulieren. Der geplante Mechanismus der „russischen Regale“ soll nicht nur den klassischen Einzelhandel, sondern auch Marktplätze erfassen. Während im stationären Handel Flächen für russische Produkte reserviert werden könnten, sollen Onlineplattformen bei Suchanfragen russische Alternativen gleichwertig oder sogar vorrangig anzeigen. Zusätzlich geht es um Produktqualität, Rückverfolgbarkeit und den Kampf gegen Fälschungen.
Das Interview zeigt weniger eine nüchterne Bilanz als die offizielle Erzählung der russischen Industriepolitik: Sanktionen werden als Zwang zur eigenen Entwicklung dargestellt, Rückstände als technische Übergangsprobleme, Subventionen als notwendige Brücke zur Serienproduktion. Manturow räumt viele Schwierigkeiten ein – von Mikroelektronik über Flugzeugkosten bis zu seltenen Erden –, doch fast jede Antwort endet mit der Versicherung, dass der Staat den Prozess steuern könne. Genau darin liegt die politische Botschaft: Russlands Industrie soll nicht trotz, sondern gerade wegen des Bruchs mit dem Westen ihre Eigenständigkeit erreichen.

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