Rostelekom-Chef: Russlands Telekommarkt lebt in einer neuen Normalität

Rostelekom-Chef: Russlands Telekommarkt lebt in einer neuen Normalität

Der russische Telekommunikationskonzern Rostelekom sieht sich nach den Umbrüchen seit 2022 als eine Art Rückgrat der russischen Digital- und Staatsinfrastruktur. In einem Interview mit dem „Kommersant“ erklärte Konzernchef Michail Osejewski, das Unternehmen habe sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert: Aus einer früher stark telefoniebasierten Gesellschaft sei ein großer digitaler Konzern geworden, bei dem inzwischen rund 30 Prozent der Einnahmen aus digitalen Produkten stammen. Rostelekom nähere sich einem Jahresumsatz von einer Billion Rubel und habe die Ziele seiner Strategie 2021 bis 2025 formal übererfüllt.

Als zentrale Zäsur bezeichnete Osejewski das Jahr 2022. Damals hätten ausländische Ausrüster, mit denen Rostelekom über Jahre seine Infrastruktur aufgebaut habe, die Zusammenarbeit praktisch eingestellt. Das Unternehmen habe sich „auf dem Marsch“ umstellen müssen, um die Kontinuität jener Infrastruktur zu sichern, auf der nach Darstellung des Konzernchefs der Staat, zahlreiche Branchen und Großunternehmen beruhen.

Gleichzeitig räumt Osejewski ein, dass das Wachstum teuer erkauft ist. Rostelekom investiere jährlich etwa 150 bis 170 Milliarden Rubel in digitale Infrastruktur. Zugleich drücken hohe Zinsen und Schuldenlast auf die Gewinne. Allein für Zinszahlungen habe das Unternehmen 2025 rund zehn Milliarden Rubel pro Monat aufbringen müssen. Dennoch plant Rostelekom laut Osejewski, den Anteil digitaler Produkte bis 2030 auf mindestens 40 Prozent zu erhöhen und die Nettogewinne gegenüber 2025 um das 3,5-Fache zu steigern.

Ein wichtiger Wachstumsbereich ist künstliche Intelligenz. Rostelekom habe für interne Prozesse und Anwendungen bei Kunden ein eigenes Produkt namens „Neiroshljus“ entwickelt. Darunter arbeiteten mehrere Sprachmodelle, die je nach Aufgabe eingesetzt werden könnten. Nach Angaben Osejewskis gibt es bereits Verträge mit mehreren staatlichen Stellen, so dass es sich nicht mehr nur um ein internes Experiment, sondern um ein kommerzielles Produkt handelt.

Auch Robotisierung soll für Rostelekom ein neues Geschäftsfeld werden. Das Unternehmen arbeitet dabei unter anderem mit Partnern aus China zusammen. Auf einigen russischen Betrieben würden bereits Roboter-Schweißer getestet. Osejewski sieht die Nachfrage weniger im einfachen Verkauf solcher Technik, sondern eher in einem Servicemodell: Rostelekom wolle fertige Lösungen in bestehende Produktionsprozesse einbauen und als Dienstleistung betreiben.

Besonders bemerkenswert sind Osejewskis Aussagen zu den wiederholten Abschaltungen des mobilen Internets in russischen Regionen. Kunden betrachteten diese Einschränkungen inzwischen als „Realität, in der wir leben“. Für Rostelekom bedeute das wachsende Nachfrage nach festem Internet und WLAN-Zonen, etwa bei Unternehmen, Industrieobjekten und Behörden. Die Dynamik beim Aufbau von WLAN-Infrastruktur habe sich nach seiner Einschätzung im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

Der Rostelekom-Chef widerspricht zugleich dem Eindruck, sein Unternehmen profitiere übermäßig von den Internetsperren. Man sei kein „Hyperbenefiziar“ dieser Einschränkungen und habe damit keine großen zusätzlichen Gewinne erzielt. In Gebieten nahe der Frontlinie realisiere Rostelekom nach seinen Worten viele Projekte sogar kostenlos für die Bevölkerung. Irgendwann, so Osejewski, werde man „zur normalen Lebensweise“ zurückkehren.

Aus russischer Sicht zeigt das Interview zweierlei: Rostelekom präsentiert sich als Gewinner der staatlich forcierten Digitalisierung und Importsubstitution, muss aber gleichzeitig mit hohen Kosten, Regulierung und einer politisch bedingten Störanfälligkeit des Netzes leben. Für die Bevölkerung bedeutet die neue Telekom-Realität vor allem eines: Festnetz, WLAN und sogar das alte stationäre Telefon werden wieder als Ausweich- und Sicherheitsinfrastruktur wichtiger.

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