Russlands Benzinmarkt unter Druck: Börsenverkäufe fallen auf Drei-Jahres-Tief

Russlands Benzinmarkt unter Druck: Börsenverkäufe fallen auf Drei-Jahres-Tief

Auf dem russischen Benzinmarkt verschärfen sich die Anzeichen für Angebotsprobleme. Nach Berechnungen von „Proleum“ sanken die Börsenverkäufe von Benzin der Sorten AI-92 und AI-95 am 20. Mai auf insgesamt 21.600 Tonnen — den niedrigsten Stand seit drei Jahren. Auch das Nationale Börsenpreiszentrum registrierte einen deutlichen Rückgang: Demnach wurden an diesem Tag 20.220 Tonnen Benzin verkauft, 13,4 Prozent weniger als am Vortag. Besonders stark gingen die Verkäufe von AI-92 zurück, während AI-95 leicht zulegte.

Marktteilnehmer sprechen gegenüber Kommersant von einem knapper werdenden Angebot, wachsender Konkurrenz um verfügbare Mengen und teils ungewöhnlichen Verkaufsbeschränkungen. Einige große Produzenten sollen bereits nach dem Prinzip „ein Los pro Käufer“ verkaufen. Besonders gefährdet seien große unabhängige Tankstellenketten, die im Gegensatz zu vertikal integrierten Ölkonzernen keine eigene Förderung und Verarbeitung im Rücken haben.

Der Druck auf den Markt hatte sich bereits Anfang Mai abgezeichnet. Damals berichtete Kommersant, dass vor allem AI-95 knapp werde. Grund seien außerplanmäßige Reparaturen an Raffinerien, eine geringere Primärverarbeitung von Öl und der saisonal steigende Verbrauch. Hinzu kommt, dass der russische Fahrzeugbestand sich verändert: Viele neuere, insbesondere chinesische Automodelle benötigen eher AI-95 als AI-92. Damit verliert die frühere Annahme, vor allem AI-92 sei der sozial entscheidende Kraftstoff, an Plausibilität.

Offiziell geben sich die Behörden weiterhin beruhigend. Das Energieministerium erklärte bereits in der vergangenen Woche, der Binnenmarkt sei stabil und kontrollierbar, die Logistik funktioniere, regionale Versorgungsunterbrechungen gebe es nicht. Auch die Antimonopolbehörde FAS erklärte gegenüber Kommersant, bei ihr seien keine Beschwerden über Benzinmangel eingegangen. Die Regierung verweist zudem auf Maßnahmen wie das bis Ende Juli geltende Exportverbot für Benzin.

Die Zahlen der Börse zeichnen allerdings ein angespannteres Bild. Am 20. Mai lag der nicht erfüllte zahlungsfähige Bedarf bei AI-92 bei fast 41.000 Tonnen, bei AI-95 bei knapp 34.000 Tonnen. Ein Marktteilnehmer berichtete, allein am Handelsplatz Ufa gebe es zeitweise 100 bis 200 gleichzeitige Kaufanträge für AI-92; zu ihrer Bedienung wären rund 12.000 Tonnen erforderlich — etwa so viel wie an diesem Tag insgesamt von dieser Sorte verkauft wurde.

Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch die Lage der Raffinerien. Laut Kommersant verschärfte sich das Angebotsproblem Anfang Mai durch geplante und außerplanmäßige Reparaturen großer Werke. Am 20. Mai kam hinzu, dass bei „Nischnegorodnefteorgsintez“ keine Benzinverkäufe stattfanden. Der Gouverneur der Region Nischni Nowgorod, Gleb Nikitin, hatte am selben Tag von Schäden an zwei Industrieobjekten nach dem Absturz von Drohnentrümmern berichtet. Reuters zufolge hatten bis zum 20. Mai alle großen Raffinerien in Zentralrussland ihre Verarbeitung oder Kraftstoffproduktion vorübergehend reduziert oder gestoppt.

Trotzdem sind die Preise bisher nicht explodiert. Auf der Petersburger Warenbörse verbilligte sich AI-92 am 20. Mai leicht auf 66.130 Rubel pro Tonne, AI-95 verteuerte sich um 0,5 Prozent auf 72.830 Rubel. In der Region Moskau lagen die Durchschnittspreise an Tankstellen am 18. Mai bei 64,32 Rubel pro Liter AI-92 und 70,90 Rubel pro Liter AI-95. Allerdings wird der Börsenpreis durch Handelsregeln begrenzt; außerhalb der Börse sollen verfügbare Mengen bereits mit Aufschlägen von rund zehn Prozent verkauft werden.

Für Autofahrer bedeutet die Entwicklung nicht automatisch, dass landesweit leere Zapfsäulen drohen. Experten rechnen eher mit lokalen Problemen, besonders bei unabhängigen Tankstellen, in südlichen Regionen und im Fernen Osten. Größere Ölkonzerne dürften ihre eigenen Tankstellennetze bevorzugt versorgen. Für kleinere Betreiber ohne eigene Lager, langfristige Lieferverträge oder direkten Zugang zu Raffinerien könnte die Lage dagegen kritisch werden. Kommersant zitiert Experten mit der Einschätzung, dass es zwar wohl nicht zu massenhaften Schließungen von Tankstellen kommen werde, einzelne Insolvenzen kleinerer und mittlerer Betreiber aber wahrscheinlich seien.

Damit zeigt sich erneut ein Grundproblem des russischen Kraftstoffmarkts: Die Regierung kann Preise und Exporte administrativ begrenzen, aber Reparaturen, Produktionsausfälle, Logistikengpässe und steigende saisonale Nachfrage lassen sich damit nur begrenzt ausgleichen. Entspannen könnte sich die Lage, wenn Raffinerien in den kommenden Wochen aus der Reparatur zurückkehren. Bis dahin bleibt der Markt angespannt — auch wenn Moskau offiziell weiter von Stabilität spricht.

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